Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 10 (1.10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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„Wie aber", so wird man da und dort fragen, „kommt der Verein Jüdischer Jugendvereine dazu, sich der Not unserer Zeit zuzuwenden und ihr abhelfen zu wollen?" Nun denn: seine Entwicklung treibt ihn geradezu gebieterisch an dieses Werk. Er ist mit seiner Mündigkeit zugleich — als Organisation — ins Stadium der Dynamik eingetreten. Hieß ihn bisher seine „Neutralität" unterschiedlichen jüdischen Menschen auf breitester Basis eine Stätte des Verweilens zur Selbstentfaltung des Einzelnen zu bieten, so heißt es jetzt, dem eingeborenen Bewegungsdrang junger Menschen Raum schaffen, mit ihnen ins Leben vorzustoßen und die zahllosen Einzelkräfte als gesammelte, junge, jüdische Kraft unserer Tage an den gewaltigen Aufgaben unserer Tage sich bewähren zu lassen. Versagen unsere Kräfte vor der Größe heutiger Not, so wird eine spätere Zeit uns doch den rechten Willen und Weg nachrühmen dürfen. Zur Technik der Heimabende von ÄPtur Hermanns. Düsseldorf Um irgendwelche Irrtümer zu vermeiden, ist es unbedingt notwendig, kurz auf den Unterschied zwischen Heimabend und Arbeitsgemeinschaft hinzuweisen, denn beide sind in ihrer Behandlung zu verschieden, als daß man von einer gleichen „Technik" reden dürfte. — Dieser Unterschied findet vor allem seine Begründung in dem gewählten Stoff und in der Zusammensetzung der Mitglieder. Es gibt eine Anzahl Stoffgebiete, die sich nur in Arbeitsgemeinschaften behandeln lassen. Zum Beispiel sind Philosophie, spezielle Fragen der Wirtschaft, jüdische Geschichte, Bibel und ähnliche Stoffkreise für Heimabende ungeeignet. Solche Stoffe, die bei einer eindringlichen systematischen Durcharbeitung einige Vorkenntnisse voraussetzen, sollte man nur in Arbeitsgemeinschaften behandeln. Eine natürliche Folge ist, daß hier der Kreis der Mitarbeiter bedeutend kleiner, aber auch interessierter ist als in den Heimabenden. In der Technik der Heimabende lassen sich vier Faktoren unterscheiden: 1. Stoff, 2. Leiter, 3. Referent, 4. Mitarbeiter. Jeder Faktor hat seine spezielle Aufgabe zu erfüllen. Der Stoff muß nach Möglichkeit so gewählt sein, daß er alle interessiert, jeder muß mit einer Frage zu den Abenden kommen, jeder muß das Gefühl haben, daß er an den hier zu behandelnden Fragen besonders interessiert ist; nur so sind die Voraussetzungen für eine produktive Mitarbeit gegeben.— Mit einem Wort, der Stoff muß das sein, was man gewöhnlich als aktuell oder lebendig zu charakterisieren pflegt, im Gegensatz zu dem Stoff der Arbeitsgemeinschaften, der von den Nichtteilnehmern sehr oft als trocken bezeichnet wird. Empfehlenswert ist es, einen möglichst großen Stoffkreis zu behandeln, der sehr viel Bewegungsfreiheit gestattet und von dem aus man nach den verschiedensten Seiten vorstoßen kann. Ich halte es nicht für ratsam, Stoffgebiete zu behandeln, die an einem Abend erschöpft werden können; man sollte vielmehr Zyklen bevorzugen, die mehrere Abende beanspruchen. Der auf diese Weise zu bearbeitende Stoff ist auf die verschiedenen Abende zu verteilen, wobei vor allem darauf zu achten wäre, daß Schluß des einen gleichzeitig Anfang und Grundlage für den nächsten Abend darstellt. Weitere Einzelheiten lassen sich hierzu nicht sagen; sie sind abhängig von dem jeweiligen Thema. Den gewählten Stoff erhält der Referent zur Bearbeitung. Ich möchte hier noch kurz einflechten, daß ich es für vorteilhafter halte, wenn Referent und Leiter nicht in einer Person vereinigt sind. Der Referent (Leiter) würde sich zu sehr ausgeben und könnte nur sehr schwer neue Linien und Gedanken in der Diskussion aufweisen; er würde immer wieder versuchen, alles in die Form seines Referats zu pressen, er stände nicht mehr über den Dingen, sondern mitten darin und dieser mangelnde Abstand läßt sehr oft, ich möchte sagen fast immer, den Abend nicht zu dem gewünschten erfolgreichen Ende bringen. Die Aufgabe des Referenten