Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 1 (1.1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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heiligsten standen. Was Sie uns jetzt zeigen, ist Ursache — Ihre ersten Werke waren Wirkungen, Projektionen auf die Leinwand einer ungeahnten, unerklärlichen Zukunft. Deshalb ist der Name „Berufung", den Sie diesen Gedichten gegeben haben, ein unbedingter Teil ihrer Seele. Ich weiß nicht, wer Ihr Buch lesen wird. Vielleicht wird es gerade in die Kreise, die sich den Pomp eines vollgestopften eleganten Bücherschranks leisten können, nicht gelangen. Vielleicht wird es denen, die in der Not ihrer Tage und in der Zerrissenheit ihrer Herzen den Bruder suchen, die Erfüllung einer Sehnsucht bedeuten. Denn die werden Ihr Buch am ehesten begreifen. Wer noch nicht mit dem großen Humbug, in den das Zerrbild des Daseins uns reißt, fertig ist, wer sich noch nicht abgefunden hat — und das sind doch in erster Linie alle jungen Menschen —, der wird Ihnen zu aufrichtigem Dank verpflichtet sein. Die Menschen, die noch unzufrieden sind, grüßen Sie! J. Raphael. „Jüdische Arbeits- und Wanderfürsorge". Diese von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge in Gemeinschaft mit dem Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands und der Vereinigten Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise herausgegebene Monatsschrift (Geschäftsstelle Berlin N 24, Auguststraße 17) empfehlen wir unsren Vereinen zum eingehenden Studium. Die drei Nummern des zweiten Jahrgangs, die uns vorliegen, enthalten eine'Reihe von Arbeiten, die uns besonders angehen. Außerordentlich aufschlußreich sind die in Fortsetzungen erscheinenden Erfahrungen: „A us der Praxis der Berufsb e ra t u n g". Wir können aus den dort berichteten wahren Begebenheiten viel für die Beurteilung der jüngeren Berufstätigen bei uns lernen. Besonders aufmerksam machen möchte ich auf den Aufsatz von Lucie Zobel über: „Die Einstellung der jüdischen Mädchen zu den Hausberufen", dessen Schlußworte hierher gesetzt sein: „Um neue Kräfte für diesen Erwerbszweig zu gewinnen, ist es notwendig, daß alle interessierten Kreise sich bemühen, ihn zum Ansehen eines Berufes zu vrrhelfen. Die wichtigsten Forderungen sind: Geordnete Lehrzeit, Regelung der Freizeit, Zahlung tariflich geregelter Löhne." Unser eigenes Arbeitsgebiet berührt Dr. Georg Lubinski mit seinem Artikel: ,,D a s F r e i z e i t p r o b 1 e m der jüdischen erwerbstätigen Jugend". Wichtig erscheint uns sein Hinweis, daß die Jugendlichen in den kaufmännischen Berufen heute ihre Freizeit sehr stark zur Weiterbildung auf ihrem beschränkten Berufsgebiet ausnutzen müssen und daß sich deshalb die Möglichkeiten, jüdisches Kulturgut an sie heranzubringen, immer schwieriger gestalten. Während ich diese Zeilen schreibe, leben wir hier im Zeichen der ungeheuerlichen Arbeiteraussperrung, die unsrem ganzen Bezirk ein verändertes Gesicht gibt. Wer von der Not jüdischer Arbeitsloser noch nichts wissen sollte, der lese in der Oktobernummer den Bericht über die Versammlung jüdischer Erwerbsloser in Frankfurt am Main nach. Die dort gefaßten Beschlüsse müssen unser Gewissen schärfen. Hahn, Essen. Walter Rathenau, Nachgelassene Schriften, 1. und 2. Band. S. Fischer, Berlin. Man ist sonst gewöhnt, meist Schriften lebendiger Autoren zu lesen. Unsre schnellebige Zeit pflegt die Toten tot sein zu lassen. Und doch braucht man diesen Toten nicht erst aufzuwecken, denn alle seine Werke und gerade diese beiden Bände sind von einer manchmal geradezu verblüffenden Aktualität. Manches, was prophetisch anmutet, gewinnt sogar erst jetzt nach soviel Jahren Gestalt. Der literarische Nachlaß, der auch die in Zeitungen und Zeitschriften verstreuten Aufsätze sammelt, zeigt die überaus weite Interessensphäre Rathenaus besser als jedes andere seiner Werke. Nur die Briefe kommen den beiden Nachlaßbänden in dieser Hinsicht gleich. — Nur wer sich auch der beiden wohl letzten Werke des toten Denkers versichert, wird sein Werk ganz überschauen können. Diese