Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 11 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Rathenau kaum zu bezweifeln — fast unabänderlich in unserer Zeit, wo Millionenvölker ihr Brot in der Fabrik suchen. Die Arbeit ist dem Arbeiter sinnlos, wesenlos, zwecklos geworden, er fühlt sich nicht mehr als wesentlicher Teil des arbeitenden Ganzen. Hier meint Rathenau: „Wird die Verantwortung innerhalb der Verrichtung nebensächlich, so muß sie außerhalb der, Verrichtung durch Anteil an der Arbeiterverwaltung gesteigert werden. Die vorläufige Lösung ist das Mitbestimmungsrecht des Arbeiters und Beamten im Unternehmen." („Autonome Wirtschaft.") Auf diesen Weg will er also Arbeiterschaft und Unternehmertum führen, und er glaubt hiermit die innere Freiheit zum äußeren Tun dem entseelten Proletarier gegeben zu haben, eine Masse aller .Menschen innerlich so befriedet zu haben, daß ihre'Bereitschaft zu Krieg und Tod verschwindet. Doch damit nicht genug. Er weiß, daß der Konkurrenzkampf um den besseren Absatz, um die besseren Produktionsstätten immer wieder zu Kriegen sich auswächst. Darum will er die Anarchie der nationalen Wirtschaften ablösen durch einen planmäßig verwaltenden und verleilenden „Wirtschaftsbund, eine Gemeinschaft der Erde". Nach frei vereinbartem Schlüssel sollen die Güter dieser Welt verteilt, verarbeitet, verwendet werden, ein internationales, interkontinentales Syndikat soll Einfuhr und Ausfuhr aus und in alle Staaten regeln. Damit glaubt er auch diese Quelle der Kriege verstopft zu haben. Diese Friedenstheorien ruft er in die Welt hinaus. Man hört ihn nicht nur nicht, man lacht nicht nur über ihn, den Phantasten, den iüdische.i Narren, sondern man hetzt gegen ihn, man läßt ihn einsam werden, verbittert, gram. Doch er behält Recht. Die Schuld war groß, der Krieg kommt. ..Die Welt ist von Sinnen", schreibt er schreiend in den letzten Julitagen 1914 an die Freundin. Er versteht die Kriegspsychose seiner geliebten Preußen nicht, oder er versteht sie doch. Er weiß, wie alles kam, er hat versucht, das Schicksal abzuwenden: als es doch kam, springt er als erster mit in die Reihen: die Rohstoffversorgung, die er im ersten Kriegsjahr schuf, und die dem umzingelten Lande die Möglichkeit des Durchhaltens überhaupt erst gab, war sein Werk. Doch „die Weltgeschichte verlor ihren Sinn" nicht! Der Zusammenbruch kam: die Ievee en masse. die er im Wahnsinn in wahnsinniger Angst um die Zukunft des deutschen Volkes, seines Volkes, prophezeite, scheiterte — vielleicht glücklicherweise — an der Müdigkeit der Führer, die ihn abwiesen. Und da begann er mit wenigen glcichgcsinnten und gleich klar denkenden Mannern des neuen Regimes einen neuen Krieg, den Krieg um den Frieden. Spa. Wiesbaden, Cannes, Genua, das sind die fast schon vergessenen Stationen dieses Kriegszuges. „Er ging durch die Welt und rief: Friede, Friede, Friede! — und legte die Grundsteine zum Frieden, den glücklichere Nachfolger erst bauen durften. Vorahnend schreibt er schon im August 1914 an die Freundin:.....Und immer noch schön genug wäre es, wenn wir wenigstens die Mdrgenröte zu sehen bekämen. Moses sah sein Land." Er sah es nicht. Inmitten des Hexcntaumels poincaristischer Bcsetzungsättacken und menschenmordender Vaterlandsfeinde erreichen - ihn die Kugeln, abgeschossen von zwei blonden preußischen jungen Menschen des Typs, den er so geliebt, um dessen „Tote »ein Herz gedenkt in jeder seiner Nächsten". . . Seht? welch ein Mensch! Welch ein Jude! Märtyrer des Friedens, um seinetwillen gemordet. Doch das Werk? Lebt es fort? Als er den Sonderbriet an Deutschlands Jugend schrieb, gab er da die Antwort? Er schrieb: „Und abermals werde ich mutlos, und frage: Wo sind die Menschen?" Wo sind die Menschen? Zum religiösen Problem Eine Erwiderung von manlred uohi. Düsseldorf Die Essener Tagung hat die Gemüter der Beteiligten bewegen lassen, und sie hat sich ausgewirkt in Andeutungen, die im ..Jagendbund" zu lesen waren. Es ist dabei merkwürdig, 'festzustellen, daß die Art der Kritik^sich so zeigt, als ob plötzlich die Anwesenden zu dieser Stunde Zeugen der Geburt einer Geistesrichtung gewesen wären, daß ein Mensch es wagte, U orte zu sprechen, die bis dahin nicht gehört wurden. 