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Der Jugendbund · 1928-12-01 · 12 (1.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
12 (1.12.1928)
Date
1928-12-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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wendige Voraussetzung jeder Entscheidung ist", sagt der „Junge Jude". Ich will den Führern anderer Bünde gewiß nicht zu nahetreten. Ich bin wirklich davon überzeugt, daß sie einen besonders wertvollen, entschiedenen Menschentyp darstellen müssen, sonst könnten sie sich nicht bemüßigt fühlen, uns so von oben herab zu bemitleiden. Ich frage nur: Berechtigen die Erziehungsergebnisse der Jugendbewegungsbünde eigentlich zu besonders hohen Hoffnungen hinsichtlich einer durchgreifenden Revolutionierung der heuligen Jugend? Haben nicht gerade Angehörige dieser Bünde bei der Konfrontierung mit den Realitäten des Lebens aufs kläglichste versagt? Martin Goldner, der im „Morgen" eine dankenswert sachliche Besprechung unseres Dresdener Protokolls gebracht hat, irrt, wenn er den Aufsatz unseres Verbandsfreundes Ernst Holzer über die „Jüdische Jugendbewegung" (im 3. Heft des „Morgen" 1928) so auffaßt, als sollte damit das ernsthafte Ringen der . Jugendbewegung bagatellisiert werden. Davon kann nicht die Rede sein. Wogegen sich Holzer, nach meinen Erfahrungen mit Recht wendet, das ist die Ueberheblichkeit vieler ehemaliger Jugendbewegler, die eine revolutionäre Sprache zu reden wissen, in der Alltäglichkeit ihres außerbündischen Lebens sich aber in nichts von einem „besseren" Spießer unterscheiden. Man wird sagen, die Jugendbewegung hat auch viele erfreuliche Erziehungsergebnisse zu verzeichnen. Das hoffen wir sehr, behaupten aber, daß die innerlich bewegten Menschen bei uns nicht seltener anzutreffen sind, als in anderen Jugendgemeinschaften. Ks ist wirklich an der Zeit, mit dem blöden Ammenmärchen aufzuräumen, als ob wir den jungen Menschen um die Entscheidungen des Lebens bringen wollten. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Wir sind zwar gegen Vorentscheidungen im frühesten Jugendalter, weil wir — wenn wir es nicht schon aus pädagogischen Erwägungen gewußt hätten — am Experiment des „Blau-Weiß" zu genau gesehen haben, wie verderblich frühzeitige Bindungen auf den Entwicklungsgang der Jugend einwirken müssen. Wir verlangen für den jungen Menschen darum eine Zeit der „Wachstumsstille", in der er vor allem auch das Judentum in seiner Gesamtheit in objektiver Darstellung kennen lernen toll. Die Entscheidung für irgendeine Richtung und Partei kann ihm dann niemand abnehmen. Die muß er nach genauester Selbstprüfung in eigener Verantwortlichkeit treffen. Und die Aelteren bei uns haben diese Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Aber das Eigenartige ist, daß wir trotzdem nicht „zerfallen", uns nicht trennen, obgleich wir weltanschaulich und religiös geschieden sind, weil wir von früh auf gelernt haben, das Gemeinsame über die Unterscheidende im Judentum zu stellen. Es ist das Verdienst Ernst Holzers, diese kontinuierliche Linie unseres Entwicklungsganges zur Gemeinde hin klar herausgestellt zu haben. Natürlich könnte es bei konsequenter Durchführung dieses Erziehungsplanes geschehen, daß sich die verschiedenen Parteien des Judentums in Zukunft besser verstehen als das heute der Fall ist; ja, es könnte vorkommen, daß man die Trennungsgräben zwischen den einzelnen jüdischen Richtungen für gar nicht so tief hält, wie es einzelne °ir!,>iderwische heute noch hinzustellen belieben; es wäre sogar nicht ausgeschlossen, daß die jüdische Jugend in Deutschland, angesteckt von der uns von den Andern abgesprochenen „fdee" eines einheitlichen Judentums, sich zusammenfindet in einend großen Erziehungsbund, dem die nötige Kraft innewohnen, könnte, den Zerfall der jüdischen Gemeinschaft durch Bekämpfung der mancherlei Absplitterungsbewegungen unserer Zeit aufzuhalten. 