Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 15 (1929)
- Issue
- 1 (1.1.1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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von Tennis und Tanz. Aus dieser Wertschätzung des Wirtschaftlichen, dieser Begierde nach Freiheit und Ungebundenheit in jeder Form erklärt sich auch die Vernichtung von Sitte und Moral, die Abneigung gegen jegliche Btndung, der Hang, alles zu verstehen und zu entschuldigen, nur das Gesetz der Gesellschaft anzuerkennen. Die Erziehung muß diese Zustände erkennen und auf ihre Behebung sinnen, die Schäden rücksichtslos aufdecken und eine gesunde Atmosphäre für die Jugend zu schaffen suchen. Diese Aufgabe wollen die Land-Erziehungsheime lösen. Sie suchen den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, den Menschen als Träger geistiger Werte im Leben, sie wollen seine natürlichen geistigen und körperlichen Anlagen harmonisch ausbilden und ihn mit dem Bewußtsein der Pflicht erfüllen, die eigenen Kräfte in den Dienst der Gesamtheit zu stellen. Die Schulen sollen ein Organismus sein, in welchem -alle, Lehrer und Schüler, sich als Glied der Gemeinschaft fühlen, als dienende Glieder des Ganzen. Die ländliche Lage der Schule, die Einsamkeit des Reiches für sich schafft eine Welt, die abseits liegt vom Getriebe der Großstadt und anregt zur Selbstbesinnung. Den Mittelpunkt bildet ein landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Betrieb und dadurch wird die Verwurzelung mit dem Boden geiördert, die die Jugend dringend nötig hat. Die Schulen sind Gemeinwesen mit wirtschaftlicher und 'pädagogischer Autonomie. Der Begriff des Wirtschaftlichen soll aber nicht etwa im landläufigen Sinne verstanden werden. Das Wirtschaftliche ist nur die notwendige Grundlage des Gemeinschaftslebens, aber nicht dessen Zweck. Wie in einem Gemeinwesen alle, Kopf- und Handarbeiter zusammenwirken müssen, um das Ganze zu gestalten, wie das Gemeinwesen nur durch harmonische Zusammenarbeit bestehen kann, so soll es auch in diesen Schulen sein. Keiner soll sich zu gut dünken für irgendeine Arbeit, jeder soll dienen, wo es nötig ist, sei es bei der Landarbeit, im Garten oder in der Werkstätte, sei es bei der Reinigung des Hauses oder bei der Beaufsichtigung der kleinen Schüler. Der Lehrer ist nicht nur geistiger Berater, er ist Helfer überall, wo seine Hilfe nötig ist. Der Gedanke der sittlichen Freiheit des Einzelnen, verbunden mit der Verpflichtung der Hingabe an die Gesamtheit, wird hier am leichtesten in Einklang zu bringen sein. Auch die Spannung, das feindliche Verhältnis, zwischen Schüler und Lehrer wird in einer solchen Gemeinschaft unmöglich sein. Strenger Gehorsam muß herrschen; aber nicht der Gehorsam der äußeren Gesetze des Staates, sondern der Gehorsam muß innerlich sein, er muß in Richtung der Anlage und Wertenwicklung der Jugend liegen, der Schüler muß selbst die Empfindung haben, daß der Gehorsam nicht etwas ihm von außen Aufgezwungenes, sondern eine Naturnotwendigkeit ist, die sein Gedeihen bedingt. Für unsere jüdischen Kinder, die fast alle in den Brennpunkten der sogenannten Kultur aufwachsen, wären solche Landerziehungsheime vor. unendlichem Werte. Es ist ja hinlänglich bekannt, daß die Zusammenballung der Jugend in den Großstädten, die vollständige Loslösung vorT der Scholle Gefahren für das Judentum mit sich gebracht hat, die schwer zu beheben sind. Wir wissen außerdem, welche Schwierigkeiten für Religion und Sitte die Erziehung unserer jüdischen Kinder in der Großstadt bereitet. Nfcäre es nicht von unendlichem Vorteil, wenn wir in gesunder Gebirgsluft, in ländlicher Einsamkeit dem jüdischen Kinde Stätten bereiten könnten, wo es sich beschützt vor feindlicher Umwelt körperlich und geistig, religiös und sittlich unter der Führung kundiger Männer harmonisch entfalten könnte? Es wäre natürlich besonders wertvoll, wenn die Erziehung in solchen Heimen vom neunten bis zum achtzehnten Lebensjahre währen könnte, also die Zeit der allgemeinen Ausbildung der Schüler in einer höheren Schule umfassen würde. Doch wenn aus finanziellen Gründen eine neunjährige Erziehung nicht in Frage kommt, so würden ein sechs- oder wenigstens dreijähriger Aufenthalt in einem solchen Erziehungsheim für Kinder von neun bis fünfzehn Jahren von unschätzbarem Werte sein. Wenn gegen die Internats-Erziehung oft der Einwand erhoben wird, daß durch das jahrelange Fernsein