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Der Jugendbund · 1928-09-01 · 9 (1.9.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
9 (1.9.1928)
Date
1928-09-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Gottes Weltkönigtum und Weltrichfertum, Befleckung der Seele durch die Sund« und Erhebung durch göttliche Gnade, Einigung der Menschen zum Menschheitsbund und Schwinden des Bösen durch allgemeine Gotteserkenntnis. Die starke Betonung des aus der Verschalung des Rituellen und aus der Beziehung zum geschichtlichen Sonderfall herausgehobenen, schlechthin Sittlichen, mag es bewirken, daß auch Juden, denen das Verständnis für die religiöse Form und den Erlebniswert der Geschichtstatsache geschwunden ist, die Weihe dieser Tage nicht missen mögen. Kein nur halbwegs religiösem Empfinden Erschlossener kann sich der Macht entziehen, die hier durch den Zusammenfluß von Gefühlsströmen der ungehemmten, ihren Heimatinstinkten anheimgegebenen Seelen geschaffen wurde. Die hohen Feiertage sind einem doppelgipfligen Gebirgszug zu vergleichen. Roschhaschono und Jom-Kippur sind die Gipfel, den Anstieg bilden die Selichaustage mit ihren Frühgebetszeiten. Der Kammweg läuft über die zehn Bußtage hin. Die Gedehntheit der Zeit entspricht der Weite des Raumes, den gewissenhaftes Denken und denkendes Gewissen überschauen sollen. Die gesteckte Frist zur Ueberlegung und Selbstprüfung spricht für die Milde des göttlichen Richters. Die Institution des Neujahrsfestes und des Versöhnungstages gehen auf die Bibel zurück 2. B. M. 23,24—32). Doch wird dort nicht von Roschhaschono als dem Jahresanfang gesprochen, sondern bloß vom Tag des Posaunenschalls. In der Mischna. Traktat Roschhaschono. werden vier Jahresanfänge genannt. Danach beginnt das politische und Festjahr mit dem Nissan, das agrarische und soziale Jahr am L Tischri. Dortselbst trifft man auf die Bemerkung, daß an diesem Tag alle I.rdenwesen vor Gott vorüberziehen, damit für ein Jahr ihr Schicksal bestimmt werde, wie Lämmer durch eine Luke ihres Pferchs springen. Die Anschauung vom Gerichtstag wird durch d e lieberlieferung zurückgeführt auf den Vers 5. B. M. 11,12: ..Am Jahresanfang wird entschieden, was am Ende sein,wird." Recht frühzeitig findet sich schon der Gedanke, daß Roschhaschono den Geburtstag der Welt bedeutet. R. Elieser lehrt: Woraus ist zu schließen, daß die Welt im Tischri geschaffen wurde? In der Bibel heißt es: Es bringe die Erde Grün und "ammenhaltiges Gewächs hervor. Das kann sich nur auf den Tischri beziehen, in dem die Erde voll mit Pflanzen ist, die alle in Frucht und Samen stehen. Dies ist gleichzeitig die Periode des niedergehenden Frühregens, wie es heißt: und ein Nebel stieg auf von der Erde. » Das! auszeichnende Merkmal des Neujahrsfestes ist das Blasen des Schofars. In der Mischna ist die Rede von zwei Tönenrdie alternierend hervorgebracht wurden, einem einfachen^ gehaltenen, und einem gebrochenen, vibrierenden, dem in der Bibel genannten Teruo-Ton. Da indes über die Ausführung des letzteren Unklarheiten' bestanden, bestimmten die Rabbiner, daß dieser in doppelter Form vorgebracht werde, mit stärkeren oder schwächeren Schwingungen, so daß wir drei Ausführungsarten haben. R. Jesaja Horwitz (gest. er. 1630) berichtet, daß man es in der aschkenasischen Gemeinde zu Jerusalem für Pflicht gehalten habe, 100 „Signale" zu hören, die sich auf sechs Gruppen verteilten. In den ältesten Zeiten wurde im * eigentlichen Morgengebet, dem Schacharis, Schofar geblasen. Als es einmal zur Zeit der römischen Besetzung geschah, daß die Soldaten das Dröhnen des Schofars für Kriegsalarm hielten und mit den Waffen auf die Juden eindrangen, wurde das Blasen auf eine spätere Stunde des Vormittags verlegt. Die das Schofarblasen des Mussafgebetes einschließenden Gebete sind für das Fest charakteristisch und bringen gewissermaßen die Gedanken zum Ausdruck, -die im Hörer aufsteigen, wenn er des Hornes wimmernde und aufschreiende Laute vernimmt. Die Mittelparteien des dreigliedrigen Einschubs, thematisch aneinandergereihte Bibelstellen, bilden zweifellos den Grundbestand der schon zur Zeit der Mischna |cr. 200 n.) in den Gotteshäusern gebeteten Stücke, bekannt nach ihren Leitmotiven unter den Bezeichnungen Malchujaus, Sichraunaus und Schauforaus. Dem Inhalt nach bedeuten sie Huldigung und Anerkennung