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Der Jugendbund · 1928-12-01 · 12 (1.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
12 (1.12.1928)
Date
1928-12-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Das Vagantentum kann zum Vagabundentum werdep. d. h. der Mensch verliert sich unschöpferisch an die Form (er geht in der Welt des Raums oder der der Gesellschaft unter). Der Einsamkeitstrieb kann den Sonderling zeitigen, der unschöpferisch abseits der Welt und ihrer Gestaltung steht. Zwischen diesen beiden Polen (— zwischen dieser expansiven und intensiven Sehnsucht —1 resultiert eine mittlere Diagonale, die Kraft, oder, besser das harmonsiche Streben — nicht hinreißendes Drängen — nach distanzierter Nähe. Ihre Verwirklichung ist das H_eim. In ihm findet der Mensch seinen umtriedetc-n Bezirk. In ihm suchte und fand er die Einsamkeit und Zurückgezogenheit von Welt und Masse, zugleich auch die gesellige Freundschaft ihn verstehender und liebender Menschen. Das Heim kann darum in seiner kulturellen Bedeutung.nicht wichtig genug genommen, werden. Es ist der bedeutsamste Kulturfaktor der sozialen Entwicklung, weil es den auscinar.dcrstrebenden Urkräften der Seelen die Bindung und Harmonie, und damit den schöpferisch gestaltenden Antrieb^gibt. Heimnot bedeutet soziale Not. (Beispiele sozialer Not unsrer Zeit, infolge der Heimnot, sind leider ungezählte *\ orhanden.) Heimglück bedeutet Glück der Gesellschaft und des Staates. Das Heim bedeutet darum mehr als nur Wohnung, als nur Milieu. Wir verschließen uns keineswegs dem Gedanken, daß die Art seiner äußeren Form (Milieu) auch formend aui den Mensehen wirkt. Aber erst nachdem 'der Mensch das Milieu geschaffen. schafft das Milieu, weiter formend, an ihm. Im Judentum hat man dieses wechselseitige Sichgestalten erkannt und frühzeitig versucht, dem Heim die höh-ere Kraft des G o t t g e s c; z t elm und Gottbedingtem zu geben. Raum sollte Heimat. Milieu sollte schöpferische Atmosphäre werden. Mit eindringlicher Kraft ruft der M'suhoh uns dieses Geheiß zu. An die Pfosten unsrer Tore geschriebenes göttliches Wort, will Eingang zum Heim schaffen, das mehr ist als Raum. Der Tisch des Hauses ist nach jüdischer Auffassung ein Altar, dessen Priesterin die 'rrau des Hauses ist. Sie entzündet das sabbatliche Licht der V( eihe. elterliche Hände segnen, den Priestern gleich, ihre Kinder. Der Gottesdienst unsrer Feiertage findet seinen erhabensten Niederschlag im Heim, aus dem das Alltägliche verbannt wird, in dem. der Feiertag seinen ,-Einzug hält. Das Göttlichesschafft ein Heim, das zu uns spricht: ..Friede, Friede, dem was fern und dem was nah e!" Das Jugendheim hat — geschaften nicht von der Familie, sondern -von einander fremden Menschen, die sich einzig in einer Idee (wieviel ist das zugleich!) finden — seine Besonderheit. \ orerst geschaffen als gefälliges Milieu der Vereinsi abende. soll und kann es doch mehr sein als nur Vereinslokal, — durch die Menschen, die in ihm zusammenkommen. Junge Menschen sind es, mit ihrem Drang und ihrer Sehnsucht in die Weite, mit dem Trieb zur Verinnerlichung und dem Streben ihrer Sonderheit sich bewußt zu werden. Die Stellung der priesterlichen Hausfrau gebührt hier allen weiblichen Mitgliedern, die erfüllt vom Wissen um die jüdische Gemeinschaft und Liebe zu ihr. dem Heim das Heimatliche edlen Wollens und Fühlens geben sollen. Bei unsist kein bestimmter Kreis von Mens'chen. sondern es ist ein Gehen und Kommen. Wir empfangen im Jugendheim junge Menschen, die die Kindheit verlassen haben und hier Sueben,- was Studien und Drang sie suchen heißt — von uns sollen gehen geklärte Menschen, die starke, schöpferische des Lebens sein können. Bleiben im Heim soll der Geist der Freundschaft, der mehr als Bilderschmuck und Tapete das Heim ziert und es zum Heim macht, v. ir müssen, um es in einem Wort zu sagen, eine .1 u g c n d f a m i 1 i e werden! Wie \iele. die fremd in unsre Stadt kommen und nun den heimatlichen Kreis von Menschen suchen, wie viele, die von der Sorge und Hast