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Der Jugendbund · 1929-01-01 · 1 (1.1.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
1 (1.1.1929)
Date
1929-01-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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DIE JUNGGRUPPE Die Schriltkitung dieser Rubrik liegt in den Händen von Jack Raphael. Beckum L W., an den alle Einsendungen zu richten sind. Vorberlcht Ober die Junggruppentagung in Geisenmrchen Vom 23. bis 26. Dezember hatten etwa 70 Junggruppier das Glück, einen mustergültig vorbereiteten Führerkursüs zu vollem Erfolg zu führen. In Arbeitsgemeinschaften und vielen persönlichen Unterredungen hatten wir Gelegenheit, uns gegenseitig kennen zu lernen, unsere gemeinsamen Sorgen zu klären, so daß unser gemeinsames Ziel, die Idee des „Bunde s", zum ersten Male von allen erlebt wurde. Wir sind auseinandergegangen mit dem festen Vorsatz, den Bund so zu verwirklichen, daß die nächste Zusammenkunft aller Junggruppier Pfingsten 1929 mit Recht Bundestag genannt werden kann. Ein ausführlicher Bericht folgt in der nächsten Nummer. Die ludische Jugend und Ihr Weg Von Emil Bsrnhard Cohn. Berlin Es ist außerordentlich schwer, im gegenwärtigen Augenblick über die jüdische Jugend, ihren Weg und ihr Ziel etwas zu sagen; fast so schwer, wie z u ihr zu sprechen, zumal wenn man ein Vierziger geworden ist, viele Höhepunkte, aber auch manche Tiefpunkte der jüdischen Jugendbewegung erlebt hat und je und je vom Zweifel beschlichen wird, ob es denn überhaupt noch eine jüdische Jugendbewegung gebe. Je älter man selber wird, um so mehr wird der Blick auf das Kleine gerichtet. Das ist nicht in dem Sinne zu verstehen, als wenn sich der Gesichtskreis des Menseben mit den Jahren verengert, sondern der Mensch, der in der Jugend nach den Sternen griff, erkennt mit der Zeit, daß die Größe des Gefühls und die Weite der Ideale nicht die letzten Schätze des Lebens zu heben vermögen. Vielmehr wird ihm mit wachsendem Alter jedes kleine Ding zum Prisma, in dem er das Größte und Weiteste des Lebens erfaßt und erkennt. Die Jugend kann und will aber nicht so sehen. Sie erkennt noch nicht das Große im Kleinen, und man muß mit letzten Gedanken des Absoluten und der Unbedingtheit kommen, um ihr ans Herz zu greifen. Wenn ich rückblickend die ganze Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung, sowohl der allgemeinen wie der akademischen, betrachte und zu deuten versuche, so erkenne ich, daß alles, was gestrebt, gestritten, gesehen und gesehnt wurde, nichts anderes war als ein einziger Kampf ums Recht. Dieser Kampf ums Recht, der das ganze neunzehnte Jahrhundert erfüllte und sich beim Zentralvereinler als Kampf um die Gleichberechtigung, beim Zionisten um die letzte Geltung jüdischen Geblüts und jüdischen Wesens äußerte, ist auch das Streben der jüdischen Jugend, gewesen und wird und soll es bleiben. Der Kampf der Generationen, der noch kürzlich so sehr lebendig war, ist ja auch nur ein Kampf ums Recht und um die Geltung. Das wird, glaube ich, auch Weg und Ziel der jüdischen Jugendbewegung bleiben. Es ist ein jüdischer Weg und ein jüdisches Ziel, mit dem besten Oele der Propheten gesalbt und tief verankert in den Traditionen unsres Volkes. Und darüber hinaus täte nur eine Ermahnung not: Wer für die eigene Geltung kämpft, muß auch andere gelten lassen. Wenn die jüdische Jugend das erkennen würde, würde manch ein Streit vermieden und manch ein Hader beigelegt sein. In einer Zeit, wo die ganze Welt aus Streit und Hader besteht, wo die Amoral die Völker vergiftet und die Politik verdirbt, soll es deine Aufgabe, jüdische Jugend, sein, das tiefe Recht der Menschheit zu verteidigen, das Recht auf Geltung selbst des Kleinsten und die Freude über jeden, dem dieses Recht unverkümmert besteht. Jugend spricht Ober Reilglon Verschiedene Ausführungen über Religion und Religiosität sind aus den Reihen der Junggruppen bei uns eingegangen. Bevor wir der Jugend das Wort erteilen, mögen an dieser Stelle zunächst die folgenden, sehr beachtenswerten Gedanken unseres Verbandsfreundes, Rabbiner Dr. Schorsch, Hannover, als notwendige Einleitung veröffentlicht werden. (Die Red. J. R.) Es ist eine gewagte Sache, junge