Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 10 (1.10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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^3 DIE JUNGGRUPPE Der Einzelne und die Masse Gedanken eines Fünfzehnjährigen. Zunächst: Was ist eigentlich Gemeinschaft? Ein freiwilliger Zusammenschluß sonst allein Dastehender (der Masse!) zu einem einzigen Ziel und Zweck unter größter Selbstaufopferung bei vollkommener Gleichstellung und Gleiohheit aller untereinander. — Das ist größter Idealismus. In allen Teilen verdient er durchaus höchste Anerkennung. Aber gibt es denn wirklich heute noch eine Gemeinschaft, insbesondere eine Gemeinschaft der Masse, in der nicht Egoismus, und sei er auch noch so gering, in Erscheinung tritt? Diese Frage beantworte ich mit einem glatten Nein! Und dieses Nein muß die Persönlichkeit (dieses Wort in edelster Bedeutung gedacht!) von der Masse trennen. Die Masse hemmt das aufstrebende Individuum. Macht es zu ihrem Sklaven. Dieses Einspannen in die Masse ist die Gefahr für den „Einzelnen". Sein „Ich" geht verloren. Nicht dienstbar machen sollte sich die Masse den Einzelnen! Nein! Auf ihren Riesenschwingen, mit ihrer ganzen Kraft müßte sie einen Weg ebnen, ihn seinem Ziele näher bringen. Das wäre ihre Aufgabe. Und dieses hehre Ziel verkennt sie. Gerade bei uns in Deutschland. Wieviel große Köpfe gingen unserm Vaterlande durch den beispiellosen Stumpfsinn der Menge verloren! Die Masse hängt sich zu sehr an Kleinigkeiten, an nebensächliche Dinge. Zwei oder drei Pfennig Lohnerhöhung. Haben sie's, dann sind sie glücklich. Wirkliche Werte, sei es auf irgendeinem Gebiete, erkennt die Masse niemals, — oder zu spät. Das ist ihr größter Fehler. Es gibt unzählige Beispiele hierzu, angefangen bei Mose und aufgehört bei Rathenau. Die Masse macht stumpf, zermürbt, tötet. Unterdrückt und verdammt jeden neuen Gedanken, jede aufstrebende Idee. Was alt ist, ist gut. So lautet die Parole. Der wirklichen Persönlichkeit ist es deshalb unmöglich, sich der Masse anzuschließen oder Rücksichten auf sie zu nehmen. Wer inmitten einer Masse existieren will als Persönlichkeit, ist von vornherein dem Untergang geweiht. Die Persönlichkeit muß nach eigner Erkenntnis streben: Empor! —Wenn nicht, dann taucht sie unter. Vergessen. Ein Tropfen im ewig pulsierenden Strom des Lebens. Verschwindet, zerstiebt in ein Nichts. Hans Cohn, Kaiserslautern. Nachbemerkung: Wir hoffen, daß gerade dieses Thema unseres jungen fleißigen Mitarbeiters eine rege Aussprache hier hervorrufen wird. Den Aeußerungen sehen wir gern entgegen! (Die Red.) Oer Helmnachmittag zieht I Gespräch auf dem Schulweg. Ah, — endlich hörten Edith und Hanne die Schulglocke ' bimmeln!" Schon lange waren die beiden ungeduldig auf ihren Bänken herumgerutscht und hatten sehnsüchtig auf den ersten Glockenschlag gelauert. Sogleich wurden nun Hefte, Bücher, und was sonst noch herumlag, in die Mappen gesteckt, und fort ging's. Die beiden Freundinnen mußten denselben Schulweg zurücklegen und hatten natürlich immer mächtig viel zu erzählen. Heute aber wollte Edith ihrer Hanne etwa ganz besonders Feines verraten. Kaum waren sie ein paar Schritte von dem Schulhause entfernt, da fing auch Hanne schon neugierig an: Na, was hast du denn heut auf dem Herzen? — Edith strahlte: „Denk nur, wo ich gestern war! — Aber Edith, wie kann ich das raten! Warst du wieder mal mit Deiner Mutter den Lieblingsweg entlang gegangen? Oder was "sonst? Edith mußte lächeln: Erinnerst Du Dich, Hanne, an das Blockhaus dort draußen vor unserer Stadt? Mit dem hübschen Garten? Wir kamen neulich doch da vorbei und hörten die herrlichen hebräischen Lieder. Seit damals hatte ich einen Plan, den ich Dir jetzt erst beichte. Ich wollte meine Eltern fragen, ob sie es mir nicht erlaubten, zu den Mädel und Jungen dort gehen zu dürfen. Ich bat ganz fest, erst Väterchen, und da willigte auch Mutter ein, und ich durfte hin. Du bist doch nicht böse, Hanne, daß ich Dir nichts vorher davon gesagt habe, denn ich wollte zuerst mal allein mir die Sache ansehen. Rasch fragte Hanne dazwischen: Und wie' war's? — Stelle Dir