Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 10 (1.10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Großstadt und Erziehung Tagung des Bundes entschiedener schuiretormer am 30. Juli und 1. August in Köln von Levy wom Oer Bund entschiedener Schulreformer veranstaltete seine diesjährige Tagung unter dem Motto „Großstadt und Erziehung" in Köln. Leider war die Tagung trotz des aktuellen Themas und trotz der bedeutenden Redner nur verhältnismäßig schwach besucht. Die Lehrerschaft fehlte ganz, was den Einsichtigen bei der Einstellung eines großen Teiles der Lehrerschaft gegenüber dem Bunde nicht weiter verwunderte, die Jugend war im allgemeinen gut vertreten, vor allem sah man sehr viele jüdische Jugendliche. Man mag sich zur Großstadt stellen, wie_ man will, es ist sinnlos, immer wieder auf ihren verdcrblicFfeh Einfluß hinzuweisen, da man sie doch nicht abschaffen kann, sondern man muß sich in der Erziehung mit ihr als einer durch die Gegenwart gestellte wesentliche Aufgabe auseinandersetzen. Das ist der „Weg in die Wirklichkeit". Der große Unterschied zwischen dieser Tagung und unserer Tagung in Dresden war der, daß hier zunächst die Wirklichkeit gezeigt wurde, wie sie ist, während die Diskussion in Dresden oft im Aeußeren stecken blieb, ohne daß man die Problematik und Tragik unserer „Wirklichkeit" berührte. „Großstadt und Erziehung" scheint mir zur Zeit das wesentliche Problem jüdischer Erziehung zu sein, denn der Jude in Deutschland ist Großstadtmensch. Die Veränderung des jüdischen .Menschen in den letzten 50 Jahren ist zu einem großen Teil auf den Einfluß der Großstadt zurückzuführen, sie hat die Zersetzung der Familie, des bisher wesentlichsten Faktors in der jüdischen Erziehung, bewirkt. Paul Oestreich, der Führer des Bundes, sieht gegenüber dem Einfluß der Großstadt nur einen Ausweg: die Umstellung der Erziehung. Alle pädagogischen Reformen müssen mißlingen, weil das ganze System falsch ist. Er spricht in seiner temperamentvollen scharfen Art von der „Verschulung", von der „Verkopfung" in Deutschland vom „For- -dismus" in der Erziehung. Das Berechtigungswesen wird immer größer, die höheren Schulen werden immer stärker besucht, die besten Kräfte von Lehrern und Schülern werden in der sinnlosesten Weise verbraucht. Er fordert die „Produktionsschule", wo die Schüler etwa bis zum 13. Jahre einheitlich unterrichtet werden; neben den Kernfächern wahlfreier Unterricht, mit 13 Jahren läßt sich auch eher entscheiden, ob ein Schüler mehr theoretisch oder praktisch begabt ist. Es kann nicht die Aufgabe dieses kurzen Berichts sein, alle Referate ausführlich wiederzugeben. Ich will nur darauf hinweisen, daß die bedeutendsten Vertreter der Individualpsychologie in Deutschland, Frau Rühle, Dresden, und Dr. K ü n k e 1 , über das proletarische und nervöse Schulkind sprachen; Prof. v. Düring in einem ganz ausgezeichneten Vortrag über den „anormalen Jugendlichen", Schulrat Vieweg über „Jugendhilfe und Berufshilfe" in der Großstadt. Die beiden letzten Vorträge gaben dem in der Jugendarbeit Stehenden eine Fülle von Anregungen, vor allem aber uns, die wir in jüdischer Jugendarbeit stehen. Welche Fehler werden von jüdischen Eltern noch immer in der Fra.je der Berufswahl gemacht, wie mancher Junge, der nur praktisch begabt ist, wird auf Privatschule und Presse geschickt, damit er vor Eintritt in die Praxis die nötigen „Berechtigungen" hat! Wie mancher junge jüdische ^Mensch geht an diesem Konflikt zugrunde und kommt dadurch niemals zu jener Berufsfreude, die Vieweg mit Recht als einzige Möglichkeit ansieht, seinem Leben einen Sinn zu geben und sich Verantwortung zu schaffen- Aber, und das ist die wesentlichste Erkenntnis der Schuiretormer, alle Reform in der Erziehung nützt nichts, wenn nicht zunächst die Struktur der Gesellschaft geändert wird. Für die jüdische Jugend bedeutet demnach dieser „Weg in die Wirklichkeit" Erkenntnis ihrer Unzulänglichkeit und entschiedener Wille zu ihrer Umgestaltung. Ob die Jugend sieb dieser ihrer Verantwortung bewußt ist? 6 . - ' Jüdisch-liberale Weltkonferenz in Berlin vom 18. bis 21. August 1928 von Elsa Hlrscnel. Dresden Gedanken und Eindrücke. Der Verband hatte eine offizielle Einladung zur Liberalen Weltkonferenz erhalten. Unsere Vertreterin, Elsa Hirschel, Dresden, gibt uns nachfolgenden ausführlichen Bericht, den wir mit dem Bemerken veröffentlichen, daß darin natürlich nur die persönliche Meinung der Verfasserin zum Ausdruck kommt. Die Schriftleitung. Die stets von Außenstehenden gestellte und stets unberechtigte Frage nach dem, was „dabei herauskam", läßt sich in bezug auf die Liberale Weltkonferenz nicht mit Schlagworten und festgelegten Leitsätzen beantworten. Wenn man diese Tatsache ergänzt und erweitert durch die Feststellung, daß die Tagung den Teilnehmern zu einem tiefen und nachhaltigen, vielen zu einem entscheidenden Erlebnis wurde (und wenn man diese Worte so aufnimmt, als seien sie zum ersten Mal gesagt und empfunden, nicht abgebrauchte Sammelbegriffe), so ist damit schon das Wesentliche gesagt. Die Abgrenzung nach der negativen Seile ist leicht: das Fehlen der Schlagworte und Leitsätze heißt, daß das lebendige, unmittelbare Leben an deren Stelle stand. Man mußte sich nicht mühen, einen Mangel inneren Gehalts in wirksamer Form zu verkleiden, der Gehalt war da. Es war eine Tagung, die.nicht das Ziel hatte, Judentum zu organisieren, was sich allmählich für viele Menschen, auch für Jugendliche, zur alleinigen „jüdischen" Betätigung herausgebildet hat. Das Ziel der Tagung war: Wege zu finden für die Gestaltung des Lebens aus dem Geiste des Judentums im Sinne liberaler Weltanschauung. Die Fassung „liberales Judentum" ist ein Notbehelf der Sprache. Es gibt Judentum, und es gibt Menschen liberaler Weltanschauung, die ihr Leben und ihr Judentum im Sinne ihrer Weltanschauung gestalten. Der Begriff des Liberalismus ist während der Tagung nur andeutend formuliert und erklärt worden, doch er war lebendig über dem Ganzen und stellt sich bei nachträglicher Betrachtung klar dar: Durch die geistesgeschichtliche Entwicklung des Judentums im vorigen Jahrhundert ist man vielfach zu der falschen Auffassung gelangt, die vielleicht erst vom Tage dieser Weltkonfcrenz an als überwunden gelten wird, als sei Liberalismus ein Negatives, ein Freisein von etwas, nämlich von der überlieferten Form des Judentums, ohne daß etwas Lebendiges an ihre Stelle gesetzt wird, also Indifferentismus. Wer in Berlin den großen Willen einer Einheit von Menschen zum Positiven gespürt hat, der weiß, daß Liberalismus eine große Forderung ist, und daß er das Freisein f ü r etwas bedeutet. Er ist nicht nur ein Freisein, sondern ein tägliches und stündliches Freiwerden und Sich-frei-machen seines Bekenners für die Idee der Entwicklung und für die Wahrheit. Er ist die Prüfung jeder sittlichen und religiösen. Handlung auf ihre Uebereinstimmung mit dem Ideal und die bewußte Gestaltung des Lebens aus Verantwortung. Am wenigsten darf man im Namen der Religion, mit deren Anwendung als Argument man ohnedies sparsamer sein sollte, Handlungen begehen, die hinter dem höchsten sittlichen Maßstab zurückbleiben. Der Liberalismus ist kein Bequemlichkeitsstandpunkt, er kann sogar sehr unbequem sein; denn jedes Tun und jedes Unterlassen (auch dies ist hier ein sehr entschiedenes „Tun"), geschieht aus innerstem Zwang und bewußt. Der Zwang zur Wahrheit und zur Ehrlichkeit gibt eine Richtlinie, deren Einhaltung oft mit großem Kampf verbunden ist. Es wäre oft bequemer, das Gewohnte zu tun, als es unter dem Zwang zu sittlicher Reinheit weglassen zu müssen. Doch nicht das Weglassen ist das Entscheidende, sondern der Aufbau. Die Kraft zum Jasagen ist die große Forderung des Liberalismus. Es gibt zwei entgegengesetzte Wege, von denen aus man zur Gestaltung seines jüdischen Lebens im Geiste des Liberalismus gelangen kann: der eine, der besitzende Mensch, der das überlieferte Judentum kennt und vielleicht durch seinen äußern Zwang selbst hindurchgegangen ist, gestaltet sein Judentum aufbauend in liberalem Geiste und muß die Formen fallen lassen,