Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 7 (1.7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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fahrtsorganisationen von Stadt und Gemeinde suchen soll. Die Erfahrungen dieser sozialen Gilden soll in der Verbandszeitschrift zur Diskussion gestellt werden. * II. Das zweite Thema der Tagung: „Das religiöse Problem in* der Jugendarbeit" halte zwei Referenten gefunden. Dr. S eh ö n b-e r g e r , Aachen, warnte Mir der Gefahr. . die in dem in Dresden oft gebrauchten Wort „Wirklichkeit" liegt. Viele Jugendliche hätten gemeint, es handle sich dabeifhur um die sichtbare und damit „gegcbene'Wirklichkeit. Demgegenüber müsse eines immer wieder gesagt .werden: daß es keine Wirklichkeit geben kann, ohne die Ueberwirklichkeit, daß das Sichtbare für uns nur seihen Wert bekommen kann durch die Kohfrontierung mit dem Unsichtbaren, Ewigen. Dabei muß damit Ernst gemacht werden, daß das Ew'ige uns Juden der Ewige ist. Solange Gott uns nur ein Begriff ist, werden wir nicht teilltaben können an einem wahrhaft religiösen Leben. Das war sehr oft der Fehler unserer Generation. Gott wär bloß eine Rede. Das Eingehen aui religiöse Fragen nur eine Diskussion. Das Erfassen-Wollen religiöser Werte nur ein endloses Zergliedern und Zerfasern. Nur wenn uns Gott kein bloßei» Begriff ist, nur wenn uns Gott wieder zu einer Realität wird, ohne die alle andere Wirklichkeit wirklichkeitsleer ist, können wir wieder schöpferischen Anteil an der Gestaltung der Religion nehmen. Und -darauf kommt es letzten Endes an. Nicht das psychologische Zerteilen der Dinge ist das Letzte, wie das H c n r i -B e r g s o n richtig gesagt hat. Er spricht von dem Strömen in unserer Seele, von "icner Feierstunde des Augenblicks, wo der Mensch sich bewußt wird.' was in seiner Seele vorgeht. Zu einem solchen Gestalten eines schöpferischen Lebens müssen wir den jungen Menschen führen, dann wird er wieder reif werden für das religiöse Erlebnis. Die Schuldfrage, warum die heutige Jugend zu diesem Erlebnis uniähig ist,- wird nicht r/cantwortet. indem man auf das Versagen des Religionsunterrichts hinweist. Religion läßt sich nicht unterrichten. Religion läßt sich nur erleben. Erst wenn der seelische Boden aufgelockert ist, kann die Religionsstunde etwas geben. Was das Erlebnis zu schaffen vermag, das sehen wir am Sprechchor. Wir haben es alle erfahren, wie uns in der Schule schöne Gedichte durch gedrilltes Auswendiglernen .erleidet wurden. Was macht der .Sprechchor? Er führt lunge Menschen zum Erleben der Dichtung. Das Dichtwerk wird Erlebnis, weil dii» Menschen gestaltende Menschen werden. Sie werden im Gestalten ein Ganzes, eine schöpferische Einheit. Die letzte Aufgabe, die dem- Jugendverband erwächst, ist. so gesehen, eine ungeheure und zugleich herrliche. Der junge Mensch von heute will auf sich selbst gestellt sein. Der Jugendbund hat die Pflicht, die schöpferischen Kräfte des jungen Menschen aufzurufen, damit er mitbauen lernt an der letzten Wirklichkeit, die unser Dasein trägt: an der Welt Gottes. — Aribert.de Jonge legte in seinem Referat mehr Gewicht aut die Aufzeigung der Hemmnisse geistiger Art, die dem modernen Menschen den Weg zur Religion versperren. Er weist zunächst einmal darauf hin. daß wir Menschen von heute gern manche Erlebnisinhalte unter dem Wort religiös verbuchen, »hne daßhierzu eine Berechtigung vorliegt. In eingehender Analyse zeigt er, was Religion nicht ist. Weder das ethische, noch das ritualgemäße Verhalten des Menschen braucht an und für sich religiös zu sein. Auch Kenntnisse religionsgeschichtlicher oder religionsphilosophischer Art dürfen nicht mit Religion selbst verwechselt werden. Religion ist erst dort vorhanden, wo von der „amor dei", von der Liebe Gottes zu den Menschen und der Liebe der Menschen zu Gott etwas zu verspüren ist. Warum ist uns modernen Menschen aber diese unmittelbare Zurückführung alles Gegebenen auf Gott verloren gegangen? Wir wissen alle, daß die wissenschaftliche Aufklärung der alten Religionsauffassung einen starken Stoß versetzt hat. Die Demokratisierung der Wissenschaft, die Möglichkeit, daß jeder an den Ergebnissen der Forschung Anteil haben kann, hat uns die Fähigkeit gegeben, die Wirklichkeit