Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 10 (1.10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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war das Verstehen für jeden Teilnehmer leicht, die Eindringlichkeit des Gesagten wurde gesteigert, ohne -langweilig zu werden, weil schon durch die Sprachpsychologie mancher Aufschluß im Geistigen gegeben wurde. Vielleicht war der Will« der Menschen zu einander und zur gemeinsamen Idee so groß, daß schon dadurch Trennungen der Sprache und der Nationen überwunden wurden, und daß iede Eigenart ein notwendiger Teil des Gesamtbildes war. Es kam ja nicht nur auf das gesprochene Wort an". Trotzdem spürte man vor allem Deutschland und Amerika in ihrer Besonderheit; wie so oft, auch hier ein allzu starkes Aufblicken zu Amerika. Mit Unrecht. Die Sache, um die es ging, hat ihren Ursprung, ihren Geist und ihre Erfüllung in Deutschland. Die Amerikaner haben dies dankbar erkannt. Der Rhythmus der Tagung war so, daß er nie zur innern Ermüdung führte, weil die Linie nicht einheitlich und nicht abwärt'; verlief. Der Auftakt, ein liberaler Freitag-Abendgottesdienst in der Synagoge Norden, mit englischer Predigt über die Beziehung der Religion zu den Entwicklungsgesetzen einer jeden Generation, war stark und würdig und bildete schon durch die große Zahl der Teilnehmer eine machtvolle Kundgebung für die näschsten Tage. Die stärkste Wirkung ging immer davon aus, daß eine so große Fülle von Menschen überall dabei war. Die Wirkung einer Menge, die nicht Masse ist, ist ungeheuer stark. All diese vielen, vielen Menschen, am Eröffnungsabend waren es Tausende, sind um einer Sache, um einer idee wmen aus vielen und fernen Ländern zusammengekommen, sie sind da, um Bekenntnis abzulegen, Bekenntnis zur Gemeinschaft. Sie sind Gemeinschaft. Diese machtvolle Kundgebung für das Judentum, die in der .Tatsache der Sammlung lag, hatte für jeden Teilnehmer etwas Zwingendes. Am stärksten war dieser Eindruck bei den Gottesdiensten. Für jeden Einzelnen, der mit bescheidenem Wollen hinkam, ergab sich daraus ein starkes Gefühl der Verantwortung, ihr nur sein Bestes geben zu dürfen. / Der Festgottesdienst in der gefüllten riesengroßen Synagoge Oranienburger Straße am Samstagvormittag mit gehaltvoller Predigt Seligmanns war doch der Höhepunkt der Tagung, es konnte nichts Aufwühlenderes mehr kommen; man war durch diese Feierstunden bereit und empfänglich geworden, alles Kommende tief in sich aufzunehmen und klingen zu lassen. Als am Samstagabend endlich die Tagung „eröffnet" wurde, nachdem in der Zwischenzeit manche geselligen Zusammenkünfte die Menschen zueinander geführt hatten, da war man schon so heimisch und so durchdrungen von allem, was war, daß bei nachträglicher Erinnerung die Begrüßungsreden und die Berichte der Länder etwa als in der Mitte der Tagung liegend erscheinen. Auch das Lokale gab seine eigene Färbung: Berlin den großen Zug, die' unbegrenzten Möglichkeiten technischer Durchführung bei liebevollster Vorbereitung bis in alle Einzelheiten. Das Herrenhaus, großzügig und vornehm, gab einen Rahmen, der auch nach außen hin die Bedeutung der Tagung erkennen ließ. Man konnte bei. vorheriger Durchsicht des Programms vermuten, die Tagung werde allzu gesellschaftlich aufgezogen, doch erwies sich, daß alle wahre Vornehmheit schlicht und herzlich ist und daß wahrhafte, beseelte Menschen immer mit dem Menschlichen durchdringen. So gestaltete sich auch der Empfang durch die Berliner Gemeinde am Samstagmittag im ..Kaiserhof", vor allem das bunt flutende Zusammensein einer testlich gestimmten Einheit aus fünfhundert Menschen im (Fortsetzung siehe Seite 10) pause, die er nolens volens einlegen mußte, gelang es mir die Frage anzubringen, ob er denn eben nicht an alles das gedacht habe, ob er aus seinen Jugenderlebnissen keine Konsequenzen, keine Lehren gezogen habe. Selten habe ich einen