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Der Jugendbund · 1929-02-01 · 2 (1.2.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
2 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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II. Die Referate. "!®r. Philipp, Elberfeld: „Dm Judentum als t'rundla:;c unserer Arbeit." Der junge jüdische Mensch kommt durch sein Hineinwachsen" in die jüdische Jugendbewegung zu dem Gefühl, er müsse dos Jüdische in »ich irgendwie gestalten. Aber er kann das nicht, bevor er weiß, was Judentum ist. Eindeutig kann der Begriff Judentum heute nicht definiert werden. Unklarheit herrscht darüber. Fragt man jemand danach, so bekommt man die Antwort mit dem unmöglichen Anfang: ...Judentum — ist . . .'* Daher ist «'in geschichtlicher Rückblick notwendig. Die Emanzipation — eine Auswirkung der allgemeinen Mcnschheitsbestrebup.gen und Reformen um die Wende des 1S./19. Jahrmfndertd — traf unvorbereitete Juden. Ein kleiner Kreis um Mos.Mendelssohn war vorbereite», die Ma.»se war's nicht. Sic lebte noch im geistigen Ghetto: Die Dankbarkeit für das tiesChenk der Emanzipation wirkte sich für den Staat dahin aus. dal» man eigene Rechte aufgab. So kam es. daß die bürgerlich-recht liehe Gleichstellung Zunächst unbedingt zur Assimilation führen mußte.. Der Ausdruck Assimilation - m-tainini der Naturwissenschaft, bedeutet Verdauung und auf die Botanik übertragen: die Pflanze gleicht sieh die Stoffe d e r A u ß e n w e 1 t a n. Redner prägt hier den Begriff: A k k u sa t i v - A s s i m i tat ion. Jeder Mensch nimmt die Dinge der Außenwelt in sich auf. Zu bedenken ist bloß: ol) er dabei von den Dingen verdaut wird, oder ob er die Dinge verdaut. Verschlingen die Dinge ihn, gleichl er sich den Dingen der Außenwelt an. dann darf man von einer D a r i v - A s > i m i 1 a t i o n reden. Also entweder: der Mensch irleicht sieb die Außenwelt an, oder: dir Mensch gleicht sich der Außenwelt an. Erst durch die heillose Wirksamkeit der Dativ-Assimilation wurde der Begriff des Atfcrimilanten zum Schimpfwort: Der Jude des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts sah in seinem Judentum nur eine konfessionelle Spielart, und dnh'r rührt die bedenkliche Entwicklung des jüdischen Menschen jener Zeit. Hinzu kam. daß durch das üble Judengesetz vom Jahre 1817 die GvTOeindeselhötrindigkoH zerstört wurde. Dieses Judensresetz «"*Mmt nur rein äußere Dinge, 'Zusammensetzung von Vorstand uatl l\e'priisentantenvers.uiunlung. Finanzen, Synngogenbezirke. — von geistig kulturellen Fragen jüdischer Art enthält ts nicht das tttindeste. So wurde das deutsche Judentum halbiert. Man erkannte die Gefahren dos; kranken Judentums. Hnd es kamen jüdische Bewegungen, die zu helfen suchten. Eltens dir Reform, die das noch vorhandene religiöse Empfinden modernen Formen angleichen, und die alles .möglichst versiandesmüßig erklären wollte. Die ersten Reformer (KoWheim und Ritler) waren ehrliche Juden, denen man die aufrichtige Liebe zur Religion nicht absprechen konnte. Auf der anderen Seite trat die Xeu-Orthodoxie, tinter Führung von Samson Raphael Hirsch, auf den Plan, zwar auch! ctotun 1! daß Judentum eine religiöse Gemeinschaft sei. jedoch mit einem kleinen Plus: Hirsch redete von Gottes- \..lk. Gesetzes v o I k. Jeder Jude sollte sich in seinem Vt'ohnland einbürgern, aber in keinem Punkt die Bestimmungra dos jüdischen Gesetzes vernachlässigen. Denn das Judentum hat die Mission des Vorlebens. Diese Bewegnng de:- Orthodoxie war zur Zeit moderner als der Liberalismus, denn sie knüpfte unmittelbar an die romantische Philosophie jener Tage an. wahrend ein tieiger auf dein Boden der Philosophie der Aufklärung stand, die doch damals -i hon seit fünfzig Jahren eigentlich überwunden war. Die l.ntwir klut:irsidee sollte aueh auf las (iebiet der Religion angewandt weiden, vor allen, sollten Formen verändert, zertrümmert, modernisiert werden. Man hnt dabei viel vom Inhalt mitgerissen, besonders die Nachbeter Geigers, die •Hei im Nnr-Moderneh nicht radikal ircum: gebärden kotinten. i I.eo Bäck: „Religion;st immer in gewisser Beziehung un- --»- modern und der großeWirtersproch gegen das Nnr-Zeitgemäße!" — Dieses Zilat unseres beutigen großen jüdischen Führers sei gen •nnerr'.wegt liberaler, entgegengehalten *l 2 Eine M i 11 e 11 i n i e stellt F r a n k I dar. Er wollte nicht nur