mit kritischen Augen zu sehen. Glaubte der Mensch vor tausend Jahren, daß der Blitz ein Gebilde aus höherer Welt sei, so weiß man heute, daß der Blitz auf alles andere zurückzuführen ist, nur nicht auf die persönliche Betätigung eines höheren Lebewesens. Religion beruht auf einer Vertrauensfrage. Wenn sich der Mensch zu Gott entscheidet, so ist das seine Entscheidung. Sie besagt nichts für den anderen. Ebensogut kann der andere sagen: ich setze mein Vertrauen nicht auf Gott. Man kann niemand zum Erlebnis zwingen oder erziehen. Der Charakter des Menschen ist in ihm, ist ihm eingezeichnet von Geburt an, ist festgelegt durch Vererbung und bestimmt durch Umwelt. Der Selbsterhaltungstrieb, die Angst vor dem Unbekannten wird den Menschen immer wieder dazu bringen, da: Unbekannte anzusprechen, es zu besprechen. Unrichtig ist es aber, dies Unbekannte einfach Gott zu nennen. Wer das nicht kann, und deren wird es viele geben, dem sei gesagt: Man kann auch ohne Religion, man kann auch in heiliger Nüchternheit leben. Jedenfalls ist eine solche Entscheidung begrüßenswerter als jene Religionsheuchelei, die auch unter uns umgeht, die Religion vortäuscht, weil es zum guten Ton gehört,, heute wieder religiös zu sein. Religion kann man nicht „machen". Es wäre schön, wenn wir ein geistiges Gebilde hätten, das uns für unser Leben einen Ausgleich geben könnte. Die Wirklichkeit lehrt uns aber, daß wir heute zum größten Teil nicht mehr so erlebnisfähig sind, daß wir für uns die Religion bejahen könnten. Darum sollen wir aber nicht etwa aufhören, mit dem Problem der Religion zu ringen. Wir sollen uns im Gegenteil in unseren Bünden mit den Lehren aller Religionen befassen, der jüdischen Religion dabei aber unser Hauptaugenmerk zuwenden, weil sich in ihr unsere Art am ehesten widerspiegelt, weil sie durch ihre Kraft unser Volk erhalten hat. — •" In der Aussprache versuchte Dr. Hahn im Sinne der Unterscheidungen de Jonge's die Grenzlinien zwischen ernsthafter Religion, und jenen Religionssurrogaten, die man mit Christian Bry „Verkappte Religionen" nennen kann, aufzuzeigen. Bedauerlich ist, daß wir in unserer LImgebung selten Menschen antreffen, die von Religion wirklich „er—griffen"-sind. Wenn wir wissen wollen, was Religion ist, so bleibt uns nichts übrig, als dorthin zu gehen, wo religiöses Erfaßtsein seinen eindeutigsten Niederschlag gefunden hat: zur Bibel. Dort sehen wir aber, daß der Prophet, als der stärkste Exponent der Religion, oft gar nicht Träger des religiösen Geistes sein will. Daß er es aber sein muß, weil Gott in all seiner realten Gewalt ihn nicht losläßt, ihn in seinen Dienst zwingt. Religion ist darum nicht ein Besprechen Gottes, sondern beruht auf einem Angesprochenwerden des Menschen durch Gott. Seine Stimme spricht immer, nur sind wir oft innerlich taub für sein Wort. Beschäftigung mit religiösen Dingen kann nur den Sinn haben, uns innerlich hörig zu machen, uns aufzuschließen, uns reif zu machen für das Gespräch mit Gott. Die letzte Artwort auf sein Wort kann nur die auf ihn bezogene Tat unseres Lebens sein. Es ist de Jonge rechi zu geben, wenn er sagt, der Weg bis dahin erscheint uns heute .weiter denn je. Aber man darf die Augen nicht darüber verschließen, daß gerade in nicht wenigen jungen Menschen unserer Tage ein Neues auf- und angebrochen ist, das ein Suchen nach Gott genannt werden muß. In den Dienst dieser Suche muß sich auch unser Bund und unsere Zeitschrift stellen. In der weiteren Debatte prallten die Meinungen über die Möglichkeiteneiner religiösen Neuerweckung in unseren Reihen heftig aufeinander und drohten den harmonischen Verlauf der Tagung zu sprengen. Von den verschiedensten Seiten wurde die Befürchtung ausgesprochen (Dr. Levy-Krefeld, Rob. Marcuc-Essen, Windmüller-Gelsenkirchen, Fritz Schwarzschild, Stern - Gelsenkirchen, Heumann - Bochum, Meyrowitz-Wanne, Hermanns-Düsseldorf, Vöhl-Köln, beteiligten sich an dieser Aussprache), daß die radikale Stellungnahme mancher Redner in einer Frage, die vielen unserer Freunde tiefste und heiligste Gewissensangelegenheiten ist, dazu angetan sein kann, den Rahmen unseres Bundes zu sprengen. — Richtig ist, daß Fragen von solcher persönlichsten Einstellung, wie die religiöse, schlecht in so großem Kreis, 2