Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 9 (1.9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Tagungs-Tribüne „Nach Dresden" Allgemein ionischer Seist oder Semengesinnung Von man wiener Wiir hatten Dr. Wiener gebeten, auf eine Besprechung der Dresdner Tagung in den Agudas- Jisroel-Jugendblättern zu entgegnen. Dr. Wiener hat die Gelegenheit benutzt, über die Erwiderung hinaus den Sinn unserer Neutralität zu deuten. Wer auf weite Kreise wirken will, also in einem gewissen weiteren Sinne des Wortes als Politiker sich betätigt, muß die Gabe besitzen, hundertmal Gesagtes zum hundert und ersten Male wiederholen zu können, ohne ungeduldig zu werden oder gar Ekel zu empfinden. Diese Entschuldigung sei vorausgeschickt, wenn hier noch einmal versucht wird, kurz zu sagen, was unter der vielberufenen Neutralität des Verbandes der jüdischen .Tugendvereine zu verstehen ist. Anlaß zu dieser erneuten Darlegung gibt die Würdigung, welche die Dresdner Tagung in den Blättern, herausgegeben von der Landesorganisation Agudas-Jisrnel in Deutschland, gefunden hat. Der Kritiker hat vollkommen recht: Wenn unter solcher Neutralität nichts anderes begriffen wird als die ängstliche Scheu, zu den brennenden Problemen, religiöser, nationaler, kultureller, sozialer Art, Stellung zu nehmen, wenn also diese Neutralität die Negation ieder Position ist, dann kann auf solcher Plattform keine Jugend erzogen werden. Ja, wir gehen noch weiter und meinen, daß ein Judentum, das sich davor hütet, sich selber seinen Gehalt und die mit ihm gegebenen Lebensformen klarzumachen, jeden Sinn verloren hat. Was besagt aber in Wahrheit unsere Neutralität? Sie beruht in dem Glauben, daß es ein wurzelhaft Jüdisches gibt, zu dem man sich zu allererst bekennen kann, ja bekennen muß, bevor überhaupt der Sinn besonderer jüdischer Parteiung aufgehen kann. Dieses Bekenntnis zur jüdischen Wcltgemeinschaft mit ihren 15 Millionen Seelen zur Grundgestalt des jüdischen Geistes, wie sie in ihnen lebendig ist, das Erfülltsein von jüdischer Sorge und jüdischer Not. wo immer sie auf unsern Brüdern und Schwestern lasten, die lebendige Erinnerung an ein gemeinsames Schicksal in Vergangenheit und Gegenwart, die Hoffnung auf eine unverkümmerte Zukunft sich bewußt jüdisch empfindender Menschen, das Gefühl dafür, daß alle Nuancen, selbst alle schweren Differenzen in der Auffassung des Sinnes des Judentums nur die Manifestationen ein und derselben Größe sind, die Gewißheit der Verpflichtung, für Erhaltung und Erhöhung von Judentum und Judenheit zu arbeiten, das sollte keine Basis sein, die unsere Jugend gemeinsam betreten könnte? — Der Kritiker verwechselt offenkundig zwei Dinge miteinander, die Mannigfaltigkeit scharf gegeneinander gestellter Lebensanschauungen und die Organisation von Parteien und Gruppen, welche der Propagierung dieser differenten Anschauungen dienen. Wo die organisierte Partei, ihre Führer und Funktionäre das große Wort führen, da sieht es freilich so aus, als ob jenseits der Grenzen der Gruppe kein Heil sei, und je kleiner die Gruppe ist, je mehr sie sektenhaft sich verengt, um so stärker lebt in ihr das Bewußtsein, daß hier die ganze Wahrheit in ihrer allein echten Form gegeben sei, und daß draußen doch nichts anderes ist als die massa perditionis. Wir verstehen sehr wohl den- Anspruch gerade einer religiös-orthodoxen Gruppe, daß sie das Monopol der allein echten Lehre besitze. Im Wesen jeder Ueberzeugung und geschweige der religiösen Ueberzeugung liegt diese Exklusivität. Sofern aber solche notwendig betont exklusive Weltanschauung sich organisiert, verliert sie — wie uns scheint — sie mehr als jede andere — jedes Verständnis für primäre Forderungen einer großen Gemeinschaft, die leben will und leben muß. Der Verfasser hakt besonders bei der Forderung ein, daß die Einstellung des Verbandes das Bekenntnis zur Einheitsgemeindc verlange. Ja, das müssen wir verlangen; denn die Einheitsgemeinde ist der gemeindeverfassungspolitische Ausdruck des Judentums, das an sich als eine einheitliche Größe glaubt, die über alle Mannigfaltigkeit