Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 7 (1.7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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gegen jede Phraseologie und Ideologiesierei um ihrer selbst willen, wie sie heute so beliebt geworden sind — Unarten, dre wir uns mit löblichem Erfolg bei unserer Umwelt abgeguckt haben! —, beruht mein Gedankengang auf geradezu laienhaft einfachen, aber wirklichkeitsnahen Gedankenfolgen. Zweck unseres Schaffens ist die Erhaltung des deutschen Judentums durch die Erziehung aller, auch der bereits indifferent gewordenen jungen Juden zu bewußten Juden. Tatsachen, mit denen wir rechnen müssen, sind die Zerfallerscheinungen im deutschen Judentum, als da sind: Bevölkerungspolitischer Untergang, rein naturliches Aussterben infolge niedriger Geburtenziffern, Einkindersystem, Austritt, Mischehe (Teilhaber, Hanauer); wirtschaftlicher und sozialer Niedergang infolge der Konzentrations- und Rationalisierungsbestrebungen in der deutschen Wirtschaft und der durch die Abneigung gegen jüdische Angestellte in Großindustrie, Großhandel, Großfinanz bedingten Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung und ihrer Hinweisung auf die öffentliche und private Wohlfahrtspflege in immer größerem Maße; innerpolitische Atomisierung durch innerjüdische Verhetzung (Fall Duisburg, Gotha usw. usw.) und dadurch bedingtes, schon längst erfolgtes Aufhören einer jüdischen Gemeinschaft. Hier aber liegt der Hebel, wo unsere Aufbauarbeit einsetzen muß. Das ist Tatsache, an der nicht zu rütteln ist: Eine jüdische Gemeinschaft, die von einer jüdischen Lebens-, Welt-, und was das wichtigste ist, Zukunfts-Auffassung getragen ist. gibt es in Deutschland nicht mehr. Es gibt wohl mancherlei Gemeinsames, das uns aber eben nur noch verschwommene Vorstellungen von einer in der Vergangenheit einmal gewesenen Gemeinschaft vermittelt. Was uns überkommen und geblieben von vergangener Herrlichkeit ist, das ist der Glaube an einen jüdischen Geist, an einen einheitlichen Körper des jüdischen Volkes, der Wille, Zelle zur Bildung eines einheitlichen Judentums zu sein (Wiener), ist die Sehnsucht vieler verantwortungsbewußter Menschen unserer Tage nach Frieden und Gemeinschaft (Hahn). Glaube und Wille und Sehnsucht: tatsächlich, wenn das nicht die Symptome moralischen Massenimpulses (Grünewald) sind, so wüßte ich nicht, was sonst. Uns aber, den Menschen des neütralen Jugendverbandes, wach ,: kraft seiner Vergangenheit und Zusammensetzung die Aufgabe zu, diese Impulse in Tat umzusetzen, der Gemeinschaft, die unverloren ging, nicht nur nachzutrauern, sondern sie, den Glauben und den Willen und die Sehnsucht der vielen Menschen unserer Zeit und unserer Generation nutzend, erneuern, neu zu schaffen. Wie nun schafft man Gemeinschaft? Man schafft sie, jüdischem Wesen getreu, durch ein Leben von innen nach außen, durch Verwirklichung einer Gesinnung (Wiener). Man schafft neue jüdische Gemeinschaft, indem man eine Masse von jungen Menschen mit einer Stoßtrupp-Gesinnung durchglühen läßt, eben mit einer Gesinnung, die das heiße, sehnsüchtige Wollen nach neuer gesamtjüdischer Gemeinschaft einfach ist. Es ist ganz gut, weniger von Idee zu sprechen und viel mehr immer wieder das zu sagen, was man in sich trägt (Herz). Man soll die Idee zur Sache, die Ideologie zur Gesinnung „vereinfachen". Was aber soll unsere Gesinnung, die dem Verbändeeigen tümlichc, Gemeinschaft bildende, schöpferische Gesinnung sei •' Sie soll gesamtjüdischc Gesinnung sein. Das ist natürlich mehr, als das bloße Gefühl von der hesamtjüdischen Idee [ie Jonge). Es ist ' die Verwirklichung des Einheitsgedankc. s (Hahn) in jedem Einzelnen. Es ist nicht das Gefühl von der Notwendigkeit der Gemeinschaft allein und es ist auch nicht die Erkenntnis von dieser Notwendigkeit allein, es ist beides zusammen: es ist das Autnehmen dieser Gedankengänge in unser Fleisch und Blut, ist die gewollte, die gewollte Einlagerung in unser tiefstes Bewußtsein: daß das, was uns eint, edler ist als was uns trennt (Werbenummer 1927); daß jeder jüdiche Mensch zuerst ein