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Der Jugendbund · 1928-12-01 · 12 (1.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
12 (1.12.1928)
Date
1928-12-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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schlecht war antisozialer als das heutige. Zeiten, denen man die Erfüllung und Ausführung sozialer Verpflichtungen als spontane Aeußerungen zuschreiben kann, haben es für überflüssig gehalten, endlose Diskussionen über Probleme zu führen, deren Lösung ihnen in Praxis und Alltag geläufig gewesen ist. Lessings Ausspruch, daß man am meisten von der Tugend spreche, die man nicht besitze, hat für die Moderne bei sinngemäßer Uebertragung seine Richtigkeit. In dem Drängen nach Sozialreformen auf allen Gebieten, in dem Streben nach Freiheit und dem Walten der Gerechtigkeit allen gegenüber, zeigt sich durchdringend immer nur das eine, alles andere beherrschende Bedürfnis nach wahrer, tief innerlich disponierter Sozialgesinnung. Der soziale L'e benstypus muß und soll in der Kulturgestaltung die Vorherrschaft erhalten. Schaut man auf die Wesenheit des heutigen sozialen Lebenstypus, so entdeckt man bereits bei oberflächlichem Zuschauen als seine markanteste Seite die in ihm wirkenden politischen Tendenzen. In unseren Tagen der politischen Hochspannung erscheinen die Fabrik- und Zechenhallen nicht so sehr als ernste, unermüdlich schaffende Stätten der Produktion, denn Stätten politisch-agitatorischer Zwecke. Der Arbeiter hat viel von seinem ehemaligen Charakter abgelegt; in erster Linie fühlt er sich jetzt als politischer staatlicher Machtfaktor. Um die großen gesellschaftlichen Umwälzungen erreichen zu können und die wirtschaftlichen Organisationen voll ausentwickeln zu lassen, ist der Sozialismus erstes Ziel der Besitz ausgedehnter politischer Rechte, die politische Macht. Den Händen der anderen Klassen, die trotz entgegengesetzter Interessenstreitigkeiten unter sich auf dem Boden des Privateigentums an Produktion und Konsumtion stehen und die Erhaltung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum gemeinsamen Ziel haben, sucht er die politische Regierung zu entreißen, um hierdurch die Möglichkeit der Verwirklichung seiner eigenen Ziele erst zu gewinnen. Drum rauscht die Geschichte des Sozialismus einher im Sturmgewand der Revolutionen, angefangen von der Umsturzbewegung der deutschen Reformation, hinweg über die großen Umwälzungen der englischen und französischen Revolution, der amerikanischen Freiheitskriege, der Verfassungskämpfe in Europa bis zu der letzten russischen und deutschen Revolution infolge des Weltkrieges. Als Endzweck schwebt dabei stets die Verwirklichung jenes Zieles vor, das die gesellschaftliche Gesamtheit als die einzige berufene Instanz zur unmittelbaren Beherrschung und Leitung wirtschaftlichen Lebens verherrlicht. In dem Maße, wie der Gedanke von der Verherrlichung des Gesellschaftsganzen als Glück- und Segenbringer lebendiges Massenbewußtsein wurde, entwickelten sich in den breiten Volksschichten der Sinn für organisatorischen Zusammenschluß und der Wille zur politischen Macht. Des sozialen Typus auffälligste Lebensbetätigung ist' augenblicklich der politische Kampf; als dessen köstlichen Preis sieht er die Lösung aller wirtschaftlichen Nöte im Zukunftsstaat winken. Eis gilt uns noch eins: wirtschaftliche Besserstellung, Lohnerhöhung, Sicherung ökonomischer Vorteile. Die Politik muß dazu nur als Mittel zum Zweck herhalten. Nach streng marxistischer Auffassung wird mit dem Verschwinden des Privateigentums nicht nur der ganze politische Apparat des historischen Staates und der geschichtlich überlieferten Staatsgewalt, sondern des Staates überhaupt aufhören, um in eine bloße Verwaltung der Produktion und Verteilung aller Güter im Namen und Interesse des Volkes sich umzuwandeln. Diese Forderung einer gründlichen Umgestaltung des überlieferten Vermögensrechtes kann als das gemeinsame Programm aller sozialistischen Schulen angesehen werden. Sternpunkt des sozialen Lebenstypus ist dementsprechend die Wirtschaftsidee. So überraschend wie die politische Offensive der Massen mit dem scharf verfolgten Ziel radikaler, ökonomischer Gesellschaftsumschichtung uns heutigen klar vor Augen tritt, erzwingt auch das sozial-ethische Massendenken als neue fremdartige Erscheinung Interesse und Aufmerksamkeit. Wohl ist der Systeme, die Maxime um Maxime im Aufputz gelehrnschaft aufstellen für soziales Denken und Handeln, :; alle haben jedoch das allmächtige