vor, das Heim ist innen wie ein Zimmer eingerichtet. In der Mitte des großen Raumes steht ein langer Tisch, um den herum die Mädel auf Holzbänken sitzen. Als ich da war, las die Führerin eine» feine Geschichte vor. Es war eine jüdische Geschichte, und man mußte wirklich aufmerksam zuhören. Ich aber mußte so nebenbei die Wände anschauen, die mit wunderschönen Bilde?n aus der biblischen Geschichte geschmückt sind. Die Gestalten auf den Bildern paßten so gut zu den Personen, von denen die Führerin uns vorlas. Das Gelesene wurde nachher noch besprochen. Man war mutig genug, um mitzureden. Dann, im Garten, durfte jeder ein schönes Lied singen. Wir sangen auch gemeinsam, waren lustig und' tanzten Reigen. Die Mädels waren alle so kameradschaftlich und nett zu mir, obgleich ich doch die meisten gar nicht so recht kannte, und manche sogar, was sonst sehr auffällt, aus den feinsten Familien stammten. Wie wundervoll, daß man hier alle Unterschiede und Grade gar nicht empjinden konnte! Wir waren jung! Das eint doch so mächtig und innig! — Ohne daß Edith noch ein Wörtchen sagte, rief Hanne: Du, wenn das so ist, komme ich das nächste Mal aber mit. Ich verstehe überhaupt nicht, daß es da noch jüdische Eltern gibt, die ihren Kindern «olche herrlichen Stunden vorenthalten! — Carola Reis, Heilbronn. soll man darüber sprechen? ... Ich bin der unbedingten Ansicht, daß über die sexuelle Frage gesprochen wird. Warum sollen wir die natürlichsten Dinge am Menschen einfach totschweigen? Das unterscheidet uns doch eigentlich von der Gesellschaft. Auch glaube ich nicht, daß jemals ein richtiges Verhältnis zwischen Junge und Mädel aufkommen kann, ehe diese Dinge klar gestellt worden sind. Es gibt wohl sehr viele schöne Reden, die uns davon abhalten können, so z. B. Eltern, Scham usw. Aber daran glaube ich nicht. Die meisten Eltern sind froh, wenn ihnen diese Arbeit erspart bleibt, und der andere Teil der Eltern erfährt es i<ar nicht. Ebenso falsch halte ich es, sich durch die Scham mancher Mitglieder zurückhalten zu lassen. Diejenigen, die sich schämen, sind gewiß verkehrt unterrichtet und diesen tut es besonders not, die Wahrheit zu erfahren. Beinahe vergesse ich die faulste aller Ausreden: es ist nicht gut, wenn man sie so jung schon aufklärt! — Je eher, desto besser. Unsere Leute werden von vielen Dingen bedrückt. Und wir wollen sie doch fürs Leben wappnen und nicht ihnen Sand in die Augen streuen. Ich glaube, keiner der Führer ist so naiv, um zu denken, daß ein Kind von 11, 12 und 13 Jahren noch keinen Dunst vom Sexuellen hat. Vor allem die Großstadtkinder. Und wie werden sie unterrichtet? Durch Zoten, Schulkameraden, die etwas irgendwo aufgeschnappt haben, durch Dienstmädchen u. a. Ist es nicht unsere erste Führerpflicht, über diese Dinge zu sprechen? Als Methode könnte ich vorschlagen, erst über die Fahrt zu sprechen, dann über die Konstruktion des Körpers. Aus dem letzten Thema ergibt sich die Behandlung sexueller Fragen. Bei gemischten Gruppen ist es gut, das erste Thema gemeinsam, die letzteren jedoch getrennt durchzunehmen. Und zuletzt noch gemeinsam ein gutes Aufklärungsbuch lesen. Vielleicht von Dr. Max Hodann: Bub und Mädel. Das ist meine Ansicht über diese Dinge. Mäly Fischer, Chemnitz (14 Jahre). Handtertigheit und Basteln in den Helmabenden Zu dieser schon öfters angeschnittenen Frage schreibt die Fürsorgerin Hanna Dreher im Heft 18 (15. September) der sehr interessanten Zeitschrift „Arbeilerwohlfahrt" u. a. die folgenden beachtenswerten Sätze: Jeder kennt die langen, langweiligen Vereinsabende, die oft nicht die Freude bringen, die wir erwarten. Man schlägt die Stunden irgendwie tot und geht dann zum Schluß nach Hause. Es bleibt gleichgültig, ob man einen Abend an der Straßenecke versteht oder ein Glas Bier im Gasthause trinRt oder im Kino sitzt oder — in der Gruppe ist. In den Gruppen, in denen ich in den letzten Jahren mitarbeitete, haben wir bald eine Aenderung geschaffen. Ich ging hin und machte zuerst alles mit, langweilte mich auch und spielte immer wieder dieselben Spiele, die schon allen über waren und die doch weiter gespielt wurden, weil 9