Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 7 (1.7.1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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'1^1/ dcp Ji/G€]>^Bil1NP miTTfeH-unGen Des vepßonDes Dep jüoiscHen JuoenpveBfcinc deutsch Lflnps 14. Jahrgang Düsseldorf, den 1. August 1928 Nummer 8 AlK flpni Inhfilt' °as soziale und religiöse Problem, von Amicus. — Jüd. Gedanken über Mahatma Gandhi, von Rabb. Dr. HUO UGIH IIIIIUH. Felix Aber, Bremen (Schluß). — Tagungs-Tribüne. — Wege zur Bibel. — Randglossen. — Junggruppen. Stimmungsbild der Dresdener Tagung. — Berichte. — Buchbesprechungen. — Aus dem Leben des Verbandes. — Mitteilungen der Verbandsleitung. — Anzeigen. Das soziale und religiöse Problem Zar Essener Fuhrertagung am 1. Juli 1828 von Amicus L . Die Dresdener Tagung konnte naturgemäß nicht alle „wirklichen". Fragen unseres Lebens aufrollen, geschweige denn zur Lösung bringen. In eineinhalb Sitzungstagen kann man eben nur ein gewisses Maß von Arbeit bewältigen. Es ist aber erfreulich, daß der Wunsch der Verbandsleitung, Versäumtes bald nachzuholen, einen so starken Widerhall in unseren Reihen gefunden hat. Kaum vier Wochen nach der Dresdener Tagung fanden sich etwa 100 junge Menschen unseres Verbandes in Essen zusammen, um sich über unsere Stellungnahme zum sozialen und religiösen Problem unserer Zeit auszusprechen. In seinem einleitenden Referat über die „Soziale Arbeit im Jugendbund" ging Rabbiner Dr. Eschelbacher, Düsseldorf, von den zwei großen Gebieten aus, in die nach jüdischer Lehre die Wohliahrtstätigkeit einzuteilen ist: in die Hilfe, die wir andern bringen mit Geld („Zedoko") und in die Hilfsleistungen, die wir anderen angedeihen lassen durch Einsatz unserer Persönlichkeit („Gcmillus Chassodim"). Vom jungen Menschen im Jugendbund kann die erste Art von sozialer Tätigkeit in den wenigsten Fällen verlangt werden. Seine Verdienstmöglichkeiten reichen hierzu gewöhnlich nicht aus. Aber etwas anderes kann in dieser Hinsicht erreicht werden. Die meisten in der heutigen älteren Generation wissen gar nicht, wieviel Not bei uns herrscht. Sie sind nicht in persönliche Berührung mit den sozialen Mißständen unserer Zeit gekommen. Ihre Gebefreudigkeit läßt darum viel zu wünschen übrig. Eine lohnende Erziehungsaufgabe des Jugendbundes wäre es daher, bei dem neuen Geschlecht ein besseres Verständnis für die uns gestellten sozialen Aufgaben anzubahnen. Das wäre zunächst eine rein theoretische Arbeit. Das könnte aber dazu führen, daß die heutigen Mitglieder der Jugendbünde in dem Zeitpunkt, da sie einmal die verantwortlichen Träger der jüdischen Gemeinden sein werden, mit einem erhöhten sozialen Pflichtgefühl ausgestattet, den altjüdischen Gedanken des Maser-Gebens in erneuter Ernsthaftigkeit aufgreifen werden. Der andere Zweig der Wohlfahrtspflege kann aber von den Jugendlichen sofort in Angriff genommen werden. Man kann auch hier zwei Arten von Tätigkeit unterscheiden: die Hilfeleistung von Gruppe zu Gruppe und die persönliche Tat von Mensch zu Mensch. Ein Beispiel der ersten Art: Vor etwa 20 Jahren wurde in Berlin die jüdische Arbeitskolonie gegründet, die dem Notstand des jüdischen Vagabunden Abhilfe bringen wollte. Damals fand sich ein Kreis jüdischer Studenten zusammen, die es sich zur Aufgabe machten, für diese aus einem geordneten Leben geschleuderten Menschen Kurse einzurichten, Unterhaltungsabende zu veranstalten usw._ Möglichkeiten ähnlicher sozialer Betätigung gibt es auch heute - noch für jeden Jugendbund in reicher Zahl. Auf diese Weise würde auch die Kluft, die gewöhnlich zwischen der ortsansässigen und der zugewanderten Jugend besteht, am besten überbrückt werden können. Sinn solcher Maßnahmen ist es, daß der Mensch aus seiner Einsamkeit erlöst wird und Anschluß findet an die Gemeinschaft. Daneben kann die aus persönlicher Initiative geborene Tat sehr viel Gutes stiften. Wenn ein junges Mädchen sich dazu entschließt, einer schwerkranken Frau, die fremd in der Stadl ist, in ihrer freien Zeit Gesellschaft zu leisten, oder wenn ein junger Mensch es auf sich nimmt, einem Erblindeten sidh als Vorleser zur Verfügung zu stellen, so mögen das, aufs Ganze gesehen, unscheinbare Ereignisse sein. Sie sind aber dazu angetan, eine neue Verantwortlichkeit in jungen Menschen wachsen zu lassen. Denn nicht die neuen Institutionen werden uns auf dem Gebiet des Sozialen vorwärts bringen, sondern die neuen, von starkem sozialen Willen beseelten Menschen. In der Diskussion gingen die Ansichten über die Form, in der heute Wohlfahrtspflege zu tätigen ist, weit auseinander. Während die einen den Standpunkt vertraten, die heutige „beamtete" Wohlfahrtspflege sei der Tod aller wirklichen sozialen Hilfe, versuchten andere nachzuweisen, daß nur durch eine weitblickende, straff organisierte Wohlfahrtspflege dem Elend in unserer Zeit beizukommen sei. Eine Einigung war nicht zu erzielen, da der Begriff „organisierte Wohlfahrtspflege" offenbar vieldeutig ist und einer eingehenden Klärung noch bedürftig erscheint. — Meinungsverschiedenheiten ergaben sich auch in der Behandlung der Frage nach dem Umfang der von uns zu leistenden Arbeit. Einigen Freunden wollte der im Referat berührte Fragenkomplex durchaus nicht genügen. Sie verlangen die entschlossene Aufrollung der Frage nach den Ursachen der heutigen sozialen Not. Sie glauben, nur wenn wir Stellung nehmen zu. dem durch unsere Zeit hindurchgehenden Suchen nach einer radikalen Umformung der heutigen Gesellschaftsverhältnisse, werden wir Anschluß bekommen an die wesentlichen sozialen Aufgaben, die auch uns gestellt sind. Andere waren der Ansicht, daß unsere nationalökonomischen Einsichten in die Gestaltung des heutigen Gesellschaftsprozesses nicht ausreichten, um solche letzten Entscheidungen treffen zu können. Es wurde beschlossen, die ideologische Klärungder angeschnittenen Probleme in einer ständigen Rubrik „Die soziale Arbeit" in unserer Zeitung zu versuchen. Zudem soll nach Möglichkeit in jedem Bund eine sozial-arbeitende Gruppe geschaffen werden, die gegebenenfalls Anschluß an die Wohl-