Schöpferwort „es ergessen auszusprechen. Nirgends findet sich eine lösung der Kräfte, die den Menschen nun auch wahrhaft befähigen könnten jener vorgeschriebenen sozialen Ethik und sözialcn Kultur zu leben. Nichts von den tieferen Kräften zur Auslösung flammt im sozialen Typus der Moderne. Für uns Heutige, die wir vom reißenden Strom sozialer Gedankenmächte getragen und bewegt werden, ist es von großer Bedeutung, einmal die rückwärtigen Bahnen zu beleuchten, die der soziale Lebenstyp aus der Verborgenheit in die herrschende Oeffentlichkeit unsrer Tage gewandelt ist. Einmal'ist damit die schleierlose Erkenntnis seines wahren Wesens verknüpft,' anderseits gewährt diese wiederum ein tieferes Verstehen seiner jetzigen Entfaltung und Auswirkung. Wer sein innerstes Wesen durchschaut als eine Kräftevereinigung von ..unten" her, wer den Mangel an tieferer Geistesdurchdringung, seelischer Erfüllung von „oben" her, entdeckt, der wird mit einem gesunden Skeptizismus und mit scharfsichtigen Augen das Werk soziologischer Neuorientierung zu prüfen wissen, das im Sinne der Sozialidec sich zu gestalten beginnt. Es ist verständlich, daß zunächst die Geistesgebiete von jener Umwälzung erfaßt werden, weil hier die Realitäten materieller Probleme im ersten Ansatz weniger schwerwiegend berechnet werden. Wie allenthalben, heißt auch in der Pädagogik das erlösende Zauberwort; Sozialrcform. Neu ist nur, daß die Sozialpädagogik, gestützt auf den sozialen Ideenvorrang der Zeit, noch nie mit solcher Wucht sich Geltung verschafft ha,t denn gegenwärtig; neu sind die Weiterungen und Konsequenzen, die aus überlieferten Ansätzen heraus frisch aufgestellt werden; neu ist endlich, daß sie mit der Entwicklung der Zeitlagc aus dem Reich der Unmöglichkeit in das der nächsten Möglichkeit fortgeschritten ist. Eine eindringliche Berichtigung sozialer Auffassungen ist namentlich erforderlich, sofern diese auf staatssozialistischer Lehre beruhen. Wurde der Sozialismus in der Aegidc des alten Regimes immefc als staatsfeindlich bekämpft und geächtet, so lag der besondere Grund hierzu in seiner ablehnenden Stellung gegenüber dem bürgerlich-kapitalistischen Obrigkeitsstaate. Nach staatssozialisfischer Theorie ist er nichts weniger als staatsfeindlich oder anarchisch zu bezeichnen. Im Gegenteil, in seinem Grundwesen bedeutet er eine Ueberspannung der Gcsellschaftlichkeit, tcine übertriebene Ausdehnung des öffentlichen Eigentums und der staatlichen Befugnisse sowie eine unzulässige Beschränkung der Rechte des Individuums. Hier handelt es sich um den Absolutismus der Staatsbejahung im Hegelschcn Sinne, um die Proklamation der Staatsomnipotenz, die als „konkret gewordener Gott" bezeichnet wird. Diese Ueberschreitungcn der Zweckbestimmung und Kompetenzschranken des Staates ist unbedingt entgegenzuwirken. — Einer besonderen Unterstreichung bedürfen im Gegenkampf die Leitsätze über das Privateigentum als soziale Institution, vornehmlich über das Privateigentum und dessen Benutzung und Einschränkung in sozialer Hinsicht. — Wichtige, zeitgemäße Einstellungsmomente ergeben sich aus einer Betrachtung der Formen des politischen Kampfes, in dem die Theorien der Parteien um. Verwirklichung ringen. Wer eine Ahnung von den Gehässigkeiten parteipolitischer Klopffechtereien hat und sich als ästhetischer und ethischer Mensch manchmal von dem Wirrwarr des oft so lächerlichen Politikum abwenden muß. wird der vernichtenden Kritik Försters hierüber in seiner „politischen Ethik und politischen Pädagogik" zustimmen. Beistimmen wird man ebenfalls den Besserungsvorschlägen, die auf eine Veredelung der Kampfinstinkte, auf eine Friedenspädagogik hinzielen, deren Orientierung vom Charaktcrproblem aus tief erfaßt ist. Diese Gedanken wird die moderne Sozialpädagogik als ein gut Teil seelischer Kernauffassung sich zu eigen machen müssen: Rangordnung der Sozialzwecke, Anleitung zur Ordnung in guten Selbstregungen, konsequente Unterwerfung des Sinnlichen unter das Geistige, unbedingte Unterordnung gegenüber dem Gebot des Gewissens und Anstandes, der Ethik und Religion, Opfern von Vorteilen zugunsten ethischer Maximen. Ob der wahre soziale Lebenstypus schöne Wirklichkeit werden wird, ist schließlich nicht eine Frage der pädagogischen Konstruktion oder eine bloße Folge organisatorischer Maßnahmen, sozialpolitischer Unternehmungen oder das Ergebnis sozialer Wirtschaftsgestaltung. Letzter Gestalter und Former ist vielmehr jeder einzelne Mensch selbst. Ueber alle ge- 3

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