die durch die Entwicklungsidee noch haltbaren Formen schützen, sondern auch diejenigen, die im Volksbewußtsein hafteten, selbst wenn sie der modernen Entwicklung nicht mehr entsprächen. Doch nichts konnte den Verfall aufhalten. Ks entsteht der jüdische Typus des Durchschnittsbürgers, der Mensch der „korrekten Linie", der den lieben Gott nicht braucht, und der sich über Taufe und Mischehe nicht weiter den Kopf zerbricht. Bestenfalls gibt er zweimal im JaJire beim liehen Gott die Visitenkarte ab, denn: man kann nie •rissen . . .! Vielleicht ist doch etwas dran, an dieser Religion* Trotz aller modernen Gesichter hat der jüdische Bürger innerlich ein kleines Angstgefühl, das sich um die Jaum-Kippur- Zeit prompt einstellt. Nach dem siegreichen Kriege von TO/71 war Akademikerwerden so ziemlich filoichbedcutend mit- Christ werden. Der Antisemitismus, der damals zur selben Zeit in Deutschland emporschoß, ist insofern ein Pnsilivum für das deutsche Judentum, als du ich ihn die allmählich grol> gewordenen indischen Organisationen Wurzel geschlagen Innen. Alles Jüdische, das in unsere Generation hineinragt. Komm) vom Antisemitismus. Denn die Zusammenschlüsse der Juden im Ceniralverein und in der Zionistischen Vereinigung, in den Studentenverbindungen und Jugendvereinen sollten gaeTSt Abwehrorganisationen darstellen gegen den äußeren Feind. Man hatte erkannt, daß der Jude trotz allem Jude bleibt, daß . er etwas anderes ist als seine Umgebung. Und man stellte fest, daß dieser Unterschied treu anderen stärket i mpfunden wurde, als von den Juden. .Das aufgelöste Judentum konnte die Abwehr gegen die Antisemiten nicht aufnehmen, und daher schloß man sich zusammen. Ks kam de: C. \. Er arbeitete zunächst ohne Ideologie, rein praktisch als Verein gegen die Judenfeindschaft. Auch Zionistcn konnten ohne weiteres Mitglieder des C. V. sein, bis dann 1913 die Spaltung kam. Ziel des N:n hkriegs-C.-V. " ist die Erziehung zum Deutsch-Juden. -luJenttim und Deutschtum sollen einander durchdringen. Die Bezeichnung „jüdischen Glaubens"* ist allerdings unverständlich, denn die Frage „Was ist jüdischer Glaubei"" bleibt eine rhetorische. Deutschtum ist eine -SelbstVerständlichkeit, .ludesein ist eine Verpflichtung, an der Gestaltung des Judeseins mitzuarbeiten, ist ein. \ erbundenheilsgefühl mit dem Gesamt judenl um. Der Zionismus geht von dem Standpunkt aus, daß das Zu.-.unmengehörigkeitsgefühl aller Juden heute noch so stark sei. daß man zur Tatsache „Volk" kommen mü^se. Das - he Volk lebe zwar noch, aber es ist ohne ein Zentrum, von dem es neue geistige Auffrischung erhält, nicht lebensfähig. Judentum ist nicht Selbstzweck, sondern Aufgabe. So Bat auch Palästina nicht bloß historisches Interesse, sondern Sie Arbeit um Palästina 6oll zur Renaissance dos jüdischen Volkes und der jüdischen Kultur führen und vor allem auch auf die Juden im Galulli zurückwirken. Der Zionismus hat dazu beigetragen, viele gleichgültige Juden wieder dem Judentum zurückzugewinnen, teils als Anhänger der zionistischen Idee, teils aber auch, was im Prinzip ebenso wertvoll ist, als Gegner. Das Wiederaufleben der hebräischen Sprache bis weit in die Kreise der Liberalen hinein ist ein Verdienst der Zionisteu. Im übrigen kommen die jungen Rabbi ncrkandidaten grade aus zionistischen Reihei.. In der Gegenwart hat der jungjüdische Mensch die >ehiisucht nach religiöser Formung. Die Redensart: Wir braut hen keine Form! — ist eine heuchlerische Phrase. Man weist so gern auf die Prophrieii hin, die angeblich wider den Formelkram gepredigt haben. Eifert nian aber in der Ethik den Propheten etwa nach/ — Der Redner bringt die Midrnsch- Stelle, die das Gleichnis enthält, daß köstlicher Wein auch ein Gefäß erfordert. Unser religiöser Inhalt braucht datier auch die Form. Der einzelne mag die Form für sich entbehren können, — aber: 'die Gemeinschaft? Wir müssen daran denken, daß wir Glied in einer Kette sind. Vergangenes und Zukünftiges darstellen. Form darf nicht aus äußeren Dingen zu uns kommen, sondern tief aus dem innersten Erleben, aus der Erschütterung unserer Seele. Aus uns kommt die Synthese alter und neuer Form. Jode Richtung im Judentum hat ihr Recht. Aber der Streit der Parteien muß aufhören ein Kampf gegeneinander *ii sein, es muß ein ehrliches Auseinandersetzen, ein Ringen l.

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