Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 9 (1.9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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D€P ,f^O€WBUNP miFfe"-unG€n oes vecBonoes D€p jüDiscHen juofenDV6Bein€ oeuTSCHLflnos 14. Jahrgang Düsseldorf, den 1. September 1928 Nummer 9 flllC riPIII Inhalt' »R°sch haschono", von Dr. Schorch-Hanranz Rosenzwcig und Joachim Prinz-Berlin. — Tagungs- HUO U6III lllliail. Görlitz. — Wege zur Bibel, von Dr. Fnover. — Das Werden der Hohen Feste, von Dr. M. Katten- Tribüne, von Max Wiener-Berlin. — Echo der Essener Tagu-ng, von Adolf Stern-Gelsenkirchon und M. Schnerb-Merzig. Berichte. — Das Süddeutsche Treffen, von/Hans Sternheim. — Junggruppen. — Feuilleton. — Individuelle Belehrung und Geselligkeit durch Briefwechsel, von Sally Ptaschnik-Frankfurt a. M. — Jüdische Heimerziehung, von Alfred Löhnber}>- Köln-Unna. — Bücherschau. — Aus dem Leben des Verbandes. — Spendenliste. — Anzeigen. „Rosch haschono" Von Dr. schorsch-Hannouer Daß man im Herbst des Jahres Feiertage hält, ist nicht verwunderlich. Der Landwirt, auf dessen Schultern die menschliche Gesellschaft ruht, hat den Jahreszyklus der Arbeit beendet. Die Ernte ist eingebracht. Was liegt näher als Feste, Dankfeste zu veranstalten! Und unsere Vorfahren waren Landwirte. Aber ist es nicht merkwürdig, daß man im Herbst, wenn die Sonne am Himmel hinabsteigt, das Jahr beginnt? Sollte man es nicht vielmehr im Frühling beginnen, wenn die Natur zu neuem Leben erwacht, wenn in den Menschen .die Hoffnung wieder aufsteigt: Jetzt wird alles gut? Wir Juden müssen doch ein pessimistisches Volk sein, da wir Roschhaschonoh in die Zeit des Absterbens der Natur verlegenl Oder ist es vielleicht doch kein Pessimismus? Könnte es vielleicht nicht auch ein Zeugnis sein für einen tieferen Blick in die Grundlagen des Lebens? Für jeden jungen Menschen kommt einmal der Zeitpunkt, in dem er leuchtenden Auges denkt: Ich weiß, woran die Welt krankt; ich weiß, wie sie glücklich werden kann; mit mir fängt eine neue Epoche an! Aber je weiter man fortschreitet, je mehr man in das werktätige Leben selbst eintreten muß, um so mehr versiegt jener hochfliegende Glaube. Und wer noch nicht alle Ideale verloren hat, der begnügt sich damit, sein eigenes Leben nach ihnen zu gestalten. Auch das ist unendlich schwer. Und wenn man dann endlich den Weg zur eigenen Lebensgestaltung klar sieht, da bemerkt man vielleicht mit Schrecken, daß die Bahn des Lebens schon abwärts steigt. Wie oft schon hat sich menschlichem Munde der sehnsüchtige Ruf entrungen: O, jetzt möchte ich mein Leben noch einmal beginnen dürfen! Jetzt wüßte ich, wie es zu gestalten wäre! Das ist Roschhaschonoh im Herbste des Lebens. Es ist keine Kunst, das Leben hoffnungsfreudig und kraftgeschwellt zu beginnen. Aber gewinnt nicht der den Lauf, der die Kraft für den Endspurt aufgespart hat? Das also sagt uns Roschhaschonoh im Herbst: Für jeden wird vielleicht die Erleuchtung des Lebens in den Lebensherbst fallen. Dann aber lasse nicht die Flügel müde hängen, sondern beginne dein Leben von neuem! Feiere Roschhaschonoh, Jahresbeginn, auch wenn du glaubst, daß es zu spät sei! Was aber sagt Roschhaschonoh der Jugend? S i e will ja ein neues Leben beginnen, s i e will ja ein« neue Zeit herbeiführen. Aber glauben wir einmal den Aelteren, den Erfahrenem — es ist auch eine Kunst, glauben zu können: Es wird niemandem die Zeit der Erschlaffung erspart bleiben. Darum nehmt euch vor, euch die Kraft zum Beginnen zu bewahren für die Zeit, da ihr den Jahren nach nicht mehr zur Jugend zählen werdet! Rettet eure Jugendkraft hinüber über die Ermüdung für den Roschhaschonoh eures Lebens, auch wenn er erst in dessen Herbst fallen wird! Vielleicht wird man dann zur Einsicht gelangen, daß Jugend etwas ist, was gar nicht mit den Jahren zusammenhängt; daß Jugend vielmehr die herrliche Kraft ist, beginnen zu können; daß sie die Kunst ist, die uns Roschhaschonoh lehren will, jederzeit sein Leben prüfen und neu gestalten zu können, auch wenn die Erkenntnis erst im Lebensherbst aufflammt. Roschhaschonoh also, das wir Juden im Herbst feiern, das ein Fest der absinkenden Kraft, ein Fest des Alterns zu sein scheint, ist in Wirklichkeit ein Fest wahrer Jugend. Nicht der Jugend, die wie ein Füllen um sich schlägt und später ein müdes Stallpferd wird, die das freudig-ernste Fest des Beginnens feiert, wenn andere vor der herannahenden Winterkälte sich müde zurückziehen, das Fest der Jugend, die weiß, daß sie Verkünderin eines fernen Menschheitsfrühlings ist, der kommen wird,' auch wenn andere verzweifeln. Roschhaschonoh also ist das Fest alter Weisheit und Jugendlicher Kraft zugleich. Roschhaschonoh ist ein Fest des Volkes das — uralt — ewig jung bleibt. Das Worden der Hohen Feste Von Rabbiner Dr. M. Hatten. Görlitz Die hohen Feiertage sind reine Schöpfungen der religiösen Sehnsucht, -womit gesagt sein soll, daß sie nicht auf einer Tatsache der Geschichte oder der Natur aufgebaut sind. Sie haben sich selbst zum Sinn. 'Alles Gelegentliche, sei es historisch-religiöser oder natureller Art, fällt bei ihnen fort. Hinter manchen jüdischen Festen, zumal solchen, die an den Naturlauf sich anschließen, vermutet man Entlehnungen. Hier wird nichts Vorgefundenes aufgegriffen und nach der besonderen Form der jüdischen Religiosität umgepreßt. Sondern diese selber, befreit von aller Gebundenheit des Zufalls, erscheint in ihrer wirkenden Ursprünglichkeit und darf, sich selber gebend, dem klaren Drang ihres Wesens folgen. Die Gedanken der hohen Feiertage sind auf Universalität abgestimmt. Die Kraft der Seele wird nicht, weil der Anlaß von außen fehlt, auf einen Punkt im Raum-Zeit-System abgelenkt. Die Seele umkreist vielmehr ihr eigenes Wesen und sucht sich aufs neue zu orientieren inmitten der Mächte, die Stand und ihre individuelle Beschaffenheit bestimmen. Indem das Jüdisch-Spezielle sich einsenkt und auflöst im Religiös- Allgemeinen, stellen sich Gedanken zur Betrachtung, wie »