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Der Jugendbund · 1928-10-01 · 10 (1.10.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
10 (1.10.1928)
Date
1928-10-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Judenheit allzu bereiten Boden fand, und vom Abendland längst Besitz ergriff, als solche nicht bannen, auch wenn man die Gefährdung der religiösen Sphäre durch „die Vernunft" erkannt hat. Aber die jüdische Jugend muß sich darüber restlos klar sein, daß mit der jüdischen Religiosität die stärkste Wurzel jüdischen Seins wahrhaft „vom Wurm der Zeit" angenagt ist. Wie der erneuerte jüdische Mensch dieser „Krankheit" begegnen kann,"— dies gerade soll eine der wesentlichen Sorgen und Mühen des nächsten Winters in unseren Bünden sein. Hier soll darum nur noch gesagt werden, daß es vor allem gilt, sich ebenso weit von trotzigem Negativismus wie von überlegenem Krampf fernzuhalten, und 'daß der Einzelne wie der Bund der Einzelnen, die wahre Gemeinschaft, sich bei aller Sachlichkeit vor der höheren, der sinngebenden Wirklichkeit nicht verschließen darf und sich so dem „religiösen Einschlag" offen .halte. Wird so der metaphysisch-religiösen Not des Innenmenschen mit neuen Versuchen Rechnung zu tragen sein, so wird sich gerade jüdische Eigenart auch vor der NotdesGeistesan und für sich nicht länger verschließen dürfen. Eine falsche Auffassung von „Sachlichkeit" hat im Verein mit einer Ueberwertung des Körperlichen, wie sie sich im Sportgetriebe zeigt, den Geist als gestaltendes Weltprinzip in drangvolle Lage versetzt. Ohne daß die Entthronung des kühlen „Intellektualismus" beklagt werden soll, ist nicht zu übersehen, daß nach jüdischer Auflassung vom Sinn der Well, der sich die Besten der V "lker anschlössen, — „die Welt vergeht", wenn sie weiterhin * an die Stelle des wesenhaften Prinzips, eben des Geistes, die ,.Kraft und Macht" setzt. Jüdische Jugend wird also, will sie sich nicht selbst aufgeben, hier im eigenen Lager und draußen auf der Hut sein müssen. Sie ist, ohne Selbstüberhebung, berufener Bürge für die bewahrende Macht des Geistes. Man wird ihr aber diese Rolle nicht verstatten und in den innersten Beweggründen mit Recht falschdeuten, wenn sie {länger an der wohl am meisten in die Augen springenden Not im sozialen und wirtschaftlichen Bereiche blind wirbeigeht. Das soziale und wirtschaftliche Problem dürfte mit jedem Monat mehr zur zentralen Angelegenheit des Völkerlebens werden. Steht doch der Streik in der deutschen Herrenkonfektion nicht minder in ihrem Zeichen wie die Spannung zwischen Weißen und Schwarzen in Amerika, die Noncoöperation-Bewegung Gandhis in Indien, wie der Gegensatz zwischen England und Aegypten, der Antisemitismus ebenso wie der Bolschewismus. Der Mensch aller Schichten, Kassen und Völker erwacht mit jedem Tage mehr zum Bewußtsein seines Eigenwertes, und keine Gruppe mag länger (Vorurteile der Zurücksetzungen dulden, ob diese nun aus dem ■ Dünkel des „Standes" oder des Besitzes geboren sind. „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und wär' er in Ketten geboren!" Die Judenheit fand sich bisher, kraft ihrer Geschichte der letzten 1000 Jahre, der sozial-wirtschaftlichen Spannung gegenüber in zwiespältiger Verfassung. „Sozial" sah sie sich innerhalb der Menschheitsfamilie an vielen Stellen unter die Zurückgedrängten, gering Geachteten versetzt, und gerade deshalb begehrte sie „wirtschaftlich" nach Besitz und wurde vielerorts zu Stützen des „kapitalistischen" Prinzips, da ihr in Zeiten höchster Not das Geld oft wenigstens das Leben gerettet hatte. Aber es darf wohl behauptet werden, daß die Stimme des alten, heiligen Judentums im Blute jedes bewußten Juden nach einer sozialen und wirtschaftlichen Ordnung im Sinne unbestechlicher Gerechtigkeit und ohne die furchtbare Polarität des blendenden Reichtums und düsterer Armut ruft. Nun, da die alten Maßstäbe zerschlagen -md, da man die letzte Entscheidung in dem Jahrtausende alten Kampf zwischen „Patriziern" und „Plebejern" vorbereitet, in blutiger Revolution, wenn man sich nicht zu raschen revolutionären Maßnahmen der Ent-spannung entschließen sollte, — nun muß die jüdische Jugend der Stimme ihres Judentums-Gewissens, eindeutige Folge geben. Das wird auch in den eigenen Reihen nicht ohne Kämpfe und starke