Menschen zu veranlassen, ihre Gedanken über Religion auszusprechen. Gewagt, nicht etwa aus dem Grunde, weil man revolutionäre Gedanken zu befürchten hätte. Revolution ist ja an sich weder gut noch schlecht. Immer wird es sich darum handeln, warum revolutioniert wird. Will die Empörung über das Bisherige bessere Zustände herbeiführen, so wird wohl kein wahrheitssuchender Mensch schlechthin eine Verurteilung aussprechen können. Aber darauf kommt es eben an, daß man Wahrheit sucht. Dieses Streben entscheidet sogar über jede Handlung des Menschen. Es entscheidet also auch über die Frage, ob man jugendliche Menschen auffordern darf, über Religion ein Urteil abzugeben. Man muß also die Frage so stellen: Kann denn Jugend überhaupt über das, was man Religion nennt, urteilen? Hat sie genügend Erfahrung, nicht um das Letzte und Höchste über diese Frage zu sagen, aber wenigstens soviel Erfahrung, daß sie von der Wahrheit ihres Gegenstandes etwas ahnt, daß ihr Urteil einem Suchen nach Wahrheit entspricht? Ist das nicht der Fall, dann ist jedes Urteil frivol, und es könnte kein ernster Mensch verantworten, -zu solchen Urteilen aufgefordert zu. haben. Kann also Jugend über Religion urteilen? . Nein und ja. Es mag sein, daß vielleicht das kleine Kind dem Göttlichen nähersteht als der Erwachsene. Aber eines darf man nie vergessen: Was man Religion nennt, ist immer nur von Erwachsenen geschaffen worden, von Menschen, die die Not und die Gefahren des Lebens kennengelernt und ausgekostet haben. Religion ist ja das Suchen nach einem Boden, der dauernder ist als das von Bitterkeit und Not erfüllte menschliche Leben. Ihre Wahrheit ist der einzige und letzte Hoffnungsstrahl, wenn sich der schwarze Schleier des Todes einmal über den Menschen breitet. Es gab auch im Gebiet der Religion von jeher Revolutionäre. Aber es ist ein eigenartiger Umstand, daß diese Empörer gegen das Bestehende reife Männer waren, die das Leben in seiner Schwere und Tiefe kennengelernt hatten und die — wenn es sein mußte — für Gedanken gestorben sind. Will Jugend sicfi mit ihnen vergleichen? — Aber sie will über deren Gedanken urteilen? Möchte sie doch'an das Wort denken, das unserem größten Propheten galt: Ziehe deine Schuhe aus, denn der Boden, auf dem du stehst, ist heiliger Boden. Wenn irgendwo, dann gilt hier das majestätische Gebot der Ehrfurcht. Wer es übertritt, für den bleibt das Tor zu wahrer Religion für immer verschlossen. Darf also Jugend gar nicht urteilen? — Doch. Sie darf, muß vielleicht urteilen, Stellung nehmen, weil sie in unserer Zeit lebt. Wer sähe nicht, wie unsere Zeit das Band der Religion abgestreift hat oder noch schlimmer, innerlich gelöst hat und äußerlich das Ueberkommene bewahrt; also den Vorwurf der Heuchelei geradezu herausfordert! Der mißversteht das Wesen der Religion, der glaubt, sie gäbe sich auch mit Heuchlern zufrieden. Er hat nichts begriffen von dem furchtbaren Ernst des Gedankens, daß wir einst alle Rechenschaft ablegen müssen vor dem, der mit unerbittlicher Klarheit in das Innere schaut. Wir brauchen nicht nur Ausübende im Gebiete der Religion. Wir brauchen wieder wirkliche Bekenner. Und der Weg dahin geht nur über das eigene Gewissen, über die eigene Stellungnahme. Es fehlt aber heute an Bekennen) des Judentums, die sich nicht vom Materialismus der Zeit haben unterjochen lassen. Darum darf man für unsere heutige Jugend wieder ein Wort des großen Hillel in den Vordergrund rücken: „Wo keine Männer sind, bemühe dich, ein Mann zu sein!" Unsere Jugend ist vielleicht nicht mit der Jugend früherer Zeit zu vergleichen. Sie hat Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt und menschliche Leidenschaften in ihrer Tiefe aufgewühlt gesehen. Warum soll sie nicht auch von dem Heiligen ahnen, das in dem uralten Tempel der Religion wohnt? In diesem Sinne sollte die Aussprache ein Zeichen dafür sein, daß die Ehrfurcht vor einem letzten Erkennen in unserer Gemeinschaft wieder zu wachsen beginnt. In unseren nächsten Nummern werden wir unter dem Motto „Gedanken über Religion" einige Ausführungen von Siegbert Stahl, Hans May-Frankfurt und Hans Abraham, Gelsenkirchen, bringen. 11

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