Nichts-als-Jude, und dann erst lange danach Parteimensch ist, daß Parteien notwendige Dinge des Tages, der Gegenwart, der Stunde, also menschliche, vergängliche Dinge sind, daß aber das Judentum ewig, göttlich, unvergänglich ist; daß die unbeschränkte Herrschaft der Parteien zu jenem Zerfall und lawinengleichen Untergang geführt haben, und daß nur die Erneuerung heule vernichteter, aber so unert hört dringend notwendiger Gemeinschaft üns retten kann. Und daß Gemeinschaft bildende Gesinnung unsere Aufgabe ist. Hier genügt es, die Zielrichtung zu weisen. Das letzte Ziel, die Zeiten des Moschiach, sind uns verborgen. In die Verborgenheit ist die Gottesherrlichkeit gebannt, sagt Buber. Uns ist aufgegeben: Die Wege einzuschlagen, die der Forderung und der Sehnsucht unserer Zeit gleicherweise entsprechen; hinausragen über das heutige Parteiunwesen, aufnehmen das Notwendige aus der Institution der Partei, aber sie überwinden, indem wir den Blick, den Willen und die Kraft aufs Gesamtjüdische wenden: gesamtjüdische Gesinnung schaffen. — ' m. Bleibt noch ein Wort zur Methodik. Wir haben in Dresden erneut die kontinuierliche Erziehung der jungen Menschen von der jüngsten Schulzeit an (Felscnthal) betont; diese Forderung ist nichts Neues. Wir haben, sicherlich glücklicherweise, nicht die Möglichkeit einer einheitlichen Erziehungs m e t h o d e. Es gibt für uns somit weder Möglichkeit, noch Notwendigkeit zu einem einheitlichen Erziehungsprogramm. Das ist in Dresden ebenso klar zum Ausdruck gebracht worden (Friedberg, Meyrowitz, Herz, ich selbst), wie die Illusionistik der Forderung nach den drei Kreisen, jenes Ordens- oder Ausleseprinzips, an dem die ganze Jugendbewegung kaputt ging, das unserem Massenprinzip so völlig widerspricht. Etwas anderes aber soll hier gesagt werden. Für Menschen im vorjugendlichen Alter gilt es zu Recht, daß die rein-menschlichen, die persönlichen Bindungen die Gemeinschaft, die Gemeinschaft der Junggruppen wohJ_bemerkt, schaffen werden (Raphael), denn diese AltersjKTie ist vornehmlich durch gefühlsmäßige Momente beeindruckbar. Was aber den jugendlichen Menschen, den des Altersgrades unserer Bünde und Vereine, anbelangt, so kann man ihn auf die Dauer, auf die Dauer, nur mit verstanaesmäßigen Ueberlegungcn beeinflussen. Soll unser Wirken von Erfolg gekrönt sein, müssen wir unsere Menschen auf längere Zeit bei uns fesseln können. Lediglich menschliche Beziehungen verflachen mit der Zeit, sind vergänglich. Man muß über die Ich-Du-Beziehung (Buber) hinaus — und zu einer Ich-Es-Beziehung kommen. Die Aufgabe, die Schaffung Gemeinschaft bildender Gesinnung, die Sache, wenn ihr so wollt, allein kann dauerhaft seirrn In zwei Referaten, die ich in Karlsruhe und Rastatt vor/ wenigen Wochen hielt, ist dem von mir geforderten Gesinnungsmenschen der Chaluz entgegengestellt worden. Zwei ganz verschiedene Verbandsfreunde machten diesen Vergleich, den ich damals zu Unrecht, wie es mir heute scheint, ablehnte. Denn heute glaube ich, daß es genau dasselbe ist, was ich kurz vor Dresden so formulierte: wir müssen Besessene sein! Besessen aber kann man nie von Menschen oder Personen sein, besessen kann man von einer Sache, einer Aufgabe sein. Besessen war der Chaluz, und darin lag seine Stärke. Gesinnung war seine Stärke, Durchdrungenheit vom Ewigkeitscharakter seines Wirkens! Wenn wir wollen, können wir dasselbe erreichen. Darum heißt es: In der Arbeit der Junggruppen gefühlsmäßige Bas'is, menschliche Bindungen verwirklichen. In der Arbeit der Vereine und des Verbandes sachliche Bindungen, I ch-Es-Bezichung von dauernder Kraft schaffen. Schließlich heißt das letztere zu tun, nicht, das ersterc zu lassen! Aber man muß bereit sein und Bereiter sein! Ernst Holzer. * * Grone und Kleine sorgen in und um Dresden Unsere Dresdener Tagung hat gezeigt, daß Kritik und Opposition in den Reihen unserer Verbandsfreunde nicht unbekannte Begriffe sind. Und das ist gut so. Die rasche und blühende Entwicklung, die der Verband in den letzten zwei Jahren genommen hat, hat die Mitglieder nicht blind gemacht gegen die Fehler und Mängel, die sich bei einer so 5