Erschütterungen abgehen. Aber wir zweifeln nicht, daß sich die Besten und alle Zukunftsgewissen zu den Unterdrückten, zu den Empordrängenden, zum materiell und geistig ringenden Proletariat schlagen werden. Jüdische Jugend wird hier wieder spezifische Kraft bewähren können, wenn sie für die evolutionäre Entwicklung der Dinge sich stark macht. Denn der Evolutionismus ist, wie vielleicht am eindringlichsten in neuerer Zeit Achad Haam dargetan hat, bestes jüdisches Erbgüt, die Scheu vor dem Blutvergießen, dem Begleiter aller Revolutionen, liegt nun einmal dem Juden „im Blut". Jüdische Jugend wird in allernächster Zeit mit der Hinwendung zum sozial-wirtschaftlichen Problem ganzen Ernst machen können und müssen, indem sie die ganz konkrete Frage der furchtbaren „Not der Arbeitslosigkeit" anpackt. Diese Erscheinungsform der großen Not wird wohl uns allen, jung wie alt, im Winter gar viele Sorgen bereiten, ihre Inangriffnahme ist darum in der Tat Gebot der Stunde. Jüdische Jugend und die reife jüdische Generation werden auf diesem hochbedeutsamen Schaffensgebiete zweckmäßig zusammenarbeiten und sich uber das Wie ehestens verständigen müssen. Sollte sich die Judenheit und ihre Jugend voran an der Ueberwindung der sozialen und wirtschaftlichen Not nicht mit aller Kraft beteiligen, so wären auch alle zuvor erörterten Pläne gegen die religiöse und geistige Not vergebens. So wenig die Religion ausschließlich als Ergebnis materialistischer und soziologischer Vorgänge gedeutet werden darf, so gewiß darf der weit verbreitete Abfall in allen religiösen Lagern auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Momente bezogen werden. Die zu häufige Berufung der Herrschenden und Besitzenden auf die „Gottgewolltheit" ständischer Unterschiede und „Abhängigkeiten", das bei den verschiedenen „Konfessionen' beliebte, wenn auch nicht ausgesprochenermaßen verkündete „Bewährungs-Prinzip" trug nicht wenig dazu bei, die revolutionäre Gesinnung ins Bereich der Religion zu leiten. Daher ist die „soziale" Bewegung innerhalb der verschiedenen Glaubensgemeinschaften durchaus richtig, nur setzte sie reichlich spät ein und — ist bei uns Juden als große Bewegung leider noch am wenigsten bemerkbar. Auch die physische Not des Abendlandes, voran der abendländischen Juden, die sich bei Nennung des Begriffs „B e v ö 1 k e r u n g s p o 1 i l i k" anmeldet, wird mit etwas Aussicht auf Erfolg nur dann angegangen werden können, wenn man die überragende Bedeutung der sozialen und wirtschaftlichen Fragen für die nächste Zeit anerkennt. Lebt auch der jüdische Mensch „nicht für das Brot allein", so braucht er doch wie jeder andere das Brot zum Lebensunterhalte und dazu noch einiges, was jeder als Mindestmaß den Forderungen von Körper und Geist eines Kulturmenschen zugestehen muß. Haben die Menschen aus der Notdurft des Leibes Freude und Mut zum Leben eingebüßt — und das gilt heute für ungezählte aller Altersstufen —, so wird sie nichts verhindern, die Zahl des Nachwuchses auch weiterhin bewußt einzuschränken, die Eheschließung auch fernerhin hinauszuschieben oder ganz zu unterlassen. Die im Glauben ans Leben und seinen Wert Erschütterten werden Worte religiöser Prägung von sich weisen, und auch gegenüber den Forderungen der Gemeinschaft, des Volkes und seiner vitalen Interessen taub sein. Trotzdem soll man alle Kreise unserer Verbandsfreunde über die riesige Gefahr aufklären, die der deutschen Judenheit durch die seit Jahren anhaltende „Unterbilanz" im jüdischen Menschenbestande droht. Es wird der Selbstsicherheit jüdischer Jugend auch nur dienlich sein, wenn man sie gegen die immer noch dräuende grauenhafte Not des Krieges aufruft und zu diesem Behufe Arbeitsgemeinschaften um das Thema „Wege zum Frieden" anregt. Aber wiederum darf dabei nicht übersehen werden, daß neben dem überhitzten Chauvinismus wilder Nationalisten die unstillbare Besitzgier vieler Besitzenden, auch ländergieriger Staaten, immer wieder Anlaß zu Kriegen schaffen kann. Darum gilt auch hier für die Praxis das beherrschende Gebot: die gesellschaftliche, wirtschaftliche und damit zugleich seelische Struktur der großen und kleinen Völker, Reiche und Gruppen zu wandeln und für das Reich dauernden Friedens reif zu machen. 2

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