Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 9 (1.9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Rab und der Exilarch Max Samuel in Frage kommen. Schon die Mischna, also ein Werk, das lediglich religös-praktischen Zwecken dienen will, fordert ausdrücklich, daß das Schuldbekenntnis von aufrichtiger Reue getragen sei. Bei gutzumachenden Verfehlungen muß ein tatsächliches Zeugnis abgelegt werden für den Ernst des Gesinnungswandels. Folgendes Zitat aus Joma 8, 9 ist dafür bezeichnend: „Sagt einer, ich will sündigen und umkehren, ich will sündigen und umkehren, so gibt man nichts auf seine Umkehr. Sagt er: Ich will sündigen und der Jomkippur deckt es zu, so deckt es der Jomkippur nicht zu. Sünden zwischen Mensch und Gott deckt der Jomkippur zu, Sünden zwischen Mensch und Mensch deckt er nur dann zu, wenn einer den anderen zufriedengestellt hat." Jaum hakippurim ist, wörtlich übersetzt, Tag der Bedeckung, In diesem Zusammenhang interessiert eine Psalmenstelle, der Anfang von Psalm 32. Dort heißt es: Heil dem, dessen Missetat fortgeschafft, dessen Sünde zugedeckt ist! Beide Arten der Sündentilgung, die dadurch erst eine vollständige wird, finden wir symbolisch in der Verwendung der Böcke des Versöhnungstages. Mit genauer Beibehaltung des Ausdrucks heißt es z. B. M. 16, 22, „und der Bock soll alle ihre Krümmungen in ein abgeschiedenes Land fortschaffe n", während der andere eben durch sein Blut, aber immer erst mit der wohlgefälligen Aufnahme Gottes, die Sünden zudeckt. Dieses Doppelte der Sündentilgung ist wohl zu beachten. Innerlich gesehen ist es der feste Wille zur Besserung, der erst die im Kultus gegebenen Erklärungen wirksam werden läßt. Zu reden wäre noch über das den Versöhnungstag eröffnende, vielumstrittene Kol-nidre-Gebet, dessen Sprache auf babylonischen Ursprung hinweist, aber gerade von den dortigen Autoritäten nachdrücklich für diesen Gebrauch zurückgewiesen wird. Da schon viel darüber geschrieben worden ist, beschränke ich mich darauf, das Urteil von Michael Friedländer anzuführen, welches er über den Sinn der mehr juridischen als liturgischen Formel ausspricht. („Die jüdische Religion", 324, Anm.) 'Die Erklärung betrifft die ganze Gemeinde und hat wahrscheinlich ihren Ursprung in der Sitte früherer Zeit. Leute, die an der Tätigkeit der Gemeinde nicht teilnehmen wollten oder der Gemeindeordnung sich nicht fügten, durch irgendeine Handlung das Gewissen ihrer Glaubensbrüder beunruhigten oder äußerlich das Judentum aufgaben, wurden exkommuniziert und von jeglicher Berührung mit ihren Glaubensbrüdern ausgeschlossen. Die in solcher Weise das Gesetz übertraten, Abarjanim, aber in der Synagoge zu beten wünschten, wurden zugelassen und jeder Widerspruch durch die feierliche Erklärung aufgehoben. Daß dies der ursprüngliche Zweck des Kol-nidre war, geht aus seiner Umrahmung hinlänglich hervor. Vorher geht folgende Ankündigung: „Im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde, mit Zustimmung des himmlischen und des irdischen Gerichtshofes, erklären wir, daß es erlaubt ist, mit denen zu beten, die Gesetzesübertreter waren." Dem Kol-nidre folgt der Vers: „Und verziehen soll werden der ganzen Gemeinde Israel und den Fremdlingen, die unter ihnen weilen; denn das ganze Volk war unwissend." Die Neigung zu prägnanter Aufreihung kurzer, inhaltvoller Sätze, die wir an den Bekenntnislisten wahrnehmen konnten, bekundet sich in der Bittreihe des Owinu malkenu, das während der zehn Bußtage morgens und nachmittags nach der Tefilla gesprochen wird. Wie beziehungsvoll schon die anaphorischen Einleitungsworte, hinweisend auf Gott, der als König sich erhebt vom „Thron der Gerechtigkeit" und sich als liebender Vater niederläßt auf den „Thron der Barmherzigkeit"! Es hält sich im großen ganzen an Gedanken, die in der vorauf-' gegangenen Tefilla ausgesprochen wurden. Man mag sich also dabei eine in knappe und eindringliche Bitten gekleidete, mit kräftiger Unterstreichung