3. Und damit kommen wir zu unserm größten Fehler, der wohl mit unserer Trägheit Hand in Hand geht: zu unserer Arroganz und Ueberheblichkeit. Man schiebt uns Welteroberungspläne unter und macht uns gleichzeitig mit erhobenem Finger auf die Gefahren solcher Unternehmungen aufmerksam. Man hat in einer Jugendzeitschrift der aufhorchende Welt davon Kunde gegeben, daß wir mit einigen jüdischen Jugendorganisationen Fühlung genommen haben, um eine Basis für gemeinsame Arbeit zu finden. Die Verhandlungen haben zwar zu keinem positiven Ergebnis geführt, .aber schon der Versuch ist nach der Meinung vieler Kritiker strafbar. Zudem nimmt man uns mit neuestem unsern Namen übel. „Verband der jüdischen Jugendvercine Deutschlands", das klingt so, als sei bei uns alle jüdische Jugend vereinigt. Und dem ist doch nicht so. Also liegt auch hier ein Gefahrenmoment vor, das der Zerklüftung der jüdischen Jugend in Deutschland einmal Abbruch tun könnte. Vorsicht ist deshalb bei Nennung dieses Namens am Platz. Er usurpiert mehr, als er besagt. Nun, wir halten uns verpflichtet, ängstliche Gemüter zu beschwichtigen. Anncktionsgelüste liegen ' uns ' fern. Zur Liebe kann man niemand zwingen, noch nicht einmal zur Verbandsliebe. Nur wer freiwillig zu uns kommt, kann uns bei unserer schweren Arbeit helfen. Ob die jüdische Jugend unsern Rai zum Zusammenschluß hören wird, bleibt abzuwarten. Wir werden jedenfalls nie aufhören, ihre Führer Ghanukka von Altred Philipp, Elberfeld Wenn wir in den letzten beiden Jahrzehnten in Jugendkreisen von Chanukka sprachen, so dachten wir vor allem an die Heldengestalten der Makkabäergeschichte, die unter Einsatz ihres Lebens ihr Judentum verteidigten, an die kleine mutige Schar, die einer überwältigenden Mehrheit zu trotzen wagte. Das war gut so; denn uns Juden war in der Enge de; Ghettos das Körpergefühl abhanden gekommen. Wir waren so vergeistigt, daß wir unsren Körper vernachlässigten. Heute ist das anders geworden, ja vielleicht schon so sehr anders geworden, daß wii—mit der nichtjüdischen Welt über die zu starke Betonung des Körperlichen klagen müssen, da die Entwicklung der geistig-seelischen Kräfte zu kurz zu kommen droht. In einem solchen Zeitpunkt ist es vielleicht angebracht, an das tiefere Problem zu erinnern, um das es sich in jenem Freiheitskampf der Makkabäer handelte, ein Problem, das auch uns noch zu denken gibt, das auch uns Chanukka zu einem lebendigen Ereignis macht. Der Gegensatz des Hellenismus , und des Judentums kam in jenem Kampf zum Austrag. Nicht etwa, daß die Chassidim, die den Hellenismus im jüdischen Lager bekämpften, verkannt hätten, .daß griechische Sprache und griechische Kultur eine außerordentlich beachtliche Höhe haben, sondern daß sie erkannten, daß in dem damaligen Zeitpunkte das Eindringen dieser Kultur in den jüdischen Lebenskreis eine Gefahr für das Judentum war. Die Menschen, die sich mit Begeisterung dem Hellenismus zuwandten, beschäftigten sich nicht etwa mit Plato und Aristoteles, sondern fanden Gefallen an den Freiheiten und Zügellosigkeiten des spätgriechischen Altertums. Es war ja nicht das klassische Griechentum, auf dessen Boden später unser humanistisches Bildungnideal wuchs, das sich im jüdischen Volk Eingang verschaffen wollte, sondern die dekadente Kultur des Hellenismus, des sterbenden Griechenlands. Gegen diese Zerfallsktiltur wandte sich der gesunde jüdische Instinkt mit der ßanzen Gewalt, die nur einem ungebrochenen Geist eigen ist. Nicht Unkultur und Intoleranz ließ die Chassidim ausschließlich den 'jüdischen Standpunkt als den allein wahren verteidigen, sondern der gesunde Lebenswille eines selbstbewußten Volkes. Es ist ja nicht das einzige Mal, daß in unsrer GeschTchte die Frage uns entgegentrat: Sollen wir die Umweltkultur schlechthin beiahen oder lohnt es "sich, ihr zum Trotz unser Judentum zu bewahren. Wir wissen alle, wie sehr wir heute noch darunter leiden, daß vor etwa hundert Jahren die Eindeutschung der Juden auf Kosten unsres Judentums von statten gegangen ist. So wenig ym/f alle ein Zurück ins Ghetto wünschen, so weit sind wirytfoch von der Verkennung der Tatsache entfernt, daß difs Tempo der Assimilation ein zu schnelles gewesen jstr daß wir über den unbestreitbaren und unenthehr- ■We-hen'werten der deutschen und europäischen Kultur allzusehr die hohen jüdischen Werte vergessen haben. Wir dürfen stolz darauf sein, daß wir in unsrer Zeit den Irrtum des vergangenen Jahrhunderts erkannt haben. Gerade wir jungen Menschen sind es, die die Sehnsucht nach dem Judentum, nach den Werten der jüdischen Kultur in uns tragen. Der tiefe Gedanke unsres Chanukkafestes ist uns eine ernste Mahnung, den von uns begonnenen Weg mutig und zielbewußt weiterzugehen. Seien wir das, was die Makkabäer uns vorgelebt — stolre Juden, 7

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