Schau lohnt sich. Es ist kein Zufall, daß Rathenau gerade in unsren Kreisen einer der gekanntesten Denker der Zeit geworden ist. Kein Zufall, weil es wohl keinen gibt, der uns mehr über die Zeit, die ist, und die Zeit, die kommt, zu sagen hat. Daß wir vor kommenden Dingen stehen, die unsre Dinge sind, zwingt aus Opportunitätsgründen, unsren Menschen Rathenau noch näher zu bringen, als bisher. Daß aber diese und alle seine nachgelassenen Schriften uns nachgelassen wurden, zwingt uns mit moralischen Gründen. Man soll diesem Zwang nachkommen in unsrer Arbeit! Dr. Georg Feichtinger: „Wie entstehen Schüler-Selbstmorde?" Sechs aufgezeichnete Fälle. (50 Seiten.) 8°. Preis 1,20 Reichsmark. Verlag Dr. Willmar Schwabe, Leipzig 0 29. Ein scheinbar so ganz naturwidriges Geschehen, wie die Selbstvernichtung eines jungen Lebens, stellt nicht bloß die unmittelbar Beteiligten, sondern die Oeffentlichkeit vor die Frage: Welches waren die Ursachen? Wer trägt die Schuld? Nicht um zu richten und zu rechten, vielmehr um Aufr k 1 ä r u n g zu schaffen und Hilfe zu bringen, ergreift hier ein warmherziger Freund der Jugend das Wort. Möchte es weithin gehört werden und einer Not steuern helfen, unter der die Gegenwart besonders schwer leidet! A. Galliner: Bilder zur Bibel. Erzväter. Jüd. Jugendbücherei, ' Band 4 5. J. Kauffmann, Verlag, Frankfurt a. M. 1928. Preis kart. 2,50 Mark. Die Reihe der unter Mitwirkung der Jugendschriftenkommission der Großloge für Deutschland UOBB. herausgegebenen Bändchen wird mit diesem in dankenswerter Weise vermehrt. Es soll das erste einer kleinen Folge von etwa fünf Bändchen sein, die Bilder zur Bibel bringen. Abendländische Darstellungen großer deutscher, niederländischer, italienischer, . Nach dem Weltkrieg schlug das Pendel in entgegengesetzter Richtung aus. Man wurde überspannt, wurde exaltiert. Und sah dies sehr bald ein. So schrieb man unbekümmert echte Kunst und stellte sie hinein in seine Tage. Die Schilderung der Zeit ist nicht 'mehr Selbstzweck jetzt. Die Zeit erhält Gestaltung. Man zeigt die Menschen — doch sie zeigten sich auch selbst — denen unsere Zeit ein Schicksal wurde. Ernst Toller, der Umstürzler, schrieb im Zuchthaus die Worte: „Auf dem gebuckelten Nestrand Sitzt die Schwälbin . . ." Zeigen sie nicht — in die Zeit hineingestellt — seinen leinen!) Abscheu vor dem Krieg? Und tiefe Ironie, ein beißender Spott über den ganzen Blödsinn des Kriegführens wird sichtbar bei Klabund: ..Es braust ein Ruf wie Donnerhall, daß ich so traurig bin. Und ^Friede, Friede überall, das kommt-mir nicht aus dem Sinn." Oder wenn Karl Zuckmayer auf einem Kasernenhofe der Schinderhanneszeit Gewächse zeigt, kaum fähig zu sprechen und zu gehen, die alle Heinrich Schmitt heißen . . . Wer konnte da den ganzen Militarismus noch ernst nehmen? So — und nicht anders — konnte es nur kommen, wenn die ehemaligen „Räuber" Leonhard Franks (des aus Würzburg « : " vertriebenen Kommunisten) die Mitglieder der „Räuberbande", die heute in bürgerlichen Berufen stecken, die Familien haben, durch die Inflation verarmt, das „Ochsenfurter Männerquartett" gründen, um in den Dörfern zu singen. Wenn noch dazu in die lustigen und traurigen Geschehnisse des Romans harmonisch die Liebe von Thomas zu Hanna Lux klingt — abseits von allen Feindseligkeiten der Welt — dann, ja dann ist damit die Sehnsucht zum Frieden erfüllt. Die zeitliche Entfernung erst brachte die Notwendigkeit, sich zu befassen mit dem Thema: Krieg dem Kriegl Die zeitliche Entfernung erst schuf die Möglichkeit, den Krieg mit anderen Augen zu betrachten. So wurde nach und nach der Krieg zum Hintergrund. Und über ihm wurden seine Folgen sichtbar: Das Spielen mit dem Menschenleben. Der Mensch als Tier. Der Mensch als zerschossenes Stück Fleisch. Der Mensch als Wahnsinniger. Der Mensch zu gut, zu dumm, um diesen Irrsinn zu verstehen. Man schauere vor dem Krüppel Hinkemann. Man brülle mit dem dumm-genialen Schwejk. Man werde nachdenklich bei Grischa, dem gutmütigen gehetzten Wild. Man sage es immer wieder vor sich her: „Soldat! Idiot!"