Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 12 (1.12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Dieser Aufgabe will der „Bund der religiösen Sozialisten" dienen. Der 4. Internationale Kongreß dieses Bundes, der im August d. J. in Mannheim tagte, hat zu wichtigen Ergebnissen geführt, die auch für unsere Freunde von Interesse, sein dürften. Zunächst scheint mir der Name des Bundes nicht ganz einwandfrei zu sein. Eine Entschließung des Mannheimer Kongresses sagt zwar: „Der Bund der religiösen Sozialisten Deutschlands ist in Mitgliedschaft und Führung nicht konfessionell gebunden; seine Mitglieder sind ohne Rücksicht auf das Bekenntnis in Ortsgruppen und Landesverbänden zusammengefaßt." Auf dem Kongreß selbst aber hatte man sehr oft das Empfinden, daß der Bund sich besser: Bund der christlichen Sozialisten nennen müßte. Denn der Mehrzahl der Teilnehmer schien es eine Selbstverständlichkeit zu sein, daß nur das schwarze Kreuz auf rotem Hemd Symbol einer solchen Vereinigung sein könne. Ja, manchmal schien es sogar so, als ob man in einer Versammlung evangelischer Sozialisten geraten wäre. Die Wortführer waren meist protestantische Pfarrer. Die Delegierten bewegten sich sehr stark in der Terminologie evangelischen Christentums. Das katholische Element war sehr schwach vertreten. Und erst nach Behebung von mancherlei Schwierigkeiten wurde folgende Resolution angenommen: „Zur Durchführung der Arbeit und des Kampfes in der gegenwärtigen Situation wird die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Sozialisten und einer Arbeitsgemeinschaft der katholischen Sozialisten innerhalb des Bundes beschlossen. Nach der offiziellen Kongreßstatistik hatten sich 4 Teilnehmer als Juden in die aufgelegte Anwesenheitsliste eingetragen (neben 132 Protestanten, 17 Katholiken und 14 Konfessionslosen). Vom Judentum war an verschiedenen Stellen der Verhandlungen vorübergehend die Rede. Der Vorsitzende des Bundes sagte in seinem Rechenschaftsbericht wörtlich: „Bemerkenswert ist, daß sich auch in der jüdischen Kirche (1!) eine Bewegung regt, die aus der jüdischen, alttestamentlichen Frömmigkeit heraus zu einer sittlichen Bejahung des Sozialismus kommen und die genau wie die evangelisch-protestantischen Kreise der religiösen Sozialisten bei Kirchenwahlen (!) Einfluß gewinnen will. Wir werden diese Bewegung in den jüdischen Gemeinden nicht aus dem Auge verlieren dürfen." Diese Darstellung zeugt gewiß nicht von allzu großer Vertrautheit mit jüdisch-religiösen Einrichtungen. Es ist hier übersehen, daß für uns das Problem gerade deshalb wesentlich anders gelagert ist, weil wir — keine Kirche im Judentum haben. Sehr interessiert zeigte sich der Kongreß an den Ausführungen des Vertreters der jüdischen Arbeiterpartei Poale-Zion, der die Versammlung offiziell im Namen seiner Organisation begrüßte. Sein Hinweis, daß das Ethos der jüdischen Propheten der sozialen Arbeit noch viel zu geben habe, wurde begeistert aufgenommen und von verschiedenen Diskussionsrednern kräftig unterstrichen. Trotzdem darf man die Möglichkeiten unserer Mitarbeit im Bund der religiösen Sozialisten im Augenblick nicht allzu hoch einschätzen. Dazu ist zunächst die innere Struktur des Bundes noch zu ungeklärt. Während ein Führer es für selbstverständlich erklärte, daß nur derjenige tatkräftiges Bundesmitglied sein könne, der gleichzeitig eingeschriebenes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei ist, vertraten andere Prominente die Auffassung, daß es zu den besonderen Aufgaben des Bundes gehöre, die materialistische Grundlegung des Marxismus durch eine religiöse Fundierung zu überbieten. Ungeklärt scheint mir auch noch die Stellung der Handarbeiter zu den Vertretern der anderen Berufe im Bund zu sein. Auf dem Kongreß wurde von den Fabrikarbeitern häufig Klage geführt gegen das Ueberhandnehmen der „geistigen" Mitarbeiter, die doch oft an der wahren Situation des Proletariats vorbeireden würden. Am problematischsten dürfte noch die Einstellung zur Religion selbst sein. Man hat den Eindruck, daß es vor allem evangelische Pfarrer waren, deren soziales Gewissen sie auf die Seite der Arbeiter trieb. Die religiöse Oede, die sie dort vorfanden, veranlaßte sie, unter Umgehung der beim Proletariat verhaßten Kirchenorganisationen, das arbeitende Volk für die Welt des Religiösen ohne kirchlichen Zwang wiederzugewinnen. Daß diese Religiosität sehr stark evangelisch gefärbt ist, darf daher nicht wundernehmen. Das kam vor allem in dem Hauptreferat der Tagung zum Ausdruck, das von dem Marburger Theologieprofessor Wünsch über das Thema: „Christliche Sittlichkeit und sozialistische Wirtschaft" erstattet wurde.