von Gottes Weltkönigtum, Stillung 2 der aufgewühlten Seele im Gedenken an Gottes verzeihende Liebe, Freiheit und Freude in Gott und Gottesgesetz, hervorgerufen durch den Weck- und Freiheitsruf des Widderhorns. Die später hinzugefügten, in schwungvoll-klarem Stil und durchsichtiger Gedankenführung abgefaßten Einleitungsstücke werden Rab (Anf. d. 3. Jahrh.) oder seiner Schule zugeschrieben. Der Genannte, der eigentlich Abba Areka hieß, hatte um die Einführung und Befestigung jüdischen Lebens in Babylonien unschätzbare Verdienste. Der Anfang der Abschnitte ist das bekannte Olenu-Gebet, das wegen seines bedeutsamen Inhaltes mit einer geringfügigen, durch Mißverständnis Andersgläubiger notwendigen Textauslassung in die tägliche Gebetsordnung übernommen wurde. Tritt in der kultischen Prägung des Neujahrsfestes der einzelne hervor, der sich über seine innere Stellung zu Gott und seinen sittlichen Weg klar zu werden hat, so wird am Versöhnungstag die Idee der Gemeinschaft der israelitischen Gesamtheit stark unterstrichen. Bei ihrer im Dienste Gottes täti- |gen Vertretung, der Priesterschaft, lag vor Zeiten die Hauptlast des Tages, während das Volk sich mehr zurückhielt, mehr fernher den Gang des Kultus verfolgte. Merkwürdigerweise wird die Begehung des Versöhnungstages in den geschichtlichen Stücken der Bibel kaum berührt. Auch die Propheten sprechen auffallend selten von ihm. Das macht, weil am heiligen, den Tempel voraussetzenden Dienst vorwiegend die Priesterschaft, vorab ihre Spitze, der Hohepriester, beteiligt war, und der Tag nicht solch belebende Note ins Volksleben trug, wie etwa die Wallfahrtsfeste. Die kultischen Bestimmungen sind weitläufig gegeben 2. B. M. cap. 16. Wir hören darin, daß der Hohepriester (nach rabbinischen Angaben viermal) das Allerheiligste betrat, das sonst jedermann und dem Hohepriester außer diesem Tag zu betreten untersagt war. Er trug dabei nicht seine kostbare Prunkkleidung, sondern schlichte Gewänder aus Leinen, und stellte Räucherwerk in den geheimen Raum, wo die Schwaden sich verzweigten, gleichsam als Schutz für den Priester, damit die Nähe des zwischen den Cherubim der Bundeslade thronenden Gottes ihn nicht verderbe.*) Am bekanntesten unter den Riten ist die Austreibung eines Bocks, des Sündenbocks, geworden. Von zwei gleichen Böcken wurde durch das Los einer für Gott, der andere für Asasel, einen Wüstendämon, bestimmt, die beide vom Volk gestellt waren. Während das für Gott bestimmte Tier im Tempel als Sühnopfer dargebracht wurde, wurde das andere durch einen Mann in die Wüste geführt, nachdem der Hohepriester durch Handauflegung symbolisch die Sünden des Volkes ihm auferlegt hatte. Die Mischna bringt ausführende Ergänzungen zu den einzelnen Handlungen, von denen zwei hervorgehoben zu werden verdienen. Die im Vorhof die Sühnehandlungen verfolgende Menge antwortete nach der jedesmaligen Handstützung auf die Opfertiere mit den Worten: „Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig", beim Bock des Asasel, nachdem ihre eigene Schuld ihm aufgeladen war, warf sie sich zur Erde, als sie den Hohepriester den wahren, uns unbekannten Gottesnamen aussprechen hörte. Das weiterhin Bemerkenswerte ist das dabei abgelegte Sündenbekenntnis, das im letzten Fall mit den Worten anhub: O Herr, gekrümmt, gefrevelt, gesündigt hat dein Volk, das Haus Israels. O Herr, bedecke doch die Krümmungen, die Frevel und Sünden, die dein Volk, das Haus Israels, begangen hat. Dieses Sühnegebet bildet die Grundlage für die heute in den Synagogen gesprochenen Bekenntnisse. Bei diesen handelt es sich um zwei Fassungen, die im wesentlichen aus dem 5. Jahrhundert stammen dürften. Die eine, kleinere, bringt in alphabetischer Folge, beginnend mit dem Ausdruck Oschamnu, eine allgemeine Aufzählung von Verfehlungen aller Art, während bei der zweiten, längeren, das Bestreben geltend ist, die Sünden nach ihrer Besonderheit zu charakterisieren. Mit diesen alphabetischen Sündenlisten sind mehrere kleinere Stücke derselben Art zusammengeschlossen, als deren Verfasser der bereits genannte *) Nach dem Verlust der Lade wurde die Räucherpfanne auf dem Schtiasteine niedergesetzt, jener noch heute in der Omarmoschee zu sehenden Felsspitze, die nach jüdischer Volksüberlieferung die Grundlage der Welt ist.

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