vom Elternhause eine Entfremdung des Kindes diesem gegenüber eintreten 2 kann, so muß darauf erwidert werden, daß gerade in der heutigen Zeit dieser Einwand nicht stichhaltig ist. Denn die Entfremdung der Jugend dem Elternhause gegenüber ist in der Stadt viel größer, wo Jugendbewegung, Freunde und alle anderen oben schon genannten fremden Einflüsse das Kind vom Hause abziehen, während im jüdischen Landerziehungsheim sachkundige Lehrer und Führer der Jugend das Verhältnis zwischen Jugend und Elternhaus inniger gestalten und die Verbindungen rege erhalten werden. Noch ein Wort über den inneren Aufbau der Gesamt- Organisation des Unterrichts im Landerziehungsheim. In Anbetracht dessen, daß die Schüler wissenschaftlich, praktisch, sportlich und künstlerisch ausgebildet werden, könnte man leicht zu dem Glauben kommen, daß eine Ueberlastung eintreten könne. Doch gerade das Gegenteil ist der Fall, da die Zeit in einem Internate rationeller eingeteilt werden kann und da die Schüler nach der praktischen und wissenschaftlichen Seite in Gruppen, eine Schulgemeinschaft und eine Werkgemeinschaft geschieden werden. Den Schülern mittlerer und oberer Altersstufe stehen wochentäglich sechs Stunden für geistige, drei Stunden für körperliche oder künstlerische Betätigung zur Verfügung. Man ist jedoch bestrebt, den Stundenplan unserer höheren Schulen, wo die verschiedenen und verschiedenartigsten Fächer alle 45 Minuten an einem Vormittag in buntem Wechsel einander folgen, aufzugeben und an seine Stelle Doppelstunden und Unterrichtsperioden einzusetzen, so daß eine ganz andere intensivere Art des Unterrichtsbetriebs möglich ist. Für die Mittelstufe kommt die Unterrichtsart in erster Linie für solche Fächer in Betracht, die das Interesse des Schülers wachzuhalten, besonders imstande sind, so daß keine Ermüdung eintritt, z. B. in den Naturwissenschaften, wo auch eifrige Selbstarbeit des Schülers in Frage kommt. Im Sprachunterricht wird man erst auf der Oberstufe diese Unterrichtsperioden einführen. Jedenfalls hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Vielfach hat man auch einen vierzehntägigen Stundenplan eingeführt. In der einen Woche treibt man vornehmlich kulturkundliche Fächer, in der zweiten Woche Naturwissenschaften. Der fremdsprachliche Unterricht geht in beiden Wochen nebenher- Die im Laufe einer Woche behandelten Fächer müssen in Beziehung und natürlicher Wechselwirkung zu einander stehen. Der Nachteil des Vergessens hat sich als geringer herausgestellt gegenüber dem Vorteil der Frische und der erhöhten Aufnahmefähigkeit zu Beginn der neuen Woche. Die Eintönigkeit und Langeweile, der größte Feind des Unterrichts, wird vermieden. In den mittleren Klassen, wo das Bedürfnis der Jugend nach praktischer Tätigkeit besonders groß ist, trägt man diesem Umstände Rechnung, indem man praktische Tage einschaltet, an denen die Schüler vornehmlich Garten- oder Werk-Arbeit leisten, physikalische Apparate oder Modelle bauen usw. Daneben können auch innerhalb der Jahrgänge für verschiedene kulturkundliche und sprachliche Fächer Sonder-Abteilungen und Kurse gebildet werden, in denen gleichaltrige Schüler eine Zeitlang zur besonderen Förderung untergebracht werden, um dann wieder in ihre Jahreskurse zurückzukehren. Daß die religiöse Gemeinschaftserziehung, die gemeinsamen Feiern, das gemeinsame Gebet eine besonders nachhaltige Wirkung ausüben wird, ist wohl ohne weiteres zuzugeben. Für die Naturwissenschaften ergeben sich aus der unmittelbaren Berührung mif der Natur durch Garten und Landarbeit, durch Wanderungen neue Ziele. Der staatsbürgerliche Gedanke wird durch die Beteiligung der Jugend an den Arbeiten und Ereignissen des Heims geweckt und gefördert. Durch abendliches Vorlesen, durch eine gute Jugendbücherei kann jüdisches Wissen gepflegt und künstlerisches Empfinden wachgerufen, der deutsche und der Geschichtsunterricht befruchtet werden, durch den Werkunterricht könnte sich für Schüler, die sich als geeignet erweisen, eine Aussicht für die Ausbildung jüdischer Handwerker ergeben. Natürlich lassen sich hier nur die Richtlinien für derartige Landerziehungsheime andeuten. Jedes Heim ist ein Organismus, eine Welt für sich, jedes der bestehenden Heime hat auch seine Eigenart im Aufbau und trägt den Stempel seine* Leiters. Denn nirgends kommt es mehr auf die Führer an als in diesen Heimen. Hier sollten nur die grundlegenden Gedanken er- /