Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 9 (1.9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Das Abenteuerliche. Der weg der Jüngeren zur Bibel von Joachim Prinz. Berlin .laakob erwachte aus seinem Schlaf und sprach: «, Wahrlich, Gegenwärtig ist ER an dieser Stätte und ich wußte es nicht! Er erschauerte und spräche: Wie schauer voll ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als ein Haus Gottes, Und hier ist die Pforte des Himmels. (Das Buch Im Anfang, Kap. 28, 16—17.) Das „Schauerliche", das „Gruselige" ist erst vor nicht allzu langer Zeit in den Kreis religionspsychologischer Erörterungen gezogen worden. Erst Otto hat aufzeigen können, wie stark alles irrational begründete Erschauern und Sich-Fürchten auch religiös ausgewertet werden kann. Er hat gezeigt, wie in allen echt religiösen Vorstellungen Begriffe des Gruseligen eine Rolle spielen, ja, wie alle ursprüngliche, ungedeutete und ungebrochene Religiosität zurückgeht auf das Gefühl des Jaakob, der vor seinem Gotte erschauert. In der Tat sind gerade unsere religiösen Kindheitserinnerungen solche Erinnerungen des Schauderns: der dunkle stille Raum der Synagoge oder einer Kirche, den wir klopfenden Herzens gesehen haben. Jede Sekunde haben wir darauf gewartet, daß „es" jetzt aus der Stille treten müßte. „Es": ein unbestimmtes, gruseliges, abenteuerliches „Es". Auch die frühen Gottesdiensterinnerungen des Kindes sind solche Erinnerungen des Gruseligen. Des Unbekannten. Des Unbehannten. Des Verhüllten, Geheimnisvollen. Die rationalistische Epoche, in der wir uns noch immer (wir, d. h. die europäische Kultur) befinden, hat all diese Gefühle erstickt. Sie hat Licht und Klarheit gebracht. Aber sie hat dieses Licht und diese Klarheit auch dorthin gebracht, wo dem Begriffe nach eine so'che rationale Klarheit nicht am Platze ist. So ist auch die Bibeldeutung, die von diesen rationalistischen Strömungen ausging und beeinflußt wurde, eine Umdeutung des Wunderhaften, des Geheimnisvollen in Vernünftigkeit in rationale Erklärbarkeit. .Man kann nicht sagen, daß durch diese rationalistische Deutung der ursprüngliche Sinn der Bibel deutlich wurde. Alle Bemühungen um die „naturwissenschaftliche" Fundierung der Bibel stellen sich als ein Unfug dar, der etwa dem Beginnen gleichkommt, den chemischen Gehalt der Farben zu untersuchen, aus denen Rembrandts „Bilder" bestehen und von hier aus auf ihren Sinn zu schließen. Der Einfluß der rationalistischen Bibelauffassung, die aus dem Wunder am Schilimeer die Wirkungen des Sturmes machten und aus den Flammen am Sinai die Wirkungen vulkanischer Kräfte, auf unsere Art, Bibel zu lehren, war traurig genug. Aus der Bibel der farbigen Erzählung wurde die Bibel der Morallehre und die Bibel des „artigen Kindes". Nichts kann so sehr den Sinn der Bibel verkennen, nichts verbaut eher dem Jugendlichen den Weg zur Bibel. Der Weg des Jugendlichen kann nie über das Lehrhafte gehen. Er geht über einen Wert, der in sich bereits starke religiöse Kräfte trägt, ein Wert, der mehr als mancher andere imstande ist; die Bibel nahezubringen: über das Abenteuerliche. Es ist schon eingangs gesagt worden, wie stark der Begriff des Gruseins, der auch gleichzeitig ein konstanter' Faktor jugendlicher Psyche ist, in die religiöse Sphäre hineinragt.' Es gilt, die Bibel aufzuspüren und zu zeigen, wo wir solche Beziehungen zum Abenteuerlichen finden und wie erreicht werden kann, daß dieses Abenteuerliche in unserer Bihelcrzichun'4 nutzbar gemacht werden kann. Ist denn die Bibel überhaupt ein abenteuerliches Buch? Sicherlich ist sie das, wenn sie nicht genommen wird als die Ausgeburt eines kleinlichen Oberlebrergehirns, sondern wenn sie genommen wird als die gewaltige Schöpfung sehr großer Phantasie. Die großen Abenteurer der Bibel stehen vor jedem, der diese herrlichen Geschichten gelesen hat, ganz deutlich und klar. Simson ist ein solcher großer, ungeschlachter Aben- * I teurer, ein mächtiger, blonder Riese, der auf dem Felde herumgeht und Löwen zerreißt, der sich eine Frau erkämpft, Feinde mit Eselskinnbacken schlägt, eine