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Der Jugendbund · 1929-01-01 · 1 (1.1.1929) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
1 (1.1.1929)
Date
1929-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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noch in der Lage, ihn unsrem Verbände und damit dem jüdischen Milieu zu erhalten. — Wie aber diese Gedanken verwirklichen? In Düsseldorf laufen alle Fäden zusammen, dort werden von den einzelnen Vereinen bzw. Bezirksverbänden di° freien Stellen und die Bewerbungen gemeldet. Der Verband als solcher gibt nur die Adressen weiter und verlangt von beiden Seiten nur die Mitteilung, ob die Vermittlung zustande gekommen ist. Ein Bewerber hat für die Vermittlung eine RM zu zahlen, für Auslagen an Porto und Arbeitsleistung, sowie bei Erhalt einer Stellung einen kleinen Prozentsatz des ersten Monatsgehaltes an den Ausgangsverein, um so vielleicht eine kleine Einnahmequelle zu schaffen. Jeder Vereinsvorsitzende bzw. ein besonderes Komitee hat im Verein mit Loge und Gemeinde die freien und gesuchten Stellungen mindestens monatlich einmal dem Verband mitzuteilen. Es ist höchste Pflicht jedes Verbandsfreundes, die jüdischen Firmeninhaber immer wieder auf die Notwendigkeil der Anstellung jüdischer junger Menschen hinzuweisen, denn „wenn wir es nicht tun, wer soll es dann tun"? — Unsrem Verband aber erwachsen dankbare Mitarbeiter, denn unsre Freunde sehen, daß wir neben den reinen Idealen auch Verständnis für die wirtschaftliche Not unsrer Zeit aufbringen und versuchen, sie abzuwenden. Buchbesprechungen Die sexuelle Not unsrer Zeit. Von Dr. med. Hertha Riese, Leipzig, Hesse-&-Becker-Verlag (Prometheus-Bücher). Mit neun Abbildungen. In Leinen gebunden 2,60 RM. Dieses Buch, das besonders die Zusammenhänge der Wohnungsnot mit der sexuellen Not in breitem Rahmen behandelt, ist von einer denkenden Frau, die als Sozialärztin in Frankfurt am Main tätig ist, geschrieben worden. Mitten aus der praktischen, tätigen Arbeit des Alltags heraus werden die sexuellen Nöte des Proletariats und der bürgerlichen Gesellschaft in zwei nach diesen Gesichtspunkten gegliederten Abschnitten behandelt; das einzige, was vielleicht zu wünschen übrig bleibt, ist, daß die gesellschaftlichen Ursachen der sexuellen Not, die als solche allein wohl nicht existieren würde, breiter zu Worte gekommen wären. Trotzdem bildet es einen wertvollen Beitrag zur Erörterung der Fragen unsres diesjährigen Winterthemas und eine Mahnung an alle Menschen, die Wege aus den Nöten der Gegenwart zu suchen. J. J. Brief an den Dichter. Zum neuen Buch von Dr. D. Schönberger. „Berufung", im Axel-Junker-Verlag, Berlin. Lieber, Doktor Schönberger! Nicht etwa, weil es jetzt Mode ist, mit der neuen Sachlichkeit in Literatur, in Politik, in Schönheitspflege zu kokettieren, muß ich Ihnen gleich zu Anfang das Geständnis machen, daß ich eigentlich mit einer gewissen unbehaglichen Voreingenommenheit an ein lyrisches Buch herangehe, und besonders noch, wenn es sich — wie in diesem Falle — um Verse handelt. Viele Gründe verursachen in mir diese Hemmung. Zunächst natürlich taucht da der Typ des behornbrillten lyrisierenden Schwelgers auf, der mit Vorliebe die öffentlichen Marktplätze benutzt. . . Dann aber, ich weiß nicht warum, beherrscht mich ein Widerwillen, den ich nicht missen möchte, und der es mtr geradezu verbietet, in den dargereichten Gefühlen, in den offen liegenden Dichtungen rein subjektiver Empfindungen zu schnüffeln, zu prüfen, zu rezensieren. . . Ich bin ja auch nur ein Mensch. Ehrlich gesagt, ist es auch eine Art Opposition, die mich dazu treibt, von Ihren Gedichten zu reden. Wer redet heute überhaupt noch von Gedichten? Daß man sie liest, ist schon ein Phänomen erster Güte! Aber darüber sprechen? Wir sind eingespannt zwischen Antennen und Rekorden, haben die Erlaubnis, .uns von den Torheiten eingebildeter Nüchternheiten erwürgen zu lassen — man begibt sich aber in Gefahren, wenn man sich in seinem armseligen Selbst auch nur irgendwie mit einer lyrischen Nüance verdächtigt. Die privilegierten Schützer einer unentwegten Gegenwart erklären einen für einen ausgemachten Illusionisten —, um krassere Bezeichnungen zu vermeiden. .Selbstverständlich kann das nicht der wirklich wesentlichste Anlaß sein, um über Ihre Gedichte heute ein Wort zu verlieren. Wenn Sie, Herr Doktor und Zeitgenosse, den Mut finden, zum dritten Male mit Ihrer Lyrik vor die Welt zu treten, wäre es nicht in der Tat eine lächerliche Angst von uns, die wir doch bloß sozusagen am Wegrand stehen, wenn wir aus purer Rücksichtnahme auf das Geschrei der aktuellen Moden zu Ihren Versen schweigen wollten?.