Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 12 (1.12.1928)
- Date
- 1928-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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schichtliche Entwicklung und seelische Verschlingung hinaus steht dem sittlichen Menschen wohl die Macht zu, für sich selbst den ersehnten sozialen Typus zu verwirklichen. Es sozialer Wirtscahtfsgestaltung. Getzter Gestalter und Formet Leistung des Einzelnen positiv oder.negativ vom Standpunkt des allgemeinen Wohlergehens bewertet wird. Einer für alle, alle für einen! Das soziale Problem im Roman der 6ege n wart notizen zu einer Kleinen Bücherliste von StaütDiöiiotKeKar Dr. E. Sulz. Essen Eine gute Einführung in den Problemkreis der sozialen Not unserer Zeit vermitteln eine Reihe von Romanen unserer Zeit, die in anschaulicher Weise Lebensbilder aus der proletarischen Welt zeichnen. Wir empfehlen deshalb als gute Einführung in den Fragekomplex der sozialen Sphäre folgende Romane. Die Schriltleitung. \ orläufer: Zola: Germinal. Mas Kretzer: Die Betrogenen, Die Verkommenen. Meister Timpe, und andere. Klara Viebig: Das tägliche Brot, Eine Handvoll ' Erde. ' . Heinrich Mann: Die Armen. Die heutigen Klassiker des sozialen Romans: 1. Andersen-Nexö: Pelle, der Eroberer, Stine Menschenkind, und sein ganzes übriges Schaffen. 2. Maxim Gorki. Autographisches: Meine Kindheit, Unter fremden Menschen, und seine übrigen Werke. 3. Upton Sinclair: Konig Kohle, Jimmy Higgins, Petroleum, und seine andern Werke. 4. Charles Louis Philippe: Der alte Perdrix, Marie Donadieu, Croquignole, und die übrigen. \V ährend Andersen-Nexö und Gorki die Dinge ihres eigenen Erlebens möglichstobjektiv und ohne gewollte Gefühlswirkung darstellen, lebt in Upton Sinclair eine starke Kämpfernatur gegen alle Ungerechtigkeit, er fußt auf realem Quellenmaterial. Philippe, der in die dunkelsten V iertel von Paris hinableuchtet, sucht Mitleid und Anteilnahme für die gesellschaftlich Ausgestoßenen zu erwecken. Von etwas härterem Metall ist sein Landsmann und Schüler Francis Carco: Der Gehetzte und andere Romane. Von deutschen Autoren arbeitet in dieser Richtung Paul Zech mit seiner: Geschichte einer armen •Johanna. \\ ie ein altes Volkslied mutet die schlichte Erzählung von Karl Lieblich an: Ein proletarisches Brautpaar. Ein viel angefochtenes Buch endlich muß in diesem Zusammenhang genannt werden, weil es wie wenig andere in die untersten Schichten unserer Großstädte hinabsteigt: Vom Leben getötet. \ erlag Herder. Freiburg im Breisgau (den Fall Machan behandelnd). , Aus dem katholischen Lager stammen Darstellungen wie Otto Brües: .lupp Brand, und der klassische katholische soziale Doppelroman von Franz Herwig: Sankt Sebastian vom Wedding und Die Eingeengten. Line besondere Gruppe stellen diejenigen Romane dar, die eine bestimmte wirtschaftspolitische Terid e n z verfolgen, die man deshalb vielleicht mit einem gewissen Recht Tendenzromane nennen dürfte, ohne daß dies ihrer Bedeutung Eintrag tut. Hier ist zu nennen: Jack Lodon mit seinem halb autobiographischen Roman: Martin Eden und seinem düsteren sozialen Zukunftsbild: Die eiserne Ferse, eine Kritik zugleich am Kapitalismus wie ' am Sozialismus. Das Si /Kilisierungsproblem behandelt ohne parteipolitische Stellungnahme Felix Pinner in seinem Roman: Tannerhütte; die soziale Not im Zusammenhang mit dem Siedlungsproblem läßt der bekannte Pazifist Paul von Schönaich in seinem interessanten Roman: Die Peitsche des August Schmidt zur Erörterung gelangen. Trotz seiner einseitig völkischen Parteinahme, der es auch an kleinen antisemitischen Bosheiten nicht fehlt, hat der Roman von Hans Grimm: Volk ohne Raum, vielfach Beachtung geiunden. Wenn hier um der Raumnot unseres Volkes willen auf die ehemaligen deutschen Kolonien hingewiesen wird, wobei übrigens leider nicht deutlich genug zum Ausdruck kommt, daß diese alle gar nicht (oder wie Deutsch-Südwest- Afrika nur unter besonderen