Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 11 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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liehen Existenz hätte zeigen können, ist hier der Versuch gemacht worden, sie auf einen Boden, der ihnen fremd, aber durch die alte jüdische Tradition doch wiederumnahe vertraut ist. in Freiheit zu ' unmittelbarer Produktivität zu erziehen. Auf einem Gelände von 500 Dunam ( etwa 160 Morgen, entspricht ungefähr drei kleineren ostpreußischen Bauerngütern) ist eine im Ausbau begriffene Farm angelegt, wo die Kinder unter möglichster Wahrung ihres eigenen Willens und Berücksichtigung persönlicher Neigungen und Interessen in den verschiedenen Zweigen der Gärtnerei und Landwirtschaft ausgebildet werden. Es hatte sich schon bei der vorbereitenden Erziehungsarbeit in Kowno herausgestellt, daß diese Jugend, die durch ihr trauriges Schicksalgänzlich verwildert und asozial geworden war, ' in deren Kreis kleine und größere Diebereien und Unredlichkeiten zur Tagesordnung gehörten, nur durch sich selbst zu Zucht und Gesittung zu führen war. Das heißt, man nutzte die Reste ihrer sozialen Triebe aus. indem man 'hnen ihr kleines Gemeinwesen sozusagen in Selbstverwaltung gab. Man schuf eine rechte Arbeitsgemeinschaft, indem die Jungen und Mädel, die irgendwie körperlich dazu imstande waren, die notwendigen Arbeiten für- Haus u.id Wirtschaft selbst übernahmen und dafür eine entsprechende Entlohnung bekamen. Kartoffelschälen, Backen, Wasserholen wurden bezahlt. So wurde ihnen nicht bloß in eigentlichster und unmittelbarster Bedeutung Verständnis für den Wert der Arbeit anerzogen, sondern indem es. immer angenxsrene Arbeit gab und sie vor dem Fluch der Arbeitslosigkeit bev\ihrt blieben. Wurde allmählich in ihnen ein Gefühl dafür wach, d.iß Bettelei und Schnorrertunj, was sozusagen ihr frühestes Erlebnis gewesen war, etwas Unanständiges ist. Und je mehr die Jugend selber die eigentliche Verwaltung in Kleider- und Essensausgabe in die Hand bekam, um so mehr achteten die, die sich bislang aus allerlei Schwindeleien nicht das geringste Gewissen gemacht hatten, auf Sauberkeit in all diesen kleinen und großen wirtschaftlichen. Hantierungen. Als die Kinder selber sich in dem Betrieb -gegebenenfalls als Opfer von Unredlichkeiten fühlen konnten, merzten die älteren, denen gewisse disziplinarische Befugnisse gegeben waren, alle Spitzbüberei und jede Schelmerei unnachsichtig aus. Die Gemeinschaft der Arbeit und vor allem die Tatsache, daß es imn.er eine nützliche Arbeit gab, formten sie so allmählich zu ehrlichen Menschen. Siegfried Lehmann, der Schöpfer dieser neuen Menschen, charakterisiert den Weg, den er die Seinigen führte, sehr richtig als den von der Horde zur Gemeinschalt. So sind gewiß nicht wenige tüchtige Menschen aus dem Kownoer Kinderhaus hervorgegangen, die dort das Wichtigsie gelernt haben, was der Mensch lernen kann, daß der Sinn seines Lebens redliche Arbeit in der Gesellschaft ist. Doch es erhob sich sehr bald die Frage: Sollte man's bei der Frziehung bewenden lassen oder sich nicht vielmehr bemühen, sei es auch nur im kleinsten - Ausmaß, sich an der Lösung der sozialen Frage der Ostjuden zu beteiligen? Diese haben viele Nöte; aber all diese Nöte, wie bunt und vielgestaltig sie erscheinen, wurzeln doch in einer: das ist ihre viel zu gro3e Masse in den Ländern ihrer Heimat. Jeden, den man von da wegnimmt, und anders wrhin verpflanzt, wo er Boden unter den Füßen und Luft zum Atmen hat, befreit man nicht nur selber, sondern man bewirkt durch seine Versetzung zugleich, daß wenigstens um ein Geringes sich der Stamm der Zurückbleibenden weitet. Diese Doppelseitigkeit muß man ja überhaupt bei der jüdischen Wanderungsfrage immer im Auge behalten; es handelt sich nicht bloß um die Wegziehenden, es geht ebenso um die Dableibenden. So hat die Verpflanzung des Kinderhauses von Kowno auf den Boden von Erez Israel nicht bloß den Sinn eines höchst interessanten pädagogischen Versuchs, sondern er bedeutet zugleich — natürlich an den schmalen Grenzen seiner Leistungskrnit — Mitarbeit an der Lösung der Ostjudenfrage. Schon, daß aus dem Kinderhaus von Kowno allmählich das Jugenddorl wn Benschemen wird, zeigt diesen Weg. Aller Anfang ist schwer, und der Anfang einer landschaftlichen Siedlung gewiß doppelt und dreifach schwer. Aber, wenn sich gewisse gute Erfahrungen mit der Umschaffung von schon reifen Stadtbewohnern zu palästinischen Bauern maenen ließen, so steht -i'fen, daß die Eingewöhnung von Kindern, die in ihrem wachen Bewußtsein kaum traditionelle Relasti.iu, mit anderer Berufstätigkeit verspüren, gute Früchte ze-tigen wird. Hat man schon rrit Erfolg versucht, im Kownoer Kinderhaus zur Arbeitsgemeinschaft zu erziehen, so muß es in dtr freien Luft der Landschaft, auf dem Acker, wo es für willige Menschen keinen Leerlauf der Arbeit gibt, erst recht gelingen, eine Art Jugendstaat, in dem es keine Drohnen. aber auch keine Wohltäter gibt, allmählich aiifzuh.