6 Aribert de Jonge hat in seinem Referat betont, daß Religion Sache des Einzelnen wäre, daß ein Kreis von Menschen, durch gewisse Bande verknüpft, nicht in der Lage sei, auch nicht die Berechtigung habe, dem Einzelnen des Kreises religiöse Vorschriften zu machen, ihn religiös von neuem zu inspirieren. Die Entwicklung der Ansichten der Menschen, bedingt und beschleunigt durch Geistesströmungen und erschütternde Weltereignisse, hat viele Junge von Bindungen zu einem Gottwesen oder göttlichen Begriff gelöst und sie zu der Ansicht geführt, daß die Göttlichkeit in der Welt nicht existiere. Die Essener Tagung sollte Antwort sein auf die Frage der religiösen Not oder besser der religii'sen Lage, die unklar ist, weil man nicht klar sehen will, sich nicht für Bestehendes entscheiden kann aus seinem Gefühl heraus noch von diesem trennen kann aus einer konsequenten Geisteshaltung. Einer sprach für Religion, der andere zeigte, daß ein bestimmter Typ heute religionslos ist. — Trotzdem im allgemeinen erwiesen zu sein schein, daß eine Frage mehrere Antworten haben kann, schreibt Adolf Stern, daß die Antwort de Jonge's keine Antwort sei. Ja, was ist sie denn? Ist sie das Gestammel eines Alleinstehenden oder aber — und das ist es — verkörpert sich nicht darin die Anschauung vieler, auch mit den Dingen, die Sie, Adolf Stern, bewegen, sich abgebender junger Menschen? Entweder man glaubt — credo — oder man glaubt nicht — non Credo! Und die Menschen der Essener Tagung hätten also nach Hause gehen sollen und nachzudenken beginnen müssen, warum die Entwicklung so ihren Weg gegangen ist. selbst wenn ihr religiöses Empfinden dadurch gestört gewesen wäre, — wobei mir noch nicht ganz klar ist, ob tatsächlich alle in diesem Punkte getroffen worden sind, ob es nicht vielmehr ein ängstliches Staunen über das für sie Ungeheuerliche gewesen ist. das ,ius den Worten de Jonge's aufstand, was zwar viele als ihr Inneres bezeichnen, was man selbst aber nur noch aus Pietät oder Achtung heraus, sich nicht von dieser Unklarheit befreien zu kennen, achten muß. — Wenn Sie so gehandelt hätten, Adolf Stern, wären Ihnen nicht Worte, unterlaufen, wie Enttäuschung und Verstoß gegen Neutralität. — Man soll die Satzungen großzügiger lesen, man geht nicht mit Paragraphen gegen dieses Ringen um Religion an. — S o zu handeln, erscheint mir gerecht, um Ihre Worte zu gebrauchen, und so muß man in unserem neutralen Verbände schon tolerant sein, wenn auch Dinge vorkommen, „die den eigenen Anschauungen entgegenlaufen"! Wie wir den religiösen Standpunkt der einzelnen achten, weil es doch ihr Glaube ist. bitten wir ganz entschieden, auch unserer Ansicht Verständnis entgegenzubringen. Das nenne ich Toleranz! Lnd so müssen Sie sich damit abfinden, daß es Atheisten und Deisten bei uns geben wird. — Zum Judentum führen viele Wege! Die soziale Arbeit Die Jugendsiedlung Benschemen von man wiener. Berlin W as haben wir damit zu schaffen, die wir weder dort hingehen wollen, noch persönlich kapitalkräftig genug sind, um ganze oder halbe Patenstellen zur Ansetzung neuer Waisenkinder zu stiften? Es handelt sich einmal um eine Sache, die für sich selber spricht, nicht durch irgendwelche Parteiziele als Mittel zu etwelch anderem Zweck getrieben wird: und es geht zweitens um einen so interessanten Gegenstand jugendlicher Selbsterziehung, daß wir davon Kenntnis nehmen müssen, sei es selbst vor der Hand nur, um davon zu wissen. Benschemen ist eine Kinder- und Jugendsiedlung, die vor 2'.. Jahren von Dr. Siegfried Lehmann auf palästinischem Boden unweit Lud angelegt worden ist; die. Zahl der jugendlichen Siedler geht augenblicklich stark ins zweite Hundert. Sie sind ihrer Herkunft nach litauische Waisen, deren sich in ihrer Heimat kein Mensch angenommen hat, so daß sie in Elend und Schmutz und schließlich als Bettler und Vagabunden verkommen wären, wenn der Dr. Lehmann sie nicht im Kinderhaus zu Kowno gesammelt hätte. Anstatt sie nun irgendwo in einer Waisenanstalt zusammenzupferchen, die ihnen mindestens in ihrer Heimat nicht den Weg zu einer wirk-