- Die Versammlung war so sehr mit dem Inhalt dieses zweistündigen, überaus klar gehaltenen Vortrags einverstanden, daß sie beschloß, ihn im Wortlaut zu veröffentlichen. Uns selbst erscheinen, die Ausführungen Wünschs so wichtig zu sein, daß wir auf sie nach ihrer Drucklegung in einer besonderen Besprechung zurückkommen werden. Wir werden dann klarer sehen, inwieweit eine Mitarbeit von jüdischer Seite im gegebenen Augenblick möglich ist. Nach den Eindrücken, die man von Mannheim mitnahm, ist zu diesem Zweck vor allem eine Ausweitung des Begriffes Religion notwendig. Religion isj_ mehr als Christentum. Diese Erkenntnis scheint noch nicht Allgemeingut der dort Versammelten gewesen zu sein. Man dar! aber das Vertrauen zu Männern wie Professor R a g a z aus Zürich und Dr. Hartmann, Foche, die im Bund eine bedeutsame Rolle spielen, haben, daß sie für diesen Gedankengang das richtige Verständnis haben werden. Ob wir uns selbst stark genug fühlen, eine jüdische Arbeitsgemeinschaft religiöser Sozialisten ins Leben zu rufen, darüber muß in diesen Blättern noch ausgiebig geredet werden. Die soziale Bedeutung des jüd. Jugendheims von Rabbiner Dr. Schönberger. Aachen Das Bestreben unserer Vereine, Jugendheime zu erhalten, in denen sich ihr Leben abspielt — allerorten tätig, vielfach vom Erfolg begünstigt —, genügt nicht zur Errichtung eines Jugendheims. Wie überall, so ist auch hierbei die Idee des Strebenden vielfach entscheidender, als das reale Ziel. Ein Heim, noch so schön ausgestattet, bleibt nichts weiter als ein Vereinslokal, solange der Geist des Heims, die Atmosphäre des Heimischen mangelt! Sie zu schaffen, ist Sache der Erkenntnis und des Willens ebenso sehr, wie des Gefühls und der Tat. (Nebenbei sei gesagt, daß da, wo Erkenntnis und Wollen, Fühlen und Tun zusammengehen, stets Soziales geleistet wird.) Man muß sich darüber klar sein, daß das Heim kein Ziel, sondern ein Weg ist. Welchen Sinn hat das Heim überhaupt? Eine zwiefache Sehnsucht, wird zum lebenbewegenden Faktor unsres Daseins, zwei dem Menschen zutiefst verwurzelte Triebe, stehen in fortwährendem Kampf miteinander: Die Sehnsucht nach der Ferne und die nach der Nähe! In jedem Menschen steckt ein Stück Vagantentum, etwas. das ihn heraustreibt in die Welt. Die Welt nicht nur in dem räumlichen Sinne der anderen Städte und Länder, sondern auch die der anderen Menschen (Gesellschaft) wird gesucht. Fast jeder fühlt einmal den Befehl, der an Abraham, unsern Stammvater, erging, zu sich sprechen: „Hinweg ziehe aus deinem Land, von deiner Sippe, aus dem Vaterhaus in das Land, das Ich dir zeigen werde". Etwas treibt uns dazu, den engen Kreis unserer Tätigkeit zu verlassen und unser Wirken und Schaffen in die Welt der Weite zu projizieren, zu suchen den Zusammenhang von Ich und Welt. — Diese treibende Kraft ist dem jungen Menschen besonders zu eigen. Die „Sturm- und Drangperiode" ist der Ausdruck dieser Sehnsucht in die Ferne. — Wo der Mensch zum Kinde der Erfahrungen geworden ist, da seine Flugkraft zu erlahmen droht, da Enttäuschungen ihn niederwerfen, hebt die zweite Kraft seines Ichs an — die Sehnsucht nach Alleinsein, nach der Nähe mit sich selbst. Diesem Verinnerlichungs- und Einsamkeitstrieb steht der Trieb in die Ferne kontradiktorisch entgegen. Nietzsche sagte es in „Jenseits von Gut und Böse" so: „Wer im Verkehr mit Menschen nicht gelegentlich in allen Farben der Not, grün und grau vor Ekel, Ueberdruß, Mitgefühl, Verdüstening, Vereinsamung schillert, der ist gewiß kein Mensch höheren Geschmacks." — Jeder Mensch höhern Geschmacks kennt dieses Einsamkeitsbedürfnis, das ihn zuweilen inmitten der großen Welt und der Wege der Gesellschaft anwandelt, daß er sich wegwendet von ihnen, sich zurückziehend ins eigene Ich. Beide genannten Kräfte haben ihr Gefährliches! 5