große, wirklich abenteuerliche Gestalt. — Jephta, der ausgestoßen worden ist, weitab vom Dorfe wohnt und eines Tags, da er gerufen wird, gegen den Feind zieht, ist ein solcher abenteuerlicher Mensch der Bibel. Der grausame Nabal, der dem David und seinen Hirten das Zelt verweigert, ist ein abenteuerlicher, wilder, grober Beduine. Gideon, ja überhaupt fast alle Gestalten dej- Richterzeit, sind voll von abenteuerlichem Geiste. Ziellose, Umherirrende. -Menschen ohne festen Boden, Menschen ohne die Sehnsucht nach Sicherheit. Menschen, die die Leidenschaft treibt, zu wandern, zu raufen, zu tun, was ihnen beliebt. In den jungen Jahren ist auch David ein solcher abenteuerlicher Held. Voll dieses Wandertriebes des abenteuerlichen Menschen. Der David, der mit der Herde draußen auf der Weide ist und Bären jagt. Der David, der dem Riesen Goliath entgegentritt, und der David, der die lange abenteuerliche Heldenreise durch die Wüste macht. Ein Abenteurer von echtem Schlag. Auch Absalom, der die Leute am Tor abfängt und sie für sich gewinnen will, der das Heer zusammenrottet gegen seinen Vater, und der den grausigen Tod findet. Auch er ist von echtem, abenteuerlichem Geiste erfüllt. Diese Gestalten lebendig zu machen, nicht trocken, wie es in der Schule geschieht, nicht moralisierend, nicht so fürchterlich eng, nicht dauernd mit dem erhobenen Zeigefinger — das ist eine Aufgabe, die in unseren Jugendbünden geleistet werden müßte und auch geleistet werden kann. Aber noch in einem viel tieferen Sinne ist die Bibel ein Buch des Abenteuerlichen. Man braucht diesen Begriff nicht so eng zu fassen. In ihm sei hier auch miteinbegriffen jenes Geheimnisvolle und Schauerliche, das in dem Motto zu diesen Zeilen steht, und das uns so bezeichnend für alle oder wenigstens für einen großen Teil religiöser Phänomene zu sein scheint. In diesem Sinne ist die ganze r e 1 i g i ö s e W e 1 t der Bibel, die Welt des Wunderbaren, die Welt des Geheimnisvollen, die Welt, in der Meere sich spalten und die Sonne still steht, in diesem Betracht eine Welt des Abenteuers. Und es gilt, diese Welt, ihre Ereignisse und ihre Gestalten in ihrem ureigentlichen Sinne lebendig zu machen. Ich glaube, daß jeder dieser Versuche, der gerade in jugendlichen Kreisen gemacht werden müßte, sehr.bald zu einer völlig anderen und von einer wissenschaftlichen Exegese unterschiedenen Auffassung und Auslegung der Bibel kommen muß. Daß insbesondere von hier aus die übliche Bibelkritik eine neuerliche — und wie ich meine — eine viel fruchtbarere Widerlegung erfahren wird, als es bisher der Fall gewesen ist. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein Buch hinweisen, das eben erst erschienen ist, und das diese eben angedeutete Methode der außerwissenschaftlichen, d. h. religiösen Exegese einschlägt. Es ist das ein bei Georg Müller erschienenes Büchlein von Uriel Birnbaum, das die Gestalt Moses zeichnet und das ich nicht anstehe für eines der besten Bücher zur Einführung in den Geist'der Bibel zu halten. Ich möchte es gerade an dieser Stelle besonders dringend empfehlen, und ich möchte hoffen, daß es in unserer Winterarbeit eine besondere Rolle spielen wird. Vielleicht werde ich in einem anderen Zusammenhang noch einmal eingehender auf dieses Buch zu sprechen kommen. Das, was uns hier interessiert, ist, daß auch Uriel Birnbaum in seinem Buche jede wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Fundierung der Gestalt Moses ablehnt, daß für ihn diese Gestalt in einer Atmosphäre wächst, in der Wunder nichts anderes als Wunder sind, und in der das Geheimnisvolle, das Abenteuerliche zu Hause ist. Man hat mich um einen Aufsatz über das Thema „Wege zur Bibel" gebeten. Nun, ich glaube, das Abenteuerliche ist ein solcher Weg zur Bibel. Er ist nicht nur der Weg derer, die eine eigene und bestimmte religionsphilosophische Vorstellung von den religiösen Phänomen haben, sondern ich glaube auch, daß er den Weg unserer Jungen ist, die selber noch das Abenteuerliche und Geheimnisvolle spüren können, die selber noch gern hinausziehen, um das Gruseln zu erlernen.