allerdings der in der Bußzeit naheliegenden Wünsche vorgetragene Wiederholung der Tefilla vorstellen. Die Grundform des Gebetes rührt her von R. Akiba (2. Jahrh. nach). Inhalt und Gruppierung waren aber sehr labil, und verhältnismäßig spät hat es erst die übliche, feststehende Form erhalten. Wege zur Bibel Dia neue Bibel des neuen menschen üon Dr. Franz Rosenzweig Mit besonderer Erlaubnis des Verfassers bringen wir diesen Ausschnitt aus der Schrift Franz Rosenzweigs: „Luther und die 'Schrift" < Lamb. Schneider, Berlin), der als Einführung in das Verständnis der Buber-Rosenzweigschen Bibelübersetzung gedacht ist. So sagt, wer das Positive zu sagen versucht, es heute auf eigene Verantwortung; mag es auch viele geben, die sein Bekenntnis mitsprechen können, — er sieht sie nicht, die Stimmen einen sich nicht im Chor. Trotzdem ist, was er zu sagen hat, wenn es nur Wort um Wort aus echter Erfahrung geschöpft ist, nicht „subjektiv"; und die Lieblingswissenschaft des modernen gelehrten Schiida, die mit scbildbürgerlichem Ernst das Fernrohr auseinandernimmt, weil sie hofft, darin die Sterne zu finden, die „Religionspsychologie", hat an ihm ihr Spiel verloren. Dieser Mensch ist kein Gläubiger, aber auch kein Ungläubiger. Er glaubt und er zweifelt. Er ist also nichts, aber er lebt. Genauer: er hat Glauben oder Unglauben nicht, sondern Glaube und Unglaube geschehen ihm. Ihm liegt nichts ob, als dem Geschehen nicht davonzulaufen, und wenn es geschehen ist, ihm zu gehorchen. Das klingt beides, solange man weit vom Schuß ist, wie nichts; es ist aber so schwer, daß wohl keiner lebt, der es immer, — nein, wohl keiner, der es mehr als seltene gezählte Male fertiggebracht hat. Wer so lebt, kann an die Bibel nur herantreten mit einer Bereitschaft zum Glauben und Unglauben, nicht mit einem umschreibbaren Glauben, den er in ihr bestätigt findet. Doch ist auch seine Bereitschaft unumschrieben, unbegrenzt. Ihm kann alles glaubhaft werden, auch das Unglaubenswürdige. Ihm ist nicht das Glaubenswürdige eingesprengt zwischen nicht Glaubens-, also doch Unglaubenswürdiges, wie Metalladern in Gestein, oder jenes mit diesem verbunden wie das Korn der Aehre mit ihrem „strohenen" Anteil; sondern wie ein Scheinwerfer für eine Weile ein Stück der Landschaft aus dem Dunkel heraushebt, dann wieder ein andres, dann abgeblendet wird, so erhellen diesem Menschen die Tage seines Lebens die Schrift und lassen ihn in ihren Menschlichkeiten heut hier und morgen da — und das Heut übernimmt keine Bürgschaft für ein Morgen — das mehr als Menschliche erkennen. Im Menschlichen selbst;, sie ist überall menschlich. Aber allerorten kann dieses Menschliche unter dem Lichtstrahl eines Lebenstages durchsichtig werden, derart, daß es diesem Menschen plötzlich in die eigene Herzmitte geschrieben ist und ihm das Göttliche im menschlich Geschriebenen für die Dauer dieses Herzschlages ebenso deutlich und gewiß ist wie eine Stimme, die er in diesem Augenblick in sein Herz rufend vernähme. Nicht afles in der Schrift gehört ihm, — heute nicht und nie. Aber er weiß, daß er allem gehört. Diese Bereitschaft, sie allein, ist, auf die Schrift gewendet, sein Glaube. Ist es nicht klar, daß auf dem Grunde solchen Glaubens die Schrift anders gelesen und also auch anders gemittelt werden muß, als Luther las und mittelte? Muß nicht jener Grund, der Luther veranlaßte, bisweilen der hebräischen Sprache Raum zu lassen und die deutsche Sprache auszuweiten, bis sie sich der hebräischen Worte gewohne, nämlich wo es um die „Lehre" und den „Trost unsres Gewissens" ging, muß nicht jener Grund uns, die wir nicht wissen, aus. welchem Wort die Lehre und der Trost fließen werden, und die glauben, daß die verborgenen Quellen der Lehre und des Trostes aus jedem Wort dieses Buchs einmal aufbrechen können, uns also zu einer neuen Ehrfurcht vor dem Wort beugen?, einer Ehrfurcht, die notwendig auch unser Lesen, unser Verstehen, und also unser Uebersetzen erneuern wird? 3