des Erwerbslebens sich hier finden wollen in dem, was ihnen draußen verlorenzugehen droht. Geben wir unserm Jugendheim das Göttliche des Strebens, das 6 Feiertägliche des Sabbats, das Jüdische des Tuns! „Schreibt es an die Pfosten der Tore und des Heim s", daß es in ihm wohne, und unsre Jugendheime werden Heime der Jugend sein, werden eine jüdisch-soziale Tat bedeuten. Die Andern und wir (Eine Kritik der Kritiken) von Amlcus l. Wären wir so machthungrig, wie es viele Kritiker unserer Dresdener Tagung in den verschiedensten jüdischen Zeitschriften darzustellen' belieben, so müßten wir etwa leitartikeln: Wir und die Andern, oder uns wie „Der junge Jude" in die Mitte setzen und herablassend von der „Jugend um uns herum" berichten. Den Ruhm, sich selbst zu beweihräuchern, indem man möglichst geringschätzig von der Arbeit der übrigen Bünde denkt, überlassen wir den Andern. Sie haben in den letzten Wochen reichlich davon Gebrauch gemacht. Nicht zu unserem Schaden. Liest man z. B. die Berichterstattung von Roeh Mistakel in den „Jungzionistischen Blättern", so kann man sich am Schluß eines mitleidigen Lächelns über seine eigene Verbandsminderwertigkeit mit dem besten Willen nicht erwehren. Es werden zwar unserer Bundesarbeit eine Reihe von Aufgaben zugebilligt, die sich aus der gegenwärtigen Situation des deutschen Judentums ergeben. Ob wir sie bewältigen können, wird mehr bezweifelt als bejaht. Denn um uns steht es schlecht. Wir haben — trotz Loeffler — keine Idee, von der wir getragen werden. Das wird uns liebenswürdigerweise vom Kritiker nicht übel genommen. . Denn wichtiger sei die Arbeit in und an der Wirklichkeit. Schade nur, daß wir auch da durchaus versagen. Denn die Wirklichkeit, zu der wir berechtigterweise vorstoßen wollen, die Gemeinde, wird von uns falsch gesehen. „Keinem der Sprechenden war anzumerken, daß er wirklich ein Bild von der Gemeinde im Herzen trägt." Wir lassen-uns natürlich gern, durch ein besseres Bild überzeugen, müssen aber sagen, daß das „Gemälde", das uns der Kritiker dann, von eigener Hand gemalt, entwirft, doch als zu „gekonnt" erscheint, als daß es Anspruch auf Wirklichkeitsnähe erheben könnte. Wir glauben nicht, daß dieses Urteil ein Resultat unserer gewiß weitreichenden Unfähigkeit, die Realitäten des jüdischen Lebens richtig zu erfassen, ist. Denn wir dürfen feststellen, daß sich unser „Bild" weitgehend mit der Anschauungsweise der politischen Freunde unseres Dresdener Hellsehers deckt. Die Ideen, die z. B. Georg Lubinski in der Rausch- Haschonoh-Nummer der „Jüdischen Rundschau" über den „Umbau der jüdischen Gemeinde" entwickelt, sowie die praktischen Vorschläge, die Hans Goslar in der gleichen Nummer hinsichtlich der Jugendarbeit in der Gemeinde unterbreitet, sind von den Forderungen, die wir in Dresden gestellt haben, gar nicht sehr weit entfernt. Hinzukommt, daß die Mannheimer Jugendgemeinde, die doch in der Bearbeitung der Gemeinde-Probleme gern als besonders kompetent angesehen sein möchte, auf dem Mannheimer Jugendtag durch ihren Sprecher eine Resolution vorlegen ließ, die, trotzdem sie unmittelbar nach unserer Dresdener Tagung der Oefientlichkeit vorgelegt wurde, wie eine Kopie unserer dortigen Beschlüsse anmutet, weshalb sie wohl auch, als zur Abstimmung überflüssig, ad acta gelegt wurde. Trotzdem, wie gesagt, lassen wir uns durch sachliche Argumente jederzeit gern belehren. Mit fein stilisierten Pointen, auch wenn sie falsch sind, ist uns nicht gedient. 2. Das hängt mit unserm zweiten Fehler zusammen. Wir sehen nicht nur nicht gut, wir sind auch faul und träge. Wir drücken uns um alle wichtigen Entscheidungen. „Neutralität ist die Schutzimpfung der Unbewegten", dekretieren die Jungzionistischen Blätter. „Neutralität: das ist der Weg zur Verbürgerlichung", prophezeit Kurt Loewenstein im Münchener „Jüdischen Echo". „Neutralität, das ist die Stabilisierung einer vollkommen befriedeten Atmosphäre, die niemals die Erschütterung hervorrufen kann, die nun einmal eine not-

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