— Ja, wollten! Unsre Feigheit — und Feigheit ist sonst eine Macht! — würde ohnehin zerstieben. Denn: Wissen Sie, Herr Doktor, wie mir das mit Ihren Gedichten überhaupt vorkommt? Wir hasten umher. Unsre Gefühle sind Atome, über die es sich nicht lohnt, große Worte zu machen. Wir prahlen mit unsrem Jubel, mit unsrer Traurigkeit, mit Glück und Elend, stoßen uns durch Hoffnung und Enttäuschung, zersplittern uns — und hin und wieder, aber sehr selten, schwingt sich jemand aufs Podium, der das Durcheinander zu einer Melodie zwingt Schicksal des Dichters. . . Der Dichter versteht es, das Schwerste zu sagen: er fängt das kleine Leid der Menschheit auf und ruft es aus in seiner Sprache. Beim Lesen Ihrer Gedichte und noch mehr beim-'Nachdenken darüber hat man unwillkürlich das Bewußtsein, daß hier jemand die Kraft hat, wie in einem Brennglas die tausend tanzenden und treibenden Glutstrahlen, die verzettelten Funken unsref- Irrungen zum scharfen, konzentrierten Aufleuchten zu bringen. Und dennoch bleibt das Buch Ihr persönlichstes Bekenntnis. Es deckt die Urgründe, die Wurzeln auf, die zum Quell Ihres eigentlichen dichterischen Schaffens führen. Nun wissen wir, das Warum und Woher zu finden, vor dem wir in Ihren beiden früheren Büchern wie vor einem undefinierbaren Aller- Literatur und Frieden uon Herbert moller. Güttingen Ein mögliches Sichtbarwerden des Seelischen im Menschen ist die Kunst. Sie ist für Zeitgenossen und die Nachwelt groß, jedoch in ihrer Aktualität allein: wenn sie den Geist der Zeit erfaßt — und reflektiert. Vielgestaltig — nicht nur produktiv — in ihren Erscheinungsformen. Und vielgestaltig auch in ihrem Wesen. Ein internationales Verständigungsmittel zu sein ist sie berufen. Daß sie — direkt! — zum kleinsten Teil nur dem gerecht wird, liegt in ihrer Problematik. Den großen Voraussetzungen, die sie verlangt. (Man denke beispielsweise an die Malerei, an die Musik.) Dies aber überwindet leicht die Sprache, die Literatur.' Der Menschen naturgegebenes Verständigungsmittel. Trotz allem und allem die Grenzen der Länder überspannend. Das Geistige zutage fördernd, wie sonst nie. Das ist der Literatur Bedeutung in unserer Zeit. (Vom Künstlerischen abgesehen.) — Wir leben im Zeitalter des Kollektivismus. Der Einzelne geht in der Gesamtheit auf, ihr dienend und von ihr nachhaltig beeinflußt. Der Grund liegt im Politischen/ Der Krieg ließ uns den Wahnsinn des Völkermordens erkennen. Der verlorene Krieg bestärkte den Friedensgedanken im besonderen. Und unter den Völkern die Notwendigkeit eines Sich-Näherkommens. „Internationale Verständigung" und „Paneuropa" sind Schlagworte, ein gigantisches Programm enthaltend. Dies zu erreichen, machten die Dichter den Beginn. Sie wollten sich finden. Und fanden sich. Im „Pen-Klub", jener internationalen Vereinigung von poets, essayists and novelists, deren Ziel (unter vielem anderen natürlich) der Verhinderung künftiger Kriege, der Erhaltung des Weltfriedens dient. — Auf anderer Basis ist es uns bekannt: Shakespeare gehört nicht erst seit gestern uns zur Hälfte, den Deutschen. Und Romain Rolland — Beethoven Jünger par excellence — wie Bernard Shaw begründeten in Deutschland ihren Ruhm. Doch sind Erscheinungsformen wechselseitig. Man denke an Stefan Zweig in Frankreich. An Lion Feuchtwanger in England. An Jakob Wassermann in den U. S. A. — Drei JudenL- Mit friedlichen Mitteln versuchten die Pen-Klub-Meister sich zu finden. Vom Kriege sprechen wollte keiner. Vom Kriege hatten wir genug. Üüüübergenug. Dem Schrifttum war der Krieg versperrt. Trotzdem! Wenig Kriegsdichtung kam dennoch auf. Sie war erlebnishaft-persönlich. Ganz überwiegend. Man wurde kritisch, wurde mißvergnügt. Das Miterleben des Krieges, als Eindruck unmittelbar gestaltet, ist größtenteils _£yrischer Art. Kritiklos verkündet es die Wirkung des Kampfes auf den Menschen, die Menschen . . . 5

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