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Der Jugendbund · 1928-11-01 · 11 (1.11.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
11 (1.11.1928)
Date
1928-11-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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und den ausdrücklichen Schutz der Jugend vor sie besonders bedrohenden Schäden und Gefahren finden sich im Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vom 16. 7. 27, im Hausarbeitsgesetz vom 27. 6. 1923. im Lichtspielgesetz vom 12. 5. 1920, im Notgesetz vom 24. 2. 1923, in der Verordnung über die Fürsorgepflicht vom 13. 2. 24 und den dazu erlassenen Reichsgrundsätzen über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge vom 4. 12. 1924 und im Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vom 18. 2. 1927. Zusammendfassend kann gesagt werden, daß der Staat trotz aller modernen Auffassung vom Staat, der mehr sein soll als der „Nachtwächter", in seinen gesetzlichen Maßnahmen manches für den Jugend s c h u t z, aber sehr wenig für die Jugenderziehung im eigentlichen Sinne, zumal für die Jugend, die weder Anomalien aufweist, noch durch irgendwelche Taten ihren Hang zum Asozialen ausdrückt, geleistet hat. Bis der Staat hier seine Pflicht erfüllt, müssen vor allem die. religiösen Verbände, für uns kommen die Synagogengemeinden und Landesverbände in Frage, die Lücke ausfüllen. Eile tut not! Internationaler Briefwechsel (Anfragen an: J. Raphael, Beckum i. Westf.) Diese neue Einrichtung findet bei unsren Freunden allgemein Anklang. Wir bitten um weitere Meldungen. Außer der Beschaffung von ausländischer Korrespondenz geben wir jede Auskunft über Zeitungen und Zeitschriften. Wer Briefwechsel wünscht, müß das Alter, die fremde Sprache und die Interessengebiete angeben und bemerken, ob eventuell auch eine Korrespondenz mit nichtjüdischen Jugendlichen in Frage kommt. Eine Reihe englischer Schülerinnen einer höheren nichtjüdischen Lehranstalt in Birmingham wünscht mit unsren jungen Menschen in Verbindung zu treten. Bedingung: Briefe in englischer Sprache.- Aller. Anfragen ist Rückporto beizufügen. Briefwechsel Ruth Cootzen, Kottbus, Kaiserstraße 6 (20 Jahre), wünscht Briefwechsel mit Verbandsfreund oder Verbandsfreundin im Rheinland oder in Süddeutschland. Bücherschau Harry Graf Keßler: Walter Rathenau, sein Leben und sein Werk. Verlagsanstalt Herrn. Klemm, A.^G., Berlin-Grunewald. Bei anderen Menschen, bei denen die „Handlung" in ihrem Leben größer ist als ihre „Wirkung", bei romantischen, abenteuerhaften Lebensabläufen, ist es dem Biographen erlaubt, aus den glitzernden Einzelheiten des Geschehens das Bild zu formen und in das Bild des einzelnen Menschen dann den zeitgeschichtlichen Hintergrund einzufügen. Hier ist es anders. Nicht eigenwilliger Umstürzler und Aenderer seiner Zeit, sondern ein von ihr bedrückter Denker und Dichter war Rathenau. Aufgabe seines Biographen war es daher, aus der Zeit den Mann und sein Leben und sein Wirken zu erklären.' Sein Wirken mehr als sein Werk! Denn sein Werk, wie an anderer Stelle dieser Nummer ausgeführt, ist noch nicht erfüllt. Wenn der Frieden geschaffen ist, restlos und auf ewig, ist Rathenaus Werk fertig getan. — Keßler hat diese Biographie meisterhaft geschrieben. Es lebt alles wieder auf, Zeit, Menschen, Rathenau selbst, wir aber stehen und staunen vor der Größe dieses Geistes, dessen Blut unser Blut war.' Weil er, wie immer man dem Juden R. gegenüber steht, einer der ganz großen jüdischen Menschen ist, muß man Rathe.nau kennen. Keßlers Buch ist der Mentor, der in die Welt Rs. einführt. Doch ist es, wie die Schriften Rs. selbst, wegen ihrer nicht allzu leichten Sprache, eher dem Kreis der Führer und älteren unsrer Brüder zu empfehlen. H. Für einen Weltbund der Jugend. (Broschüre, herausgegeben von einer kollegialen Redaktion im Auftrage des vorbereitenden Ausschusses der deutschen Delegation. Preis 1,50 Mark.) Die Vielfältigkeit der deutschen Delegation auf dem Wcltjugendkongreß