-uicn. Das ist seit nunmehr zWei Jahren im Gange. Hier wird das Wort von der Arbeitsschule, das in der Stadt doch immer zu drei Vierteln Wort bleiben muß, zur Tat. Junge jüdische Menschen, die bislang im wahrsten Sinne Luftrrenschen gewesen sind, werden in einen Boden eingepflanzt, der durch eigene Arbeit ihr Boden werden soll. Die lebensvolle Verbindung von Praxis mit Lernunterricht, sinnvolle Einfühlung in echt volkliaftes Leben, von dem diese Kinder als Bauern und Handarbeiter den rechten breiten fruchtbaren Grund abgeben sollen, werden eine natürliche Anknüpfung an die alte jüdische religiöse - Tradition bringen und aus gedrückten, bestenfalls gestützten Menschen freie und eigenwurzelnde machen. Noch ist Benschemen natürlich auf , lange Zeit hinaus nicht so weit, sich selbst ernähren zu können; das vermag keine Neusiedlung in einer ganzen Reihe von Jahren nach ihrer Gründung. Das Werk und sein tapferer Gründer sind . auf fremde Hilfe angewiesen. Aber diese Hilfe — und das unterscheidet sie von vielen Taten der Philanthropie — soll nicht stützen, was niemals von selbst wird stehen können, sondern soll die Einwurzelung fördern, die Einwurzelung natürlichen Lebens, das wie die gedeihende Pflanze das Saatgut vielfältig ernten läßt. Hieran müssen wir Interesse nehmen als iunge Menschen und als Juden: als Heranreifende, weil wir am ehesten fühlen, daß der Mensch sich selbst schaffen muß und \ on den anderen nur verlangen darf, daß er ihm zu dieser Selbstentfaltung verhelfe; als JudenT weil wir klar die Not unserer Brüder "und Schwestern sehen, und weil wir uns nie genug Hm ein Werk bemühen können, das Menschen aus Gedrücktheit zu wahrer Freiheit führt. Wir verlangen darum von euch, daß ihr diese Gedanken verbreitet, daß ihr dafür sorgt, daß alle diejenigen, die ein menschliches Herz, jüdisches Empfinden und Kraft zum Opfern haben, aus dem schönen Gedanken und dem vielversprechenden Anfang der Verwirklichung g.'nze Tat erstehen lassen. Kinder sind bei uns ein anderes Gut geworden als in früheren Zeiten; darum müssen die, die da sind, um so sorgsamer gehegt und um so liebevoller gepflegt werden. Dort sind jüdische Kinder, die keine Eltern haben. Helft mit, Menschen gewinnen, die von hier aus Eltcrnstelle an ihnen vertreten wollen, indem sie den Aufbau ihres neuen Lebens fördern Praktische soziale Arnelt von Altred neuer. Saarbrücken Wir hoffen, daß diese persönlichen Ausführungen zu einer recht ergiebigen Aussprache führen. Die Schriftleitung. Die Einrichtung einer Rubrik „Die soziale Arbeit" schließt den Begriff der praktischen sozialen Arbeit notwendigerweise in .sich. Aber wie leisten wir jungen Juden am besten praktische soziale Arbeit? Die Beantwortung dieser Frage hängt von zwei andern ab: 1. Was ist praktische soziale Arbeit? und 2. Wo ist sie möglich? Die Not ist groß, sowohl in den Reihen unserer christlichen Mitbürger als auch in den unsrigen. Unsere" Jugend ist nur dann wert, jüdisch genannt zu werden, wenn sie immer sich vor Augen hält, daß das, was in der Welt geschieht, auch sie angeht. Und nichts ist nötiger, beachtet zu werden, als die soziale Not der heutigen Welt. Diese Schilderung erweckt den Eindruck, daß die Not heute grenzenlos sein muß, und wirklich, sie ist es. Jeder, der mit offenen Augen durch die Welt wandert, kann sich des Eindrucks der grenzenlosen Not nicht verschließen. Daraus sehen wir, daß unsere praktische Arbeit nicht Philantropie sein kann. Die Not der Welt kann, nicht mit Wohltätigkeitsfesten und Almosenspende behibcn werden. Jene Spenden helfen nur einer kleinen Masse und auch der nur auf kurze Zeil. Was wir verlangen ist soziale Hilfe auf lange Sicht. Ist sie möglich? Und hier beginnt die zweite Frage: wo ist praktische soziale Arbeit möglich? Das Judentum hat von