Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 11 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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gesetzt und brachgelegt sind, ist ja das augenfälligste Kennzeichen der wirtschaftlichen und sozialen Weltkrise! Wer den Ursachen der allgemeinen Wirtschaftsnot auf den Grund geht und die obige Problemstellung folgerichtig zu Ende denkt, für den ergibt sich: Arbeitsgelegenheiten sind in jedem Lande in genügender Zahl vorhanden, nicht aber rentable Arbeitsgelegenheiten. Boden als Arbeits-, Wohn- und Wirkstätte, als das Substrat alles dessen, wo allein wirtschaflicrri1. produktive Arbeit geleistet werden kann, ist in mehr als zureichender Menge vorhanden. Daß aber ein Großteil des Bodens außer Wirtschaft gesetzt ist, liegt an der UnrentabiliU-f dieser Produktionsgelegenheiten. Und diese Unrentabilität ist die Folge der Art und Weise, wie die- Volkswirtschaften in die Staatswirtschaften eingegliedert sind, damit die Folge der bestehenden Systeme produktionshemmender, weil umgekehrt progressiv wirkender, d. i. preisverteuernder öffentlicher Abgaben. Besteuerung ist eine Zwangsbeteiligung der öffentlichrechtlichen Körperschaften an dem Ertrag einer Volkswirtschaft. Es gibt nun grundsätzlich bloß zwei Wege dieser Beteiligung: am Rohertrag oder am Reinertrag. Eine genaue Analyse der in den verschiedenen Staaten zur Zeit bestehenden öffentlichen Abgaben. Gebühren, Taxen und sonstigen Lasten und Leistungen lassen diese durchwegs als Roherlragsslenern erkennen, da überall schon d i e Tatsache allein den Tatbestand der Steuerpflicht ergibt, daß Arbeitskraft a ilgewendet und Kapital mitverwendet wird, gleichgültig also, ob die Produktionsgelegenheit Reinertrag in Form von Grundrente fördert oder bloß die Deckung der ursprünglichen Kosten (Lohn und Zins) ermöglicht. Damit aber werden die natürlichen Produktpreise, die nur durch die ursprünglichen Grenzproduktionskosten gebildet werden, an den preisbestimmenden Anbau- und Produktionsgrenzen um die Abgabenquote künstlich in die Höhe getrieben. Im Durchschnitt der wirtschaftlichen Gütererzeugung muß sich im Gefolge der preis-erteuemden Rohertragssteuernsysteme eine Ueberteuerung e'gehen, die von der umgeänderten Konsumentenkaufkrafl nicht übernommen werden kann. Damit müssen die natürlichen Anbau- und Produktionsgrenzen für die verschiedenen wirtschaftlichen Güter künstlich hereingeschoben werden, die Rentabilität aller minderbegünstigten Unternehmungsgelegenheiten in den Grenzzonen erscheint vernichtet, und die Arbeitskräfte und Kapitalien, die dortselbs! Verwendung finden könnten, auße' Wirtschaft gesetzt und brachgelegt. Und daran schließt sich die endlose Reihe aller sozialökonomischen Krisenerscheinungen. Erkennen wir an, daß;eine Volkswirtschaft, soll sie zumindest stationär bleiben, wenn sie sich schon nicht fortschreitend entwickeln kann, wirtschaftlicherweise nur das an die öffentliche Hand abgeben kann und darf, was sie über die Deckung der ursprünglichen Kosten (Lohn und Zins) in den Produktenpreisen als Reinertrag (Grundrente) herauswirtschaftet, so ergibt sich auch zwanglos das Mittel der organischen Sozialwirtschaftsreform für alle Staaten, das allein die Weltwirtschaftsreform einleiten und den 'V eltwirts';h„ftsfrieden begründen kann: Abbau der, weil umgekehrt progressiv wirkenden, preisverteuernden und deshalb produktions- und absatzhemmenden Rohertragssteuern und Ersatz durch eine proportional zur möglichen Grundrente als de.n Reinertrag angelegte Bodenwertsteuer! Eine solche Abgabenreform beseitigt die künstlichen und sichert die natürlichen Grenzen des Anbaues und der Produktion, erschließt und rentabilisiert alle Arbeits- und Kapitalsverwertungsgelegenheiten, die durch die bestehenden Steuersysteme außer Wirtschaft gesetzt werden, befördert damit,die Aufsaugung aller Arbeitskräfte und Kapitalien durch die Produktion und muß so letzten Endes zur Beseitigung grundsätzlich aller sozialökonomischen Krisenerscheinungen führen. Nicht so sehr der Ruf nach Gerechtigkeit, als •. ielmehr nach Wirtschaftlichkeit ist es, der diese Bodenreform zu dem nicht mehr zu übergehenden Mittel zur Behebung der wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten iür jedes Volk und jedes Land stempelt. Ist diese Bodenreform iber wirtsch iftlich, dann ist sie auch gerecht; und dann wird sie allen Volkswirtschaften, die so ihre eigene Gesundung anbahnen, einen Platz zuweisen können zu tätiger Mitarbeit in dem Wiederaufbau der Weltwirtschaft, den Lohn, der ihrem produktiven Beilrag zur Weltgütererzeugung entspricht, und die nationale und soziale Würdigung, die sie in jedem Fall verdienen. Dann wird durch solchen Weltwirlschafls?rieden der wellpolitische Friede gesichert sein und jedem Volk Tier Weg Olfen stehen zu dem faustischen Idealziel: „Solch' ein Gewimmel möcht' ich sehn. Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn." , Rathenaus Wege zum Frieden: Theorie u.Tat üon Ernst Hölzer, Frankfurt a. m. Derer, die getötet worden sind und die getötet werden sollen, gedenkt mein Herz in jeder seiner Nächte. „Aus Deutschlands Jugend". Gerne hat man sich daran gewöhnt, in Walter Rathenau den Typ des „Menschen in seinem Widerspruch" zu sehen. Ist es doch so einfach und leicht, die mannigfaltigen Lebensäußerungen eines tiefen Nachdenkers, wie es Rathenau war, mil dieser Phrase schier restlos zu erklären und vor sich selbst die Trägheit, weiter zu forschen, zu entschuldigen. GewiS, den— Menschen seiner Zeit schien er unvereinbar mit dem Durchschnittsbürger zu sein, der längst von dem vornovemberlichen Deutschland auf dem Sockel des Gottes angebetet wurde. Präsident der AEG. und Autor „von kommenden Dingen"; radikaler Wirtschaft'srcformer und einer der Reichsten des Landes: Vertreter der levce err masse nach dem Zusammenbruch und Minister im 1. Kabinett der Erfüllung; fanatischer Liebhaber blonden Preußentums und Trutz-Jude, bewußt und gewollt; Vernunftrepublikancr und Demokrat: all das und vieles andere schienen seinen Zeitgenossen die Eigenschaften vieler Menschen zu sein, nicht die eines einzigen. Uns Heutigen aber macht es die zeitliche Distanz und der Ablauf des Geschehens seither leichter, den Mann zu verstehen, das Verschiedene auf seinen einen Kern zu untersuchen und dasjenige zu erkennen, was letztes Wollen im Wirken Rathenaus war. Denn uns. die wir sechs Jahre Weges hinter uns haben, die er nicht mehr gehen sollte, ist der geometrische Punkti aus dem er in Theorie und Tat die Welt von heute aus den Angeln heben wollte, erkennbar geworden. Wir sehen jenes Eine deutlich in seinem Schreiben und Tun und fühlen das Unheimlich-Einmalige jener Situation, als er Tage vor seinem Tode, der ganzen, atemlos lauschenden Welt, mit den Worten Petrarcas sagte, wer er sei 'und was er wolle und tue —, als er in Genua den Staatsmännern eines kriegführenden Kontinents entgegenrief: „Ich gehe durch die Welt und rufe: „Friede, Friede, Friede!" In diesem tiefen und klaren Wissen von seiner Mission, der Welt den Frieden zu verkünden, ist.er uns Juden echter Sohn Jcr Propheten, jener ersten und besten Friedensfreunde aller Zeiten. Das ist vielleicht das Beste, was jüdisch in diesem Juden war, der sich an der Peripherie des Judentums befand — schwere, unheilschwangere Stellung; schwere, unheilvolle Mission! Und jüdisch, echt jüdisch-intellektualistisch sind die Wege, die er einschlägt, um die Aufgabe, die ihm geworden, zu erfüllen. Denn er geht nicht frisch, fromm, frei ans Friedenswerk heran, wird etwa ein Vorkämpfer des Pazifismus, oder empfindet, religiös etwa, daß Krieg „schlecht" und Frieden „gut" ist. Sondern denkender Wirtschaftler, grübelnder Jude, überblickt er die Welt, wie ungenügend alles geordnet ist. Er weiß, daß das Verhältnis der Menschen untereinander in erster Linie auf der ökonomischen, der wirtschaftlichen-Basis beruht. Er weiß auch, daß die Masse allen Menschen gram geworden ist. Dieser Wirtschaft, diesem System, das ihnen ihre „Seele" nahm. Und da er die „Seele" für des Menschen Höchstes hält, da er glaubt, daß ohne die Freiheit der „Seele" Glück, Freiheit, Frieden des Einzelnen undenkbar seien. Da^ ihm aber das Wiedererringen der „Seele" für jeden Einzelnen unerläßlich zur Befriedung der Menschen und der Völker schien, wird er sich bewußt, daß die wirtschaftliche Not der Massen gelindert nicht nur, sondern verhindert werden muß. Die Mechanisierung der Arbeit, deren Folge Stumpfheit-und Verlust der „Seele" der Arbeiter ist, ist — das wagt auch 1