Menschen aufgeregter gesehen und als er seinen Sermon beendete: ...... Ich bin Amerikaner und habe alles vergessen. was war. Ich habe als Weißer und als Amerikaner dafür Sorge zu tragen, daß die Weißen in jeder Hinsicht die Vorherrschaft behalten. Das schwarze Gesindel gehört nicht zu uns Weißen und wenn sie schon mit uns leben, so sollen sie unsere Diener und pKnechte sein, denn sie sind minderwertig und nicht Menschen wie wir. Wir müssen sie jeden Augenblick fühlen lassen, daß sie tief unter uns stehen, daß wir sie verachten", da stand ich auf und ging in den nächsten Wagen. Es schämte sich in mir der Mensch und der Jude. Tagebuch von großer Fahrt von Hans may-Frankturt a. m. Hans May-Frankfurt und Richard Teitler-Hamborn beendigten eine Fahrt durch eine Reihe unserer Bünde und senden uns folgenden launigen Bericht. Die Schriftleitung.) 1. K a p i t el : Liebe Lippstädter, helle Hallenser, gute Gothaer, holde Hildesheimer, kess'e »Dessauer, und wie Ihr alle heißen möget: zu essen versteht Ihr. und zu kochen auch oft. Ich kam 10 Pfund schwerer heim. Aber Kaffee! Aber Tee! Suppe! lieber Verband der jüdischen Jugendvereine, sollte eigentlich etwas ganz anders sein. Und vermerke außerdem im nächsten Rundbrief, daß Kaffee und Tee mit kochendem Wasser überbrüht werden müssen. O diese kollodialen Weltanschauungen, die wir da herunterschlucken mußten, morgens, mittags, nachmittags und abends! Schüttele. Jugend, das Joch des Teeeies von Dir, begrüße aber um so feuriger das Kaffeefilter. Ein tröstlicher Abschluß: Schalet Schalet! Nudel-, Apfel-, Kartoffel-Schalet. er lebe hoch! 2. Kapitel: Leibsorge und Seelsorge sind nahe verwandt. Und doch sind die Rabbiner ein Kapitel für sich. Was denn? Das darf man doch noch sagen? Wo wären wirklich die meisten unserer Gemeinden, die meisten unserer Jugendvereine, wenn nicht dauernd Rabbiner und Lehrer mit ungeheuren Opfern an Kraft, Ausdauer und Beliebtheit rück .irhtslos immer wieder aufrütteln? Daß oft die Gefahr besteht, der Rabbiner könne durch seine Autorität die Entwicklung jugendlicher Formen hemmen, und er deshalb die Arbeit im Hintergrunde des Jugendvereins vorzieht, wißt Ihr. Die Frage: Sollen uns Rabbiner führen oder wir uns selbst? löst sich so in der Praxis von selbst. Meistens. L nd dazu kommt noch das 3. 'Kapitel: Nämlich die lokalen Verhältnisse. Sie sind der Grund dafür, daß Gotha schöne Mädchen hat und Halle kluge, — daß es hier keine Jugend mehr gibt und dort kein Minjan, — daß hier der Chassen Filetarbeit macht und dort der erste Vorsitzende Zionisten frühstückt, — daß hier das W. C. noch unbekannt ist und dort der wöchentliche Heimabend, — daß hier die Jugend gruppt und dort die 2. Jugend über 50 — daß Faust vor den Müttern auftreten mußte und wir vor den Großmüttern — daß mir ein Baby vormeckert, der „Jugendbund" habe so wenig mit Jugend zu tun wie der Prometheuskakao mit Prometheus — daß ich alle Witze 23 mal hören muß. 4. Kapitel: Abgesehen von den typisch thüringischen, anhaltischen und lippedetmoldischen Witzen. Und so bin ich gegen den Einheitsstaat. Und so versäumten wir gemütvoll vieles, was des Sehens wert war und widmeten uns ganz dem 5. Kapitel: Das heißt den Jugendbünden. Soll, darf, muß ich unser Geheimnis lüften, mit Einzelheiten kommen? Muß ich verraten, daß es unsere Aufgabe war, Heimabende zu geben, und daß es uns in Lippstadt, Eschwege, Eisenach, Gotha, Erfurt, Eisleben, Halle, Dessau, Bernburg, Hildesheim, Hameln, Oeynhausen, Detmold, Beckum und Rheine sehr gut gefallen hat? Daß die Butterbrote, die man uns in die Bahn mitgegeben hat, ausgezeichnet waren und der Geist der Gruppen noch besser? bollen wir Euch sagen, daß wir gelernt haben, an die vielen jungen (und mitjungen) Menschen zu glauben, an ihren ehrlichen Willen zur gesamtjüdischen Gemeinschaft, zur Erneuerung des Judentums? So glaubt alle mit uns an das 6. Kapitel: An die Zukunft. Baut!