ist, durch das Referat zunächst einmal eine Diskussionsbasis zu schaffen. Das Referat, das nicht zu ausführlich zu sein braucht, 15 bis 20 Minuten* genügen, soll alle so mit dem Stoff bekannt machen, daß es jedem ermöglicht wird, dazu Stellung zu nehmen. Der Stoff soll nach vielen Seiten hin in Angriff genommen werden. Der Referent muß zunächst darauf bedacht sein, alles Abwegige aufzuweisen und als untauglich für die Fragestellung des Abends abzulehnen. Wenn durch die Herausstellung der Fragen und Probleme die Basis einer Diskussion geschaffen ist, hat der Referent seine Aufgabe erfüllt. Schlußwort oder ähnliches gibt es natürlich nicht. Es ist wohl für jeden selbstverständlich, daß die Besucher des Abends an einem Tisch oder im Kreise sitzen. Jetzt beginnt die Arbeit des Heimabendleiters. — Nehmen wir zunächst einmal an, das Referat sei schlecht oder falsch aufgefaßt. Der Leiter wird das nie betonen, weil er dadurch von vornherein den Abend zerstören würde, sondern er wird in „erklärenden" Worten das Gesagte zusammenfassen, aber so, daß die richtige Fragestellung für den Abend herausgeschält wird, oder er wird zunächst dem vom Referenten angezeigten Weg folgen, um bei der ersten Gelegenheit abzubiegen. Es kann aber sehr oft vorkommen, daß das Referat anders ausläuft, als der Leiter vorher annahm, trotzdem aber einen wertvollen Abend garantiert. Dann wird jeder richtige Führer, vernünftig genug sein, seine Absicht bis zu einer passenden Gelegenheit zurückzustellen oder auf ihre Ausführung zu verzichten. Noch eine kurze Zwischenbemerkung für den Führer. Ich kann nicht genug vor dem sogenannten Dilettieren warnen; d. h. der Heimabendleiter soll nicht zu dem Heimabend kommen mit dem Gdanken: „Na, ich brauch' mir das nicht so genau zu überlegen, ich werde schon nach dem Referat die Sache nach irgendeiner Seite hin wenden." Man kann sich darin allzu oft täuschen. Als nächstes heißt es dann, die Diskussion anregen. Das ist nicht schwierig, wenn sofort Fragen gestellt oder die Probleme von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Vielfach und leider oft ist es jedoch so, daß keiner den Mund auftut und jeder in ehrfürchtige«- Schweigen vor der offenbarten Weisheit verharrt. Dann muß man versuchen, durch Fragen die Diskussion in Fluß zu bringen. Ist man so weit, so heißt es aufpassen, die Diskussion, der man den größten Spielraum lassen soll, von Abwegen fernzuhalten. Für die Diskussion möchte ich noch kurz auf zwei Gefahren hinweisen. Es ist durchaus unrichtig, wenn der Führer jede Frage selbst beantwortet und dadurch ständig spricht, da es sich nämlich um einen Diskussions- und keinen Vortragsabend handelt. Aus demselben Grunde sollen nicht immei—die sogenannten Koryphäen, d. h. jene, die die anderen überragen, reden. Das Ziel des Abends soll nun nicht etwa Uniformierung oder Aufoktroyierung einer Meinung bedeuten, es sollen keine Resolutionen gefaßt werden und der Heimabend soll nicht aufhören mit den Worten: „Wir, die hier Versammelten, sind der Ansicht, daß . . .'* Nein! Jeder soll durch den Abend angeregt werden, an und in sich selbst weiterzuarbeiten, um zu einer festen Stellungnahme gegenüber diesen Fragen zu gelangen. Nun noch kurz die Aufgabe der Mitglieder. Verschiedenes ist darüber schon bei der Besprechung der Diskussion gesagt worden. Hervorzuheben ist noch folgendes: Man darf nicht ohne irgendwelche Vorbereitung in den Heimabend kommen, sondern es ist unbedingt notwendig, daß jeder sich schon vorher mit den Fragen vertraut gemacht hat. Jeder muß den Willen zur positiven Arbeit haben, jeder einzelne muß die Verantwortung fühlen, daß mit ihm der Heimabend steht und fällt. Deshalb die einfache und für viele schwierige Aufgabe, aufpassen, mitarbeiten, diskutieren. Man kann häufig beobachten, daß viele gern ihre Meinung äußern möchten, jedoch durch irgendwelche Hemmungen daran gehindert sind. Ich kann diesen Freunden nur immer wieder das eine sagen: Wir sind, hier in einem Freundeskreis, sind uns nicht fremd. Wir freuen 3