Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 2 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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»chun der Abend MB Ende de« ersten Arbeitstages «rar eine Erholungspause. Die Gelsenkire}.e:.ei. die vorher nichts erraten wollten und sich in keiner Weide' ausfragen ließen, ■aQnten diese Erholung einen „Hunten Abend", — er ■rar der Ausbund eine? JunggruppcnalM'iids: ül>orau8 ungekünstelt, mit einem echeinbai improvisierten Gesicht, hingeworfen, flott, entzückend, und.-was auch niefit zu verachten tot, grenzenlos amüsant. Hier soll die Kritik folgen. Am Klavier hatte «ich II a Ii s Block aufgepflanzt, mit großer Ruhe, mit .routinierler Besonnenheit Am Dirigontenpult schaltete der eben Hetzehnjäbrige Hans Plaut und genierte sich nicht, während der entzückenden Kindersinfonie von Haydn. die man immer wieder gerne hört, zuweilen gelassen, zuweilen temperamentvoll den Taktstock zu — .schwingen. Lampenfieber —? I. wo! Nicht die Spur! (Später machte er mir Geständnis, in der Hitze des Gefechts die ihm dabei zugedachte und zustehende Kindertrompetc — zu Hause gelassen zu hoben! — Was hat's geschadet! Nicht ein Atom wnrde dadurch am Erfolg der Darbietung umgelagert!) — Ruth und Hans Block brachten dann am Klavier ein paar norwegische Tänze, Hans Abraham produzierte sich als Kabarettist, das machtvolle Bnrdeslied „Die Gedanken sind frei!'" wt|rde gemeinschaftlich gesungen. — kurz und mit. mau war in hingerissenster Stimmung, als die Gelsenkirehener Freunde uns auf den Gipfel des Abends zogen und in einwaudfiviciu Spiel das schon etwas kraß-lustige Theaterstück r Herr Söhn" aufführten. Ich muß gesteben, es gibt zweifellos viele Dinge. ül>cv die man unweigerlich lachen iniiß. At>cr -n was, wie diese haarsträubende' Geschichte von diesem Musterexemplar vdri filtern und Sohn muß das Zwerchfell erschüttern! Ein Lustspiel ohne Kitsch, ist es hiermit allen theaterfreudigen Gruppen' aufs beste empfohlen. ^Erschienen ist es im Fridolin-Jahrbuch 1!>'2S „Der deutschen Jugend neues YCnndorhoni". Fllffteinverlag. Berlin). Nicht irnerwähni soll in diesem Zusammenhang das feine schnusp;<-'. ri-i-h" Talent des kleinen Günther Bein bleiben. i Aber nicht vom Theater allein lebt der Mensch in den Zwischenpausen .liesrs Daseins. Theater ist im allgemeinen nichi .Ii.- einzige Begleiterscheinung von Tagungen. Eklingt \ ii |leicht etwas sehr naturalistisch, wenn hier auch von dem-Essen die Rede ist. und ich hätte es auch nicht getan, wenn nicht diese verschiedenen gemeinsamen Mohlzeiten von so rührender, unermüdlicher Aufmerksamkeit Hot Oelsenkfrchener Mädels begleitet gewesen wären! So gehörten die Mahlzeiten zum ganzen Zusammensein, zum Sir-n-Kenncnlerm n und Sie))-Aussprechen, und mehr als einmal wurde auch während der Tafe'gcnüsse .i0in Problem erörtert". — Außerdem war der Küchenzettel so geschickt ausgeklügelt ("ein paar Mädels, die darin kompetem sind, be- MKtigten das nicklinltlos!,), daß wir tatsächlich verwöhnt und anspruchsvoll werden könnten, wenn wir mal auf anderen Tagungen —. doch ohne irgendwelche Beschwerden pränumerando loszulassen: die verantwortlichen kulinarischen Zeichnet mögen sieh jedesmal auf alle Fälle von den Ge'senkirebener Freunden die in Frage kommenden Anleitungen (..'Reziepte" würde Schwarzechild sagen . . .) anfordern. Zwischen, den . Arbeiten: Bindungen persönlicher Art »teilen siili enCohoe äußeren Anstoß, von selber. — ein Aus. '.nisch von Erfahrungen. Ratschlagen, Adressen. — ungeduldige Wtinsehe stampfen umher, denn es geht ja bekanntlich allf-s viel zu langsam in der Welt, — Sorgen. Erwartungen, die nicht an der Peripherie von Träumen stehen bleiben, ballen sich zusammen. — nicht alle« sind Führer, entschiedene, fertige Menschen, die sich hier den Weg der Gemeinschaft suchen. Ein F ü h r-e r k u r s u s sollte Gelsenkirchen werden. Es ist mehr geworden: pine Gemein- -ih.ift. die nicht nur Vorspiel und Auftakt, nicht bloß Elite und Ausle-e -ein will. — sondern die verantwortungsbewußt die jüdische Wirklichkeit formen wird, und für die es keine