Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 7 (1.7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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oder gar volksabstimmungsmäßig gelöst werden können. Aber unsere Jugend darf vor der Schwere dieses Problems nicht auf die Dauer zurückschrecken. Die Fragen und Zweifel müssen ausgesprochen werden, soll ihre Verdrängung nicht großen Schaden in unserem Innern anrichten. Das Fragen war bei uns Juden noch immer das Vorrecht der Jugend. Wenn die Essener Tagung Fragen. Fragen nach dem Sinn der Religion, in uns wachgerufen hat, so war ihr Erfolg nicht gering. Die Antwort werden wir zu suchen haben in aufrichtiger und ehrlicher Aussprache. Im nächsten Heft des „.lugendbund" soll bereits damit begonnen werden. Je mehr sich von uns ernsthaft an diesem Gespräch beteiligen, desto fruchtbarer wird sich das in Essen zur Debatte gestellte religiöse Problem in unseren Bünden auswirken können. Jüdische Gedanken über Mahatma Gandhi von Rabbiner Dr. Felix Aber. Bremen (Schluß) Und schließlich ist es eine gewisse Analogie der Verhältnisse zu Problemen, die das heutige Judentum bewegen, die vielfach nachgewiesen werden kann. Nur ein Punkt sei herausgegriffen. Ein wesentlicher Punkt des politischen Programmes des großen Inders ist die Verständigung der Hindu und Mohammedaner Indiens. Man legte Gandhi nahe, durch Förderung der Mischehe und Aufgabe der Speisegesetze, die Hindu von Mohammedanern zu trennen, die Einigung zu beschleunigen. Auch uns deutschen Juden ist dieses Allheilmittel oft genug empfohlen worden. Unter solchen Gesichtspunkten ist die Antwort ganz besonders von Interesse, die Gandhi erteilt hat: „Je mehr wir unsere Gelüste — betreffen sie das Essen oder das Heiraten, im Zaum halten, um so besser werden wir in ■religiöser Beziehung. Ich würde daran verzweifeln, freundschaftliche Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten, wenn ich jedem jungen Mann das Recht einräumen müßte, um die Hand meiner Tochter anzuhalten, oder es als nötig anzusehen, daß ich mich mit jedermann zu Tisch setze. Nie habe ich mich mit einem einzigen Mohammedaner oder Christen gezankt und doch habe ich jahrelang in mohammedanischen oder christlichen Häusern nichts als Früchte angenommen. Diese Zurückhaltung hat meine herzlichsten Beziehungen zu Mohammedanern oder Christen nie zu beeinträchtigen vermocht. Andererseits aber haben gemeinsame Mahlzeiten oder Mischehen noch nie Streit oder Schlimmeres verhütet. An anderer Stelle bemerkt er: „Die wahrre Schönheit det hindu-mohammedanischen Einigung liegt darin, daß sie. einander treu bleiben, auch wenn jeder seiner Religion treu bleibt." „Gegenseitige Duldung ist eine Notwendigkeit für alle Zeiten und alle Rassen." Diese Toleranz verbindet der gleiche Gandhi, der für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit Indiens sich einsetzt, mit einer vorbildlichen Kulturoffenheit. Zwar macht er die Einschränkung: „Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß eine Würdigung der fremden Kulturen die Würdigung der eigenen zur Voraussetzung hat." Aber zugleich bekennt er: „Die Kulturen aller Länder sollen mein Haus umwehen, keine aber soll mich von meinem Mutterboden losreißen." Denn: „Meine Religion ist kein Gefängnis, sie hat Raum für alle Kreaturen Gottes. Aber sie ist gefestigt gegen Anmaßung und gegen allen Stolz auf Rasse, Religion oder Farbe." Auch seine pädagogische Ueberzeugung hat den religiösen Grundton: „Welch erhabenes Erziehungsideal läge darin, daß Eltern und Schüler ihr religiöses Gefühl höher stellen als äußeres Wissen." So ist Indien in Gandhi eine Persönlichkeit erstanden, der alle Gebiete des Lebens mit dem Geiste der Religion durchdringen will, ein Herold der Humanität, der frei bekennt: „Der Patriotismus eines Menschen ist um so geringer, je lauer seine Menschlichkeit ist", ein priesterlicher Mensch, der die jüdischer Lebensauffassung recht benachbarte Lehre kündet: „Religion bedeutet nicht nur in den Tempel gehen oder ein Gebet verrichten. Es bedeutet Erkenntnis seiner selbst und Erkenntnis Gottes. Wie aber keiner Weber werden kann, er habe denn die Kunst des Webens zuvor gelernt, so wird es keinem gelingen, sich selbst zu erkennen, bis er gewissen Verpflichtungen nachlebt. Drei von