in Eerde, die zugleich ihre Schwäche und Stärke war, ist außerordentlich in dieser Broschüre, die kurz vor dem Kongreß erschien, dargestellt; — Die deutsche Delegation hat als einzige Länderdelegation den Versuch gemacht, die Gedanken, die die verschiedenen heterogenen Kreise zu dem ihnen gemeinsamen, dem Willen zum Weltfrieden, bewegen, von ihren Führern behandeln zu lassen. — Dieser Versuch ist mehr als ein Experiment, das geistige Bild der deutschen Delegation festzuhalten; er ist ein'wertvoller Beitrag zur Diskussion der Friedensprobleme, der auf den Freusburgthesen aufbauend sie erweitert und Klarheit über den Willen und den Weg der Die Gohens von Rita Ricardo Die nachstehende kleine Geschichte ist dem Mitteilungsblatt des jüdisch-liberalen Jugendbundes London entnommen. J. R. „Diese schrecklichen Juden blamieren die ganze Nachbarschaft! Ausgerechnet Nummer 10 mußten sie mieten! Das feinste Haus an der Straße!" — „Nee, was sagst du, 10? Du bist wohl —! Hähä, ich bin gespannt, was sie mit den Fenstern tun wollen. Erinnerst du dich an Cunninghams grüne Vorhänge?" --„Sollen sie mit den Fenstern machen, was sie wollen. Aufmachen werden sie die bestimmt nicht. So was ist nicht Usus in Whitechapel. . Während die Smiths in dieser lieblichen Art debattierten, brachte Frau Cohen das neu gemietete Haus — es trug die bereits gebrandmarkte Nummer 10 — in Ordnung. Noch standen natürlich die nicht übermäßig wertvollen Bilder mit den verstaubten Gesichtern an die Wand gelehnt, die Haken und Oesen baumelten. Der Teppich war geziert mit umhergestreuten Strohhalmen und mit den Lehmspritzern der Transportarbeiterstiefel. Unten in der Küche brachte Ruth, die älteste Tochter der Familie, der neuen nicht jüdischen Köchin das Braten der Fis bpi. Ueber Treppen und Korridore drang der Dunst vo ' ld und widerlich. Herr Cohen, der soeben ins H< nupperte ärgerlich: er teilte diese Antipathie ge e Fische mit vielen seiner Glaubcnsbrüder. Auf s< iefelabsätzen klapperte ihm Frau Cohen entg ^ohen war stolz auf ihre Füße! acht Uhr, saßen sie alle rund um den Tisch zum Es war der dritte Abend im neuen Heim, und h schon glänzend eingelebt — selbstverständlich ohen! Die hatte noch ihre Gedanken! Klimperte mit dem schweren holländischen Silber, dem feudalen Hochzeitsgeschenk ihrer Großtante. Zerbröckelte sündhaft das schöne Brot zwischen den Fingern. Aber endlich wagte sie ein Wort. Nämlich: „Den nächsten Donnerstag habe ich als ersten Empfangsnachmittag bestimmt. Anni kocht ja sehr guten Kaffee. Und die nötigen Schnittchen werden von Ruth, Esther und mir fertig gemacht." Sie wollte diesen ihren Worten einen entschiedenen Ton unterlegen, aber sie war zu nervös. „Wen willst du \lenn einladen?" fragte der Gatte. ,.0, bloß Tante Eva mit Mann, die Da Costas und die Leons, die Frau Zettnech, die Steins, die Philipps, die netten Mädel Lazarus und außerdem (so fügte Frau Cohen treuherzig hinzu), außerdem alle Nachbarn." „Na, die werden schon nicht kommen!" rief Esther dazwischen. „Es ist besser, wir laden sie nicht ein!" ,J)ie Nachbarn müssen uns zuerst einladen!" kam es aus einem dritten Mund. „Das werden sie sicher nicht tun!" entgegnete ein vierter. „Sie werden meinen, wir wollten uns ihnen aufdrängen!" „Jawohl, ich will es probieren!" sprach Frau Cohen resolut. Vater und Töchler sahen sich erstaunt an, als Frau Cohen fortfuhr: „Wir sollten uns gegenseitig kennen lernen. Unsre ganze Lieblosigkeit zueinander beruht auf Unwissenheit. Plato hat doch mal gesagt: Alles verstehen, heißt alles verzeihen!" „Mama zitiert Plato!" „Denk an Onkel Isaaks Gespräch mit Frau Warringtoe Smith!" kicherte Ruth. „Laß diese Albernheiten!" Mit dieser Mahnung war die Diskussion für Frau Cohen erledigt. . Nach ihrer Meinung war dieser Umzug nach Landstone Square eine große Sache, ein Schritt vorwärts für das ganze jüdische Volk, auf das sie so stolz war. Da sie einer geschäftlich sehr erfolgreichen Familie 9

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