tflderc Kampffront gibt als die Werte unseres V e t h a ndes Zum Problem des Sprechchors von Dr. Kurt Eckstein. Oberhausen Der Sprechchor nimmt unter den Ausdrucksmitteln unsrer Zeit einen eigenartigen Platz ein. Einerseits ist er Zeuge des Kollektivwillens unsrer Zeit: gemeinsames Werk zwingt eine Schar zu gleich geartetem Tun. Anderseits bindet er diese Menschen an ein gemeinsames Erlebnis: das beseelte Werk des Dichters leitet sie aus der künstlichen Welt der Gegenwart zurück zu den Quellen des Lebens, die aus der Kunst wie aus der Natur uns zuströmen. Alle Kunst hatte bisher individualistisches Gepräge. Selbst in Zeiten, in denen das Zusammenleben auf der Ordnung einer Gemeinschaft beruhte,) verkündete der Rhapsode der lauschenden Menge den neuen Sang, und er verbreitete auf seinen Wanderfahrten die Kenntnis des dichterischen Gutes seiner Nation. Das gesprochene Wort erklang gemeinsam nur zu Kundgebungen, bei kurzen, rasch verhallenden Ausbrüchen der Leidenschaft. Eine einzige Kunst beruhte auf der Mitarbeit mehrerer Individuen, hatte, ein Abbild der großen Gemeinschaft, selbst ein organisches, gemeinschaftliches Ge- (üge: es war die» Kunst des Theaters. Der Tanz näherte sich schon mehr dem gemeinsamen Grunde des Gefühls. Die Musik allein konnte eine größere, gleich gestimmte Schar zur Mitwirkung vereinen, weil sie das menschliche Gefühl in einer allgemeinen Form ausspricht, an der alle teilhaben können Alle anderen Künste bedürfen viel dringender einer Gemeinschaflskultur als Grundlage, da sie einen weit größeren Komplex des kulturellen Lebens schildern, und hier liegt sicher einer der Gründe, aus denen in der Neuzeit die Pflege der Musik so sehr die anderen Künste zurückdrängte. Wenn der Sprechchor sich der Aufgabe unterzieht, durch die Dichtkunst als Mittlerin wieder mit den ursprünglichen Kräften des Gefühls in unmittelbare Verbindung zu treten, muß er vor allem das Gefüge und die Wesensart der Dichtung unangetastet lassen: denn wenn er sie zerstört, verrammelt er sich den Weg, den er sucht und den er suchen muß. Es ist von vornherein zu vermuten, daß er seiner Natur nach der bisherigen individualistischen Kunst nicht nahekommen kann, und so weit ich bisher die Bestrebungen der Jugend in dieser Hinsicht überblicken konnte, bestätigte die Erfahrung dies; Vermutung. Jch konnte bestimmte Prinzipien beobachten, die man verstehen kann, wenn man die Erscheinungsweisen des Zeitgeistes kennt, die aber versagen müssen, wenn die lebendige Seele um Ausdruck ringt. In eine solche Schablone läßt sich die Vielfältigkeit des Gemütslebens nie und nimmer zwingen, Es scheint mir eine wichtige Aufgabe, im ersten Enthusiasmus, den das Neue erweckt, innezuhalten, sich klar zu werden über, das Wesen der zunächst verblüffenden Erscheinung, und zur Besonnenheit zu mahnen, wenn man erkennt, daß dieser Weg nicht zum Ziele führt, sondern in die gleiche künstliche Welt mündet, die wir erst zu einer lebendigen ümschaffen müssen. Ich weiß, es ist eine undankbare Aufgabe. Man kann eher mit" den Frohen fröhlich sein, wenn der holde Schleier des ,,süßen Wahns" die drohende Gefahr verbirgt, und man wird leicht das Schicksal der Kassandra teilen, die allein von den Freuden der anderen sich fern hält, weil sie erkennt, welchem Verderben die Uebermütigen entgegenrennen. Aber ich denke, es liegt im Sinne der Jugend, festen Blicks der Wahrheit ins Auge zu sehen. Nur die Müden und Uebersättigten geben sich mit den Dingen zufrieden, wie sie eben sind, ohne ihren Wert zu prüfen. . Da es also gesagt sein muß, so will ich meine Bedenken nicht verschweigen. Mir scheint, daß die Dichtungen durch die Art und Weise, wie bei uns der Sprechchor behandelt wird, arg entstellt werden, und ich gestehe, daß mir, als ich zum erstenmal den Sprechchor des Düsseldorfer Jugendvereins hörte, das Wort „Barbarei" auf die Lippen kam, obwohl seine Darbietung durch eine gewisse Virtuosität imponierte und die meisten Zuhörer zu hellem Enthusiasmus hinriß. Ich beabsichtige nicht, von falschen Akzenten zu sprechen, von verkehrter Auffassung oder von der Verkennung eines be- 6