diesen sind allgemein bindend: Die Wahrheit, die Liebe, die Selbstbeherrschung." II. Gandhi und Lord Reading. — Es ist eine Eigentümlichkeit des Schicksals gewesen, daß der Höhepunkt der Wirksamkeit Gandhis in eine Zeit fällt, in der die Herrschaft Englands durch einen Vifckönig repräsentiert wurde, der seiner Religion nach--Jude war. Es ist Sir Rufus Isaaks Lord Reading. Wohl war die Bekämpfung Gandhis eine Erbschaft, die der Vizekönig bereits von seinem Vorgänger LorJ Chelmsford, übernommen hatte. Es ist der Mann, der Gandhi gedroht hatte, daß er, wenn es bei Durchführung der Noncooperation zur Verweigerung der Steuern kommen würde. Indien in ein Schlachtfeld verwandeln würde. Doch unter der Residenzschaft von Lord Reading erreichte die von Gandhi erweckte Bewegung ihren Höhepunkt. In seine Amtszeit fällt der an den Prozeß des Sokrates erinnernde Prozeß von Shahi Bag, in dem der große indische Führer zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde. [Vor Ablauf der Strafe befreite ihn die Arbeiterregierung Macdonalds.) Es gibt wohl kaum auf der Welt ein Amt, das eine solche Machtfülle in sich schließt, als das Amt des Vizekönigs von Indien. Indem die englische Regierung dieses Amt einem Juden übertrug, bewies sie, daß sie selbst die höchsten Slaatsäfnter lediglich unter dem Gesichtspunkt der Eignung besetzt und in der Zugehörigkeit zum Judentum keinen Hindcrungsgrund erblickte. Und die jüdische Welt hatte recht, wenn sie vor Jahresfrist noch, als die Amtszeit von Lord Reading abgelaufen war, diese Tatsache freudig konstatierte. Lord Reading hat das von England in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt. Er war der tadellose hohe Staatsbeamte. Sein Judentum wa,r in die Privatsphäre verwiesen. Nichts deutet darauf hin, daß er sich auf die Elemente jüdischer Lebensanschauung besann, die ihn gelehrt hätten, Gandhi zu verstehen und ihm in anderer Weise zu begegnen als mit Polizeigcwalt. Es findet, sich .auch keine Zeile in den mir zugänglichen Schriften Gandhis, die auf die Zugehörigkeit des Vizekönigs zum Judentum hihweist. Und deshalb berührt es uns peinlich, daß ein Staatsbeamter jüdischer ReKgion der Mann war; gegen den Gandhi das Wort, richtete: „S. Ex. werden nach Beendigung des Konfliktes einsehen, daß es noch eine höhere InstariT gibt als die Gerichtshöfe -- das Gewissen!" Ein Jude mußte es sich sagen lassen: . Zwei Wege stehen dem Volk offen: der Weg des bewaffneten Widerstandes und der Weg der friedlichen Revolution. Die Noncooperationisten haben den Weg des Friedens gewählt, den Weg des freiwilligen Leidens. Es geht in diesem Kampfe ums Ganze, es ist die Auseinandersetzung zwischen dem Reich der Gewalt und der öffentlichen Meinung. Diejenigen, die auf der Seite der letzteren kämpfen, sind entschlossen, sich eher jeder Gewalt zu unterwerfen, als ihre Ueberzeugung zu verleugnen." Als im Perserreichc ein jüdisches Mädchen Esther zum Range der Königin erhoben wurde, sprach in kritischer Stunde Mordechai zu ihr. „Wer weiß, ob du nicht gerade um solcher Zeit willen zur Herrschaft gelangt bist!" Damals, als Lord Reading einem Gandhi gegenüberstand, hätte man sieb nicht allein der Tatsache freuen sollen, daß ein Jude im britischen Reiche es so weit gebracht habe, man hätte noch ein weiteres tun sollen, man hätte den Vizekönig daran erinnern sollen, daß die Ehre des Judentums in seine Hand gelegt sei, der Erweis, daß die Lehre des Judentums noch eine lebensgestaltende Kraft sei, die Lehre des Friedens, des Rechtes und der Wahrheit, die auf der anderen Seite von Gandhi verfochten wurde, auch die Augen des jüdischen Staatsmannes erleuchte und seine Schritte lenke. Niemand rief: „Wer weiß, ob du nicht grade zu solcher Zeit zur Herrschaft gelangt bist." Ein wellhistorischer Augenblick war das Zusammentreffen dieser beiden Männer, des großen Inders, der ganz wie die Propheten Israels religiöse "Politik gefordert halte und des britischen Staatsmanns, der, obwohl seiner Religion nach Jude, seiner Amtsführung nach in nichts von den anderen Vizekönigeo sich' unterschied und wie sie, ihre Macht auf die Spitze des ' Schwertes der bewaffneten Polizeitruppen stellten. Es ist eine müßige Sache, aber es hat bei der rückblickenden.Betrachtung geschichtlicher Ereignisse immer einen eigenen 3