besonderer Ansichten hinweg sich die Kraft zu gemeinsamer nützlicher Arbeit für das Judentum zutraut. Der Verband zählt mit seinen 12 000 Mitgliedern die weitaus größte Schar organisierter jüdischer Jugendlicher. Mir liegt nichts ferner als rage de nombre. Aber vergessen wir doch nicht die Kehrseite der soziologischen Zustände, zumal im deutschen Judentum. Unsere Gruppen und Grüppchen sind zumeist ziffernmäßig so winzig, daß sie in ihrer Kleinheit den vorzüglichsten Nährboden für persönliche Velleitäten, für das Gegenteil von Sachlichkeit und Gesinnung der öffentlichen Arbeit abgehen. Ich sage das, ohne irgendeine bestimmte Denomination im Auge zu haben. Es hat nichts mit dem Judentum zu tun, sondern allein mit der traurigen Tatsache unsrer Verkümmerung. Die Angehörigen mannigfacher Sekten mögen sich mit ihrer geschlossenen Weltanschauung sehr wohl fühlen: die Kraft ihrer Propagandawirkung ist außerordentlich gering, ihr geistiges Fluidum -strahlt nur auf sie selbst zurück. Auch das mag sie, wie es im Charakter der Sekte liegt, eher mit Stolz als mit Niedergeschlagenheit erfüllen. Wer aber die ungeheure Gefahr sieht, die den geringzähligen westeuropäischen Judenschaften eben aus ihrer Winzigkeit erwächst, der wird alles dafür einsetzen, um wenigstens innerhalb ihrer Einheit, Gemeinschaft der Arbeit und letztsinnige Gemeinsamkeit in der Grundüberzeugung schaffen zu wollen. Unsere Neutralität ist das Gegenteil von Negation: sie ist im tiefsten Bejahung. Sie beiaht die jüdische Idee, wie wir sie eingangs skizziert haben. Sie glaubt an den einheitlichen Sinn eines Willens zum Judentum, selbst bei denjenigen, welche die Einheit der Gemeinde bekämpfen. Sie glaubt daran, daß aus jedwedem ehrlichen Bekenntnis zum Judentum die Kraft zu gemeinsamer Arbeit fließt. Sie will nicht Ueberzeugungen nivellieren und zu sehr billig so zu heißender Flachheit führen, sondern sie will Ueberzeugungen, auch diametral entgegengesetzte, ruhig gegeneinander sich äußern lassen, weil sie gewiß ist, daß die theoretische Mannigfaltigkeit durchaus nicht iedwede Gemeinschaft jüdischen Geistes zersprengt. Was heutzutage als eine pädagogische Selbstverständlichkeit hingestellt wird, daß gerade die Jugend nicht bloß theoretisch Partei nehmen solle, sondern daraus sofort die praktisch-organisatorischen Folgerungen zu ziehen habe, das ist — genau gesehen — erst eine Errungenschaft der Nachkriegszeit. Schreiber dieser Zeilen fühlt sich noch nicht so alt, um aus der guten alten Zeit seiner Jugend erzählen zu dürfen. Es ist vielleicht auch angebrachter, auf eine in Bälde bevorstehende Zeit hinzuweisen, als das Loblied vergangener Jahrzehnte zu singen. Ich meine: Wir Juden, so fortsch-rittsfreundHch wir angeblich sind, die wir aber tatsächlich gar zu oft den entscheidenden Stimmungen und Umstellungen des großen öffentlichen Lebens um einige Posttage nachhinken, scheinen wieder einmal zu verschlafen, daß da draußen außerhalb unserer Grenzen sich bereits ein Umschwung zu vollziehen beginnt. Es sieht doch so aus, als ob gerade in der Jugend die Organisationen, einstweilen noch bis an die Zähne gegeneinander bewaffnet, abzurüsten beginnen. Nicht die Ueberzeugungen werden kalt und stumpf: wohl aber beginnt man wieder Ohr und Seele dem zu erschließen, was der andere, der „Feind", zu sagen hat. Bei uns wird dies gemäß unserm in solchen Dingen konservativeren Charakter länger dauern. Vielleicht ist aber die Zeit nicht mehr fern,' da unsere „Neutralität" als dasjenige erkannt ist, was sie sein will, und als was sie sich trotz allem in unserm Verbände auch bewährt hat, als die tiefe, fruchtbare Mutter Erde jüdischen Fühlens, Denkens und Sorgens, als ein Zeichen des Bundes der Menschen, die an die Möglichkeit glauben, daß es Juden ohne ein bestimmtes Vorzeichen geben könne. Echo der Essener Führertagung Zum religiösen Problem von ndon Stern. Belsenkirchen Die Schriftleitung wird im Oktober auf diese Ausführungen antworten. Die Dresdener Tagung hatte allen, die es noch nicht glauben wollten, bewiesen, daß sich der VJJD. zu einem Verband 5