engen Voraussetzungen) als Siedlungsland für deutsche Kolonisten in' Frage kommen, so faßt ein leider viel zu wenig bekannt gewordener Autor Ernst Schmitt in seinem älteren Roman: Die Heimkehrer, die Sache schon richtiger an. wenn er auf den vielen noch nicht urbar gemachten Boden in unserem Vaterlande selber hinweist. Eine besonders eigenartige Erscheinung in unserer deutschen Gegenwartsliteratur sind die Romane, die als Niederschlag gesteigerten Erlebens aus der Kriegs- und Revolutionszeit heraus spontan geschaffen sind von Leuten, die sich unter gewöhnlichen Verhältnissen wohl kaum als Schriftsteller betätigt hätten. Das berühmteste dieser Art ist wohl das Erlebnisbuch des Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene, kein Kunstwerk, aber ein erschütterndes Zeit- und Seelengemälde. Die Melancholie zertrümmerter Vorkriegsideale steigt aus den Erlebnisbücherh Josef Roths auf: Die Flucht ohne Ende. Die Rebellion u. a. Von stark revolutionärer Gesinnung sind die Erlebnisbücher von Albert Daudistel: Die lahmen Götter und Kurt Kläber: Die Passagiere der dritten Klasse. Auch ein Buch wie das zur Sensation gewordene von Harry Domela: Der falsche Prinz mag man einmal von der Seite seiner sozialen Milieuschilderungen her betrachten, man kommt dabei der Wirklichkeit näher als mit dem konstruierten Gedankengebilde des echten Romans. Die religiösen Sozialisten Von Dr. Hugo Hahn, Essen Sozialismus und Kirche stehen sich heute als Feinde gegenüber. Der Sozialist sieht in den Trägern der Kirchenmächte die gedungenen Liebediener der herrschenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung; die Geistlichkeit wittert in den „Roten" die gefährlichsten Feinde der Religion. In Wirklichkeit ist diese Gegnerschaft mehr das Ergebnis einer besonderen geschichtlichen Entwicklung in Europa, als eine innerlich bedingte Abneigung. Religion kann sich nicht in den Dienst irgendeiner Partei oder Richtung stellen, will sie ihrer Aufgabe gerecht werden. Sie hat nach „überirdischen" Gesichtspunkten zu Fragen dieser Welt Stellung zu nehmen. Für sie kann nur das göttliche Gesetz Richtschnur ihrer praktischen Maßnahmen sein. Die von.ihr geforderte Regelung der menschlichen Beziehun;>sverhältnisse muß auf den Weisungen des Rechtes und der göttlichen Liebe gegründet sein. Weicht sie von dieser Linie ab, so wird sie ihrer Sendung untreu. Das Alte Testament zeigt uns, wie die Vertreter der israelitischen Religion gleichzeitig die größten Wirtschaftstheoretiker ihrer Zeit waren. Die soziale Gesetzgebung eines Mose erregt heute noch die Bewunderung aller Sachverständigen. Und die rügenden Worte, mit denen die Propheten die Besitzenden ihrer Zeit an ihre Pflichten gegen ihre Umwelt gemahnten, würden, richtig vorgetragen, heute noch in jeder sozialistischen Versammlung einen Sturm des Beifalls auslösen. Wenn heute das Wirtschaftsleben, losgelöst von Synagoge und Kirche, seine eigenen Wege geht, so hängt das offensichtlich mit der Säkularisierung, d. h. mit der Verweltlichung aller Kulturgebiete zusammen. Auch die christliche Religion, obgleich sie in vielerlei Art die „herrschende" in Europa war, konnte die Verselbständigung der neuzeitlichen Wissenschaft, der Kunst und des Staatslebens nicht aufhalten. Ihr Versagen ist sachlich begründet, wenn auch menschliche Fehler in großer Zahl mituntergelaufen sein mögen. Die Frage ist nur, ob eine Zeit, die den übergeordneten Wert der religiösen Welt wieder zu ahnen beginnt, nicht die Verpflichtung hat, die Kräfte der Religion erneut in den Dienst des sozialen Problems zu stellen. Dabei wird es nicht genügen, die Wichtigkeit der Caritas, des Wohlfahxtsdienstes, zu betonen, sondern es wird notwendig sein, die Haltbarkeit unserer heutigen wirtschaftlichen Zustände überhaupt zu überprüfen. Es kann sich also nicht nur um ein Ausgleichverfahren handeln, sondern es ist an der Zeit, den ganzen Fragenkomplex von religiöser Seite prinzipiell aufzurollen. 4