Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 11 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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den Argumenten der Gegner ehrlich und gründlich befassen. Jedes Ding hat seine zwei Seiten: das Ja und das Nein haben oft beide recht — man muß nach der Wahrheit forschen (diese schließt meist das Ja und das Nein in sich und schließt — zumeist — gleichzeitig beide in ihrer Absolutheit aus!). Die Wahrheit Jit^t in der Mitte" . . . Wir kommen zum eigentlichen Thema. Die Presse der Jugend sollte es als" ihre höchste Pflicht erkennen, die ..Wahrheit" zu verkünden. Damit täte sie allein schon höchstes Friedenswerk. Die Presse der Jugend sollte mißtrauisch sein gegenüber aller ..Tendenz", sie sollte fragen und forschen, bohren und klären, enthüllen und darstellen — wuchtig, schlagend. treffend. vernichtend und vor allem: bereinigend. Sie sollte auf nichts und auf niemanden Rücksicht nehmen, alles geradeheraus sagen — und vor allen Dingen alle Heuchelei anprangern, allen Schein zerstören, alle Hohlheit aufdecken, alle Atrappen zertrampeln und alle falschen Götzen von den Säulen reißen. Sie sollte ehrlich sein bis zur Selbstaufopferung, wahrhaftig bis zum Fanatismus, klar bis zur Durchscheinbarkeit. und in ihrer Schlußfolgerung zwingend und überzeugend bis zum Kxzeß. Dieses Idealbild sollten sich die Schreiber der Jugendpresse bei jeder Zeile, bei jedem Wort vor Augen halten, dieses kindliche Ideal sollten sie mit ihrer jugendlichen Kraft und Begeisterung verwirklichen können. Das wäre starke Jugend, das wäre wahre Friedensarbeit der Jugend im höchsten Sinne. Aber eine besondere Aufgabe soilte die Jugendpresse heute schon — auch mit ihren schwächeren Kräften — verwirklichen: Aufklärung über die wahre Situation (soweit sie sie selbst durchschaut). Dies geschieht immer noch in viel zu bescheidenem .Maße. Einige Beispiele: Wer kennt die wahre Situation im polnischen Korridor? Wer weiß, wie es in Rußland jetzt aussieht?: Wer weiß, wie die Franzosen über Deutschland, den Krieg, den ..Zeppelin" denken? Wie sieht es heute in den Kolonien aus? W er hat im Minderheitenproblem ein klares Urteil? Gibt es im Arbeitslosenproblem eine Losung? Und die Frage des Klassenkampfes? -— Alles fragen, die unmittelbar mit Gefahren kriegerischer Auseinandersetzung-Zusammenhängen. Welcher Primaner hat auch nur eine Ahnung davon? In den Ursachen und Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges und über den Untergang Karthagos und Roms weiß er wahrscheinlich besser Bescheid. iiier beginnt also eine wichtige Aufgabe der Jugendpresse lur d.'s 1-riedensw erk. Aufklärung! Ganz einfache Aufklärung: schlichte Darlegung ,der Verhältnisse — Daten. Zahlen. Beweise. In besonderen Fällen wird es wahrscheinlich sogar möglich sein, an irgendeine verlogene Meldung, die durcii die übrige Presse geht, anzuknüpfen — ohne Gehässigkeit. In anderen Fallen wird man kurz richtigsstellen können — mit einer eindringlichen Warnung an die Leser, weiterhin vorsichtig zu sein. \ ' . . Um dies zu können, mülite sich die Jugendpresse, der es ernst ist mit ihrem Idealismus, verbünden — über die Grenzen hinweg verbünden, über die Städte hinweg, über alle Schranken. Sie müßte sich verbünden in einer ähnlichen y\rt, wie es in diesem Sommer die Jugend von Ommen mit ihrer Idee eines W eltbundes der Jugend zu tun versuchte — sie müßte sich zu einer Art Welt verband der Jugendpresse zusammenfinden. Damit sie Nachrichten austauschen kann, sich gegenseitig über die Verhältnisse im Bezirk des anderen unterrichten kann, damit sie zuverlässige "Quellen hat. -wenn ihr irgendwelche Nachrichten zweifelhaft erscheinen. Es würde zu weit führen, hier alle Mnglichkeiten aufzuzählen, die ein derartiger Zusammenschluß böte.. Er ist wohl auch zunächst noch etwas utopisch. Aber — was sofort geschehen k innte. das wäre die Schaffung eines internationalen uberhündischen \ ertrauensmännerkreises der Jugendpresse aller Länder — oder meinetwegen zunächst nur der deutschen Jugendpresse. Vielleicht konnte jeder schon für .sich damit beginnen: ein praktischer Anfang ist in Eerde ja bereits gemacht worden. Auch der deutsche Weltbund- Vorbereitungsausschuß (Frankfurt am Main, Eckenheimer Landstraße 287 I i hat mit dieser Arbeit schon begonnen. Ein internationales Jugend-Korrespondenzbüro dürfte demnächst eingerichtet werden, ein deutscher (pazifistischer) Jugend- 4 Pressedienst (der Weltjugendliga) existiert seil 1920 (Berlin SW. Möckern Straße 133a). Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der sofort sichtbare politische Erfolg der Jugendpresse nur ein verhältnismäßig geringer ist. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Verantwortung der Jugendpresse dennoch eine ungeheure ist. Die Lesergemeinde der Jugendpresse ist das Volk von morgen, das zu politischem Handeln berufen ist — es wird dem Staat die Struktur geben, die es sich verdient haben wird. Die erzieherische Bedeutung der Jugendpresse ist eine außerordentliche — die Zukunft des Staates wird von ihr nicht unwesentlich beeinflußt. Haben die Freunde des Friedenswerkes nicht die Pflicht, diese Chance zu nützen? Aber sie müssen wissen, daß sie nichts erreichen werden nur mit frommen Deklamationen — sie werden nur Erfolg haben, wenn sie selbst jung genug sind, stets furchtlos der Wahrheit nachzuspüren und den Frieden nur dann gelten zu lassen, wenn er verankert ist in der Freiheit und in der Gerechtigkeit für alle, im vollen harmonischen Zusammenklang aller Gewalten dieser Erde. Weltfriede durch Weltbodenreform Uön Dr. Robert serebrenlK. Wien Es hat eines Weltkrieges bedurft und weiterer 10 Jahre traurigster Nachkriegserfahrungen, um in den Menschen die Erkenntnis aufkeimen zu lassen, daß der Friede in der Welt nicht durch Botschaften und Verkündigungen von den Beratungstischen der hohen Politik her allein gesichert werden kann, sondern aus dem wirtschaftlichen Wohlstands- und dem sozialen Freiheilsbewußtsein aller Völker herauswachsen muß; daß der politische W'eltfriede, soll er dauerbar sein, durch den sozialw irtschaftlichen Weltfrieden grundgelegt werden muß. Schaffen denn nicht trotz aller bisherigen Friedensinstrumente die traurigen sozialökonomischen Krisenerscheinungen in jedem Lande eine Gemütsstimmung, welche einerseits die Stabilität der Regierungen bedroht und anderseits die Idee der wirtschaftlichen Besserung durch territoriale Ausdehnung unterstützt und immer mehr nährt? Erweist sich nicht schon daraus allein die unbedingte Notwendigkeit einer Besserung des^niateriellen und sozialen Wohlbefindens aller Völker, nicht nur von dem rein nationalen Standpunkt aus, sondern auch weil er das Vertrauen in die Vorteile hinreichender Belohnung für geleistete Arbeit hervorruft, welche die intellektuelle und geistige Befreiung der Menschen möglich macht und den Gedanken an einen Krieg in weite Fernen rückt? Mehr denn je muß sidi heute, wo in jedem Lande Hunderttausende von Arbeitslosen auf eine Unterstützung angewiesen sind, und ein Vielfaches hiervon ohne jedwede Unterstützung von der Geißel der Arbeitslosigkeit getroffen wird, muß sich jeder dieser Arbeitsfähigen fragen: „Ja, was hindert mich denn, Arbeit zu leisten?" Daß die Behauptung, die ' natürliche Beschränktheit an Grund und Boden einerseits und die durch den Krieg hervorgerufene Kapitälzerstörung anderseits verhindere die Aufsaugung aller verfügbaren Arbeitskräfte durch die Volkswirtschaften: unrichtig ist, liegt auf der Hand. Denn Grund und Boden ist auch in den dichtbesiedelten alten Kulturländern reichlich verfügbar. Und ist nicht der auch in den Ländern tiefster wirtschaftlicher Depression andauernd sinkende Zinsfuß der stärkste Beweis für das Vorhandensein von Kapital? Muß nicht der Zinsfuß deshalb immer weiter herabgesetzt werden, weil die den Kapitalverkehr vermittelnden Kreditinstitute ihre Einlagegelder, hinter denen doch irgendwo Kapital stehen muß, in die W irtschaft nicht einpumpen können? So sehen wir. daß die elementaren Grundvoraussetzungen alles Wirtschaftens — Land, Arbeit und Kapital — vorhanden sind. Wir sehen aber auch, daß es nicht genügt, wenn jeder dieser Produktionsfaktoren für sich gegeben ist. Denn damit gewirtschaftet werden kann, muß der Zutritt zum Boden iffen stehen, muß das Land der Arbeit und dem Kapital erschlossen sein. Daß diese Möglichkeit derzeit fast in keinem Land gegeben ist. vielmehr nebeneinander ungeheure Mengen von Arbeitskraft, Kapital und Bodennutzungen außer Wirtschaft