Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 10 (1.10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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sagen wir auch hier: „Andersartige innere Bereitschaft bedeutet ausschließliche Möglichkeit des wirklichen -Umschwungs.'"-) - Diese innere Bereitschaft hieße gar nicht so gewaltige Umstellung, wenn wir nicht so weit von der Erfüllung der Pflichten unseres Sittengesetzes, der Thora, entfernt wären. Diese Erfüllung wäre ein Höchstmaß des Erreichbaren! Denn wird das „wchei ochicho imoch": „es lebe dein Mitmensch mit dir", richtig verstanden und auch im Kreisaller wirtschaftlichen Tätigkeit angewandt, dann ist die „soziale Frage" gelöst, dann verliert der Kapitalismus den größten Teil seiner bestehenden Ungerechtigkeiten. . Geistige Umstellung! — Im Zeitalter des Kapitalismus ist es möglich geworden, daß die Wertung von Menschen — vorsichtig ausgedrückt — zumeist mitbestimmt ist durch seine wirtschaftliche und durch seine daraus bedingte gesellschaftliche Stellung. Hier heißt es, sich umstellen, mit unbegründeten Vorurteilen aufräumen. Wie unendlich schwer ist die dringend notwendige Berufsumschichtung der Juden und wie sehr wirken hier die durch die gesellschaftliche Wertung begründeten Hemmnisse. Löffler sagt es sehr treffend2): „Wir müssen immer wieder gegen die eingerostete Meinung von Eltern ankämpfen, als könne nur der Stand des Handelsherrn und des freien Akademikers glücklich machen; wir müssen den Brauch, auf dem Heiratsmarkt den selbständigen Kaufmann und Träger eines Dr.-Titels um 50 Prozent höher einzuschätzen, mit der Lauge des Spottes übergießen. . . Dagegen können wir . . . ganz unmittelbar der beruflichen Umschichtung den Boden ebnen, indem wir in unseren Vereinen auf höchste Achtung vor der schwieligen Hand des Arbeiters, des gelernten Arbeiters, des Handwerkers insbesondere, dringen." Geistige Umstellung! Dann werden wir sehen, daß der Verband mit einem Male nicht nur seine Geldsorgen los wird, sondern reichliche Mittel für seine Zwecke hat, wenn jedes Mitglied täglich Pfennige zu opfern bereit ist, deren Ausgabe für Luxusbedarf — z. B. Rauchen auch von unseren wirtschaftlich Schwächsten nie beachtet wird. Dann werden wir die Lächerlichkeit erkennen, dieses bedeutet, wenn sich die ordentliche Delegiertenversammlung heftige Diskussionen gefallen lassen muß, wenn die Erhöhung des monatlichen Verbandsbeitrages von 10 auf 20 Pfennige zur Debatte steht!! Dies nur kurz ein Hinweis auf die Fülle des gegebenen Aufgabenkreises. Der Erneuerung der ethischen Gesinnung soll die Tat folgen! — Und im Glauben an die göttliche Kraft des Sittengesetzes werden wir all denen, die diesen Zeilen ein „Unmöglich" zurufen, mit Sokrates antworten, als er befragt wurde, ob sein vollkommener Staat denn wirklich bestehe'): „Es besteht nur ein Himmel, aber die Menschen können es lernen, im Lichte dieses göttlichen Bildes in ihren irdischen Staaten eine Schönheit zu verwirklichen, die der des vollkommenen Staates nicht unähnlich ist." -) Löffler: „Wie fördern wir den religiösen Sinn der jüdischen Jugend", Referat, gehalten auf der vierten Delegiertentagung des Verbandes in Berlin, Juni 1919. s) A. a. O. a) Nach de Man. soziale Arbeit! Soziale Tat! von Erlen wexberg. Berlin Es ist eine begrüßenswerte Tatsache, dem Bericht der Augustnummer unserer Zeitung zu entnehmen, daß man sich auf der Essener Führertagung mit der Aufgabe „Soziale Arbeit im Jugendbund"' in einem besonderen Referat Rabbiners Dr. Eschelbacher, Düsseldorf, befaßte. Man hat darin zu erkennen gegeben, daß die Ausübung der sozialen Arbeit durch die Jugend als eine Erziehungsaufgabe angesehen wird, und es sollte daher Pflicht eines jeden Bundes sein, im Rahmen seines Programmes der Durchführung dieser wichtigen Aufgabe entsprechende Beachtung zu schenken. Wenn der Gedanke der sozialen Betätigung der Jugend propagiert wird, so muß man sich von vornherein klar darüber sein, daß eine praktische Mitarbeit nur in begrenzten Formen in Betracht kommen kann. Es gibt auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege Arbeiten, welche Jugendliche aus mancherlei natürlichen Gründen nicht ausführen können, anderseits gibt es jedoch eine Reihe von sozialen Aufgaben, deren Erfüllung zweckmäßig nur durch die Jugend erfolgen kann. Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher gab in seinem Referat einige wenige Hinweise, wie sich die Mitarbeit der Jugend gestalten könne. Eine ausführlichere Darstellung der Möglichkeiten zur sozialen Betätigung der Jugend gibt die beachtenswerte Schrift „Das soziale Programm der jüdischen Jugend".*) So gibt es auf dem Gebiet der Kinder-, Alters- und Krankenhilfe eine vielseitige Betätigungsmöglichkeit, sofern der Wille zur Arbeit hierzu vorhanden ist. Den Willen zur Hilfeleistung setzen wir bei allen voraus. Bei vielen unserer Jugendbundfreunde fehlt jedoch die Anregung zur praktischen Betätigung, und hier wäre es m. E. nach Pflicht jedes Bundes, durch Vorträge geeigneter Persönlichkeiten sowie entsprechender Veranstaltungen das Gewissen derer, die es bedürfen, zur Mitarbeit zu wecken. Zweck haben solch Veranstaltungen jedoch nur, wenn dem Wort die Tat folgt, und darum unterstreiche ich die bereits aufgestellte Forderung nach Schaffung einer sozial arbeitenden Gruppe in jedem Bunde, soweit solche nicht schon besteht. Sollte eine solche Gruppe «ilie Erfüllung von Aufgaben aus eigenem nicht erkennen, so wird sie durch die Fühlungnahme mit den zuständigen Wohlfahrtsämtern die richtige Anleitung dann finden können. Interessant wäre, durch Rundfrage efnmal festgestellt zu wissen, welche Bünde sich bereits mit der Ausübung sozialer Wohlfahrtspflege befaßt haben und auf welchem Gebiet schon erfolgreiche Arbeit geleistet wurde. Zweckmäßig erscheint es mir' ferner, die in der sozialen Arbeit gemachten Erfahrungen gegenseitig auszutauschen, da es eine Reihe von Dingen gibt, bei denen der Austausch der Erfahrungen sehr von Nutzen für das Gelingen einer Sache sein kann. Um nur eins anzuführen, kann man einen Erfahrungsaustausch über die Frage herbeiführen: Welches ist die geeignetste Art, eine Beschenkung Bedürftiger vorzunehmen, ohne daß sich dieselben in irgendeiner Weise dadurch beschämt fühlen? und es würde gewiß für manchen Neuling in der Wohlfahrtsarbeit von Nutzen sein, Erfahrungen, welche andere auf diesem Gebiete gemacht haben, sich zur Lehre zu nehmen. Viele haben den Willen, zu helfen, doch manche erreichen unbewußt oft das Gegenteil, weil sie eine Sache nicht richtig anzufassen verstanden haben, und es ist daher ebenso notwendig, in der praktischen Arbeit darauf hinzuweisen, wie Wohlfahrtspflege nicht getrieben werden darf. Voraussetzung für die Betätigung in der sozialen Arbeit ist, daß sich nur solche Menschen damit befassen, welche den Sinn derselben verstehen und in geeigneter Weise wirken können. Mit Geld allein ist nicht immer geholfen, doch . mit dem Einsatz der Persönlichkeit ist manche wertvolle Hilfe schon geleistet worden. Die Verwirklichung des Gedankens der sozialen Mitarbeit sollte sich daher jeder Bund zur selbstverständlichen Pflicht machen, und die Erfüllung der uns gestellten sozialen Aufgabe wird nicht nur zum Segerr~der Hilfsbedürftgen, sondern auch zur Ehre unserer jüdischen Jugend gereichen. Dr. Lubinski hatte in Verbindung mit diesem Gedanken seine oben zitierte Schrift mit den Worten beendet, mit denen auch ich meine Ausführungen schließe: „Es besteht die Gefahr, daß wir vor der Schönheit des Gedankens — der Mitarbeit der Jugend in der Wohlfahrtspflege —. kapitulieren. Wir müssen den Ruck vorwärts machen, der immer dazu gehört, um etwas Neues in die Welt zu bringen. Wir müssen alle Schwierigkeiten sehen und doch handeln oder, wie es Dr. Baeck gesagt hat, „zu Ende denken und anfangen". *) Erschienen als Sonderdruck aus der Zedakah, Zeitschrift deT"jüdischen Wohlfahrtspflege, Aug. 1926. 5