Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1929-01-01 · 1 (1.1.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
15 (1929)
Issue
1 (1.1.1929)
Date
1929-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492456-6352309-6352547--0734-4928897
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dcp JVOegJLDBVND mii€JLunG€n oes veeBwnoes Dep jüpiscHen juGenpv6B€ine DeurscmftnDs 15. Jahrgang Düsseldorf, den 1. Januar 1929 Nummer 1 Zur Mädelarbeit in — Buchbesprechungen. Feuilleton. — Aus dem Leben des Verbandes. — Mitteilun gen der Verbandsleitung. —. Die Junggruppe. — Spendenliste. — Anschriften-Verzeichnis. — Anzeigen. AllQ ftpifl Inhfllt' •'iic''sc'1c Landerziehungsheimc von Professor Dr. Joseph Unna, Nürnberg. - HUO UCIII lllliail. unserem Verband, von Ilse Lazarus, Lübbecke. — Praktische soziale Arbeit. Jüdische Landerziehungsheime Uon Professor Dr. Josepri Unna, Nürnberg Unter den vielen Reformbestrebungen, unserer gärenden, erregten Zeit, die darauf gerichtet sind, neue Wege der Erziehung zu suchen, muß eine Art von Erziehungs-Anstalten unser besonderes Interesse erregen, die eigentlich keinen neuen Schultyp schaffen, aber eine neue Lebensform für die heranwachsende Jugend finden will. Es sind dies die Landerziehungsheime. Die Wiege der Landerziehungsheime stand in England. Im Jahre 1889 gründete Dr. Cecil Reddie in Abbotshome eine neue Schule. Diese wurde ein Muster für eine große Zahl ' von Schulen in England und in anderen Ländern; sie stellte sich in bewußten Gegensatz zu den offiziellen höheren englischen Staatsschulen. Wie die meisten dieser Schulen war sie auch Internat, aber sie betonte besonders die Anschauung, den Handfertigkeits-Untericht, sie legte großen W ert auf Hygiene, förderte naturwissenschaftliches Denken, versuchte eigenartige Sinnbegebung kirchlicher Formen und verlegte ihren Wirkungskreis grundsätzlich auf das Land. Dabei war sie nach englischer Art konservativ-national eingestellt und pflegte starke Selbständigkeit des Schülers im Schulleben neben strammer Zucht unter der Autorität des Leiters. Diese englische Schule war für Hermann L i e t z das Muster, durch einjährigen Aufenthalt in Abbotshome erhielt er starke Eindrücke und die mannigfachen Anregungen, die er dort empfing, veranlaßten ihn zur Gründung des ersten deutschen Landerziehungsheimes in Ilsenburg am Harz im Jahre 1898 nach dem Muster von Abbotshome. Dieselben Gedanken der Erziehung sollten hier verwirklicht werden. Charakterbildung stand in der jugendlichen Gemeinschaft im Vordergrunde. Daneben legte Lietz besonderes Gewicht auf Selbständigkeit im Handeln, Tapferkeit, Abhärtung der Jugend. In Deutschland, wo in der Kaiserzeit die Lage des öffentlichen Schulwesens eine ganz andere als in England war, wo die Schulzucht durchaus auf autoritativer Grundlage aufgebaut war und den Schülern verhältnismäßig wenig Freiheit ließ, war der Gegensatz zwischen den Staatsschulen und diesem Lietzschen Landerziehungsheim sehr groß. Hier wurde soziale Gesinnung gepflegt, alle Lehrer und Schüler fühlten sich als Glieder einer Gemeinschaft, ein Gemeinschaftsgeist erfüllte das Leben der Schulen, die Jugendlichen wurden zum Bewußtsein eigener Verantwortung herangezogen, diejenigen unter ihnen, die zur Führerschaft befähigt schienen, mußten an der Gestaltung des Schullebens mitwirken. An die Erzieher wurden die höchsten Anforderungen gestellt; sie sollten nicht nur Lehrmeister, sondern Vorbilder der Jugend in ihrem Leben sein. Die neue Schule war nach Lietz die Stätte einer neuen Gesinnung. Durch die neuen Wege der Erziehung sollte die Kultur und Gesellschaft erneuert werden. Die gewaltige Persönlichkeit von Lietz bewirkte, -daß sein neues Erziehungs-Ideal überall Anhänger gewann und daß er in kurzer Zeit drei neue Erziehungsheime Haubinda, Bieberstein und Veckenstedt gründen konnte. Gar bald entwickelte sich nach dem Muster der Lietzschen Anstalten eine große Zahl solcher Erziehungsheime, wie Hochwaldhausen, Letzlingen, das Landschulheim am Solling in Holzminden an der Weser, die Odenwald-Schule in Oberhambach an der Bergstraße, die Schule Salem am Bodensee, das süddeutsche Landcrziehungsheim in Schondorf am Ammersee und viele andere. Worin besteht nun der Unterschied zwischen der öffentlichen Schule und dem Landerziehungsheim? Diese kann schon deshalb keine Erziehungs-Anstalt im Sinne eines Landerziehungsheims sein, weil sie in «rster Linie Wissen vermittelt und nur in sehr geringem Grade die ganze Persönlichkeit, den Willen bilden kann. Sie fesselt den jungen Menschen zwar vom sechsten bis zum neunzehnten Lebensjahr-» an sich, aber abgesehen von den wenigen öffentlichen Internaten sind es nur die Stunden des Unterrichtes, wo sie ihren Einfluß geltend machen kann. In der übrigen Zeit des Tages sind die äußeren Einflüsse auf den Zögling viel stärker als die der Schule, und diese sind gar oft heterogener, ja feindlicher Art. Auch hat die öffentliche Schule die ganz bestimmte, durch ihre Lehrpläne scharf umrissene Aufgabe, für den Lebensberuf vorzubereiten, das Wissen bei dem Zögling anzusammeln, das ihn befähigt, seine Prüfungen abzulegen, die ihm die Bahn für den Beruf frei machen sollen. Die öffentliche Staatsschule kann auch deshalb nicht den ganzen Menschen erfassen, weil sie selbst durch die ungeheuere Zerklüftung des Volksganzen in religiöser, nationaler und wirtschaftlicher Beziehung politisiert ist, weil sie ein einheitliches menschliches Ideal nicht mehr verwirklichen kann. Ihr Lehrplan ist teils aus obigem Grunde, teils wegen der ungeheuren Anhäufung des Bildungsstoffes ein Kompromiß. Der Gedanke, die Individualität des Schülers zu bilden, ihn zu einem Gliede menschlicher Gemeinschaft zu erziehen, das in dieser Gemeinschaft aufgeht und sich seiner Verpflichtung gegen diese Gemeinschaft bewußt ist, ist stark in den Hintergrund getreten. Individualpädagogik und Sozialpädagogik können keinen Ausgleich finden; es fehlt die Erziehung zur Gemeinschaft. Die wirtschaftlichen Werte sind der Gradmesser für alle Volksschichten geworden. Das Leben in Deutschland ist amerikanisiert, „die Philosophie des Guten ist durch die des Geldes ersetzt", wie ein pädagogischer Schriftsteller sehr treffend behauptet. Die Faktoren, die die Schulerziehung stark begrenzen oder gar lahmlegen, sind zu zahlreich: die Stadt, die Straße, der Sportplatz, die Zeitung, das Kino und nicht zuletzt die Kameraden und die Freundinnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.