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Der Jugendbund · 1928-10-01 · 10 (1.10.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
10 (1.10.1928)
Date
1928-10-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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die er aus diesem Geiste heraus nicht vcrantwor'en kann zu tun, weil es mit seinem höchsten sittlichen und religiösen Maßstab nicht zu vereinigen ist. Dazu gehört Mut und Kraft. Diese Menschen sind die eigentlich „Liberalen". Der andere Mensch, der nichts hat als den Willen, zum Judentum, aber kein Wissen, keine Tradition, keinen überkommenen oder, erkämpften Besitz und der auf Grund seiner Weltanschauung sein Judentum in liberalem Sinne gestalten muß, der darf nur aufbauen. Weglassen, wo nichts ist — das wäre Bequemlichkeit. Es kommt beim Liberalismus überhaupt nicht auf die Menge der bejahten und vor allem nicht der verneinten Formen an, sondern auf den Geist, aus dem heraus das Leben gestaltet wird. In diesem Zusammenhang ist die Frage der Reform wichtig. Es schien bei der Konferenz zeitweise, als setzte man Liberalismus und Reform zu sehr gleich. Die Reform ist ein Teil und ein Mittel des Liberalismus. Sie ist ein Weg, keine Erfüllung. Die Reform kann nötig sein für einige wenige Menschen, die aus innerster Ueberzeugung nein sagen müssen zum Bestehenden. Sie ist nötig, um manche Menschen dem Judentum zu erhalten, die die Kraft und den Willen zur Tradition nicht haben. Sie ist unmöglich für den, der den Weg zum Judentum aufbauend sucht; denn sie schafft nicht die starken Bindungen zur Vergangenheit und zur Zukunft. Sie ist allzu stark augenblicksbedingt. Der Liberalismus aber steht auf dem Boden der Tradition. Die Frage der Beziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft wurde bei der Konferenz viel erörtert, aber auf Grund verschiedenartiger Geschichtsauffassung nicht ganz geklärt. Der Wille zur Gemeinschaft ist im Liberalismus lebendig. Die Gemeinschaft setzt voraus, daß jedes ihrer Glieder eine Ich schäme mich von Erich de Jonge. new York Pat ist das, was man in Europa einen vornehmen und gebildeten Menschen nennt. Pat ist mit seinen dreißig Jahren ein famoser Junge, mit dem ich Freundschaft geschlossen habe. Nie stockt unsere Unterhaltung, wenn wir uns sehen, denn Pat ist in allen Sätteln der Wissenschaft gerecht. Kein Wunder, denn er ist B. S. (bachelor of science). Er studiert Philosophie und so ist seine Liebe zu Spinoza. Schopenhauer, Kant und Nietzsche zu verstehen. Es fällt mir zuweilen schwer, seinen Gedankengängen zu foltfen; und nicht selten erdebe ich mich auf Gnade oder Ungnade, wenn er anfängt die Ideen reiner Philosophen von seinem Standpunkte aus zu betrachten. Es liei*t mir fern, zu behaupten, über allzu große Kenntnisse der alten und neueren Philosophen zu verfügen, aber das Wesentlichere, was mich hindert ihm in die Tiefen seiner Gedankengänge zu folrfen, ist der Umstand, daß Pat — schwarz ist. Pat ist ein Vollhlutneger. und reiner Negerphilosophie zu folgen, ist mir zuweilen unmöglich. Das soll nur ein kleines Charakteristikum meines Freundes Pat sein. Es ist nicht das wovon ich erzählen wollte. Ich habe mir vorgenommen, daß alle meine New Yorker Briefe in etwa Bezug auf das Judentum haben sollen. Was also hat Pat damit zu tun? Ist er vielleicht Jude? Nein, zwar macht er von seinem Christentum nicht den geringsten Gebrauch, aber mir scheint er christlicher zu sein als mancher Christ und jüdischer als mancher Jude. Eines Tages kam Pat zu mir in den Betrieb und es währte nicht lange, so hielten wir hei einem Thema, das wir, na, safen wir einmal: „Menschen und ihre Beziehungen zueinander" betiteln wollen. Im Verlaufe des Gespräches erzählte ich ihm von einem Besuche in Harlem, der Negerstadt; New Yorks. Ich war dort in einem „speakeaoy", einer der vielen „Flüsterkneipen" New Yorks, gewesen und schaute mir das weiße, gelbe und schwarze Publikum an. das hier alle Farbenunterschiede vergaß. Nun geschah es. daß ich rm. Verlaufe unserer Unterhaltung gedankenlos das Wcu-tT3M#4eO benutzte, dessen Gebrauch ich aber sogleich bereute. Fa^jgrau im Gesicht werdend, versuchte Pat seiner Erregung Herr zu werden, und als er sich endlich in der Gewalt hatte, sagte er mir: ..Höre zu, Erich. Du solltest ein solches Wort nicht in den Mund nehmen, gerade du nicht. Ich weiß, daß du das Wort unbewußt gesagt hast, so wie du es gehört hast, ohne die Herabwüdigung, die in ihm steckt, zu kennen, ohne zu wissen, daß es der größte Schimpf ist, dem man einem Neger antun kann. Gerade du als vollwertige Persönlichkeit ist. Der Liberalismus erzieht den Einzelnen zur Persönlichkeit, weil er von ihm freie Willensent- Fcheidung verlangt. (Es sei eingeschaltet, daß man in letzter Zeit besonders viel und von allen Seiten her vom Klal sprechen hört. Es kommt dabei die Vermutung auf, als meine ein jeder damit nicht die übergeordnete Gesamtheit, sondern eine Vielheit dessen, was er als Einzelner ist oder sein möchte.) Es hat in jeder geistigen Bewegung, auch im Liberalismus, den Anschein, als werde ihr Höhepunkt und ihre stärkste schöpferische Kraft bereits erreicht in der Generation der Gründung. Dort ist der Unterschied zum Vorangegangenen und somit die entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit am stärksten fühlbar, der gestaltende Wille am regsten lebendig. Die folgenden Geschlechter sehen oft die Dinge nur vom historischen Standpunkt, für den Liberalismus eine Unmöglichkeit. Er muß, einmalig geschaffen, stets neu erkannt, neu erschaffen und aus dem Geist einer jeden Generation neu gestaltet werden. Jede Generation, jede Persönlichkeit muß ihre besonderen zeitgegebenen Bedingungen bejahen und für ihr Leben, auch für ihr Judentum die Folgerungen daraus ziehen. Nicht, indem sie die Religion in die Enge des Zeitgebundenen preßt (es gibt „Ewigkeit" nicht in der Vergangenheit und Gegenwart, nur in der Zukunft), sondern indem sie in sich den Willen zur Entwicklung lebendig hält". Die bekannten Talsachen des äußern Tagungsverlaufs geben noch keine Vorstellung von dem eigenartigen Tagungs-Rhythmus, der nur dem Teilnehmer aufgegangen ist. Eine besondere Gliederung ergab sich schon durch die Zweisprachigkeit, deutsch und englisch. Jede Rede wurde in der andern Sprache knapp und sehr sinngegemäß wiedergegeben oder lag gedruckt vor. So Jude wirst mich besonders gut verstehen. Als ich vor einigen Jahren in Deutschland war, hörte ich, wie man zu einem Manne „Dreckjud" sagte. Man sagte das ohne jeden Grund, nur auf die Tatsache des jüdischen Aeußeren jenes Mannes hin. Ich hörte das, und schämte mich für diese Menschen mit der weißen Hautfarbe, und nachdenkend, glaubte ich manches zu verstehen, weshalb man uns Neger zu Menschen zweiten Grades degradieren will. Bitte, passe auf das, was du sagst, und entwürdige dich nicht selbst durch ein Wort." Da schämte sich der Mensch in mir. Ich sitze in der Subway und langweile mich. Die Zeitung ist verdaut und zur Nachspeise nicht einmal eine der so kunstvoll angemalten jungen New Yorkerinnen im Wagen, die man anschauen könnte. Aber nur anschauen, und das auch nur mit Vorsicht, denn allzu interessiertes Blickewerfen kann unter Umständen die Bekanntschaft mit einem Policman vermitteln. Nur Gättunttsgenossen und alte und ältere angemalte Weibsen sind meine Fahrtgenossen. Bei der nächsten Station quillt ein kleiner Menschenschwall in den Wagen. Wüstes Schimpfen läßt mich aufhorchen. Was ist? Ganz klug werde ich nicht aus dem Wortgewirr. Nur so viel entnehme ich. daß der Neger, der in den Wagen eingestiegen ist, irgendwie mit einer Dame in Kollision geraten ist und sich angeblich nicht entschuldigt hat. Immer erregter werden die Stimmen, und plötzlich wird der Unglückswurm von einigen 20—30 Händen und Füßen durch den Wagen gestoßen, geschlagen und getreten. Mich widert dieses Fangballspiel an, aber was kann man machen? Da steht neben mir ein kleiner Glaubensgenosse auf. die lebende Demonstration des Witzblattitzigs, faltet seine hebräische Zeitung zusammen und gräbt, da der lebendige Fangball wieder in seine Nähe gerät, bibbernd vor Inbrunst und Wollust, seine Stiefelspitze in den fleischigsten Körperteil des Negers, der seiner Statur nach in der Lage war, das Jüdchen mit einem Fingerdruck postfertig zu machen. Voll Stolz ob seines Mutes fragte er mich dann, weshalb ich dem „nigger" nicht eine Lehre mitgegeben hätte, wie er sich den „white ladies" gegenüber zu verhalten hätte. Als guter Jude antworte ich mit einer Gegenfrage, wie lange er in Amerika sei. So einige 20—25 Jahre. Weshalb er aus Rußland ausgewandert sei? Pogrome. — Nun legte er los und erzählte über damalige russische Zustände, daß man die Juden wie Tiere behandelt hätte, wie man sie geschlagen, getreten hätte, kurz, alles das, was man schon weiß. Bei einer Atem- 7

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