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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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Weltfriedens in der Zukunft. Ueberprüfl man zudem die Thesen, die z. B. das Ergebnis der politischen Aussprache auf der Fieusburg zu-ammeniassen, so muß man dem Verständigungswillen dieser Jugend die größte Achtung entgegenbringen. Was da unter Zustimmung aller Parteien und Richtungen von der extrem nationalistischen bis zur äußersten kommunistischen Seite gegen den Imperialismus, zur Klärung der Rassen- und Minderheitsfrage, und nicht zuletzt über die Ausgestaltung der Völkerbundsärbeit gesagt wurde, zeugt von dem starken Verantwortlichkeitsgefühl dieser Jugend, zeigt aber gleichzeitig auch, wie sachlich diese Jugend an die Lösung der in Frage stehenden Probleme heranzugehen versucht. Wer die Führer dieses Jugendkreises kennt, der weiß: das sind keine Utopisten und Allerweltsschwärmer, das sind willensstarke Menschen, die in treuer und selbstloser Arbeit ein großes Menschheitsziel zu verwirklichen suchen. Das sind junge Mepschen, die sich von allen Vorurteilen frei zu machen suchen und der Wahrheit, die nur eine sein kann, zu dienen, bereit sind. Was uns als jüdische Jugend diese Arbeit angeht? Ich glaube nicht weniger als alles. Es ist unsere Idee, die hier Gestalt gewinnen will, es ist unsere jüdische Zukunfts h o f f n u n g , die da zur Verwirklichung strebt. Wie immer man sich auch das von unseren Propheten gekündigte Menschheitsziel vorstellen mag, man wird den von ihnen zum ersten Mal geprägten Gedanken der messianischen Friedenszeit unter den Menschen nicht dadurch unwirksam machen können, daß man ihn als utopisch belächelt und als den egoistischen Interessen entgegenstehend zu degradieren sucht. Dieser Gedanke von der Einheit des Menschengeschlechts wird immer wieder in lebendigen Seelen Gestalt gewinnen, nicht nur, weil er sich aus Zweckmäßigkeitsgründen immer wieder einstellen muß, sondern weil er Ausstrahlung der letzten Wirklichkeit selbst ist, weil er, wie das unsere Propheten vor allem gefühlt haben, Ausstrahlung des einen wirklichen Gottes selbst ist. Um eine religiös* Wende handelt es sich darum, zutiefst gesehen, bei dem Einheitsstreben dieser neuen Jugend. An der Opferwilligkcit, mit der wir uns an dieser schweren Aufbauarbeit zur Sicherung eines gerechteren und friedlicheren Lebens auf Erden zur Verfügung stellen, wird es sich erweisen, wieweit jüdisches Blut noch in unsern Adern rollt, wie weit jüdischer Geist in uns noch lebendig ist. „So ist und bleibt dies die Grundbedeutung des Judentums, für die Menschheit", sagt Martin Buber am Ende seiner zweiten Rede über das Judentum, „daß es der Urzweiheit (von Gut und Böse) im innersten Wesen wie kein anderes bewußt, wie kein anderes sie kennend und sie darstellend, eine Welt verkündet, in der sie aufgehoben ist: eine Gotteswelt, die im Leben des einzelnen und im Leben der Gesamtheit verwirklicht werden will: die Welt der Einheit." Ja, liebe Freunde, wir werden nur so viel Einheit in die Well hineintragen können, als wir bei und in uns selbst verwirklicht haben. Unsere ganze Tagung wollte, wenn ich recht sehe, im Grunde genommen nichts anderes als Wege aufzeigen, die zur Verwirklichung des Einheitsgedankens im heutigen Judentum führen können. Bei uns in der Jugend, in den Gemeinden Deutschlands. Wer aber davon überzeugt ist, daß er gemeinsame jüdische Werte in der Welt zu erhalten und fortzuerben gilt, der wird sich mit dieser Arbeit, so notwendig und schwierig sie ist, nicht zufrieden geben. Er wird einen überparteilichen Zusammenschluß aller jungen Juden in der Welt zur Erhaltung und Fortentwicklung des gemeinsamen Geistesgutes anstreben müssen. Darum hat sich unser Verband unter Führung unseres bewährten Freundes L ö f f 1 e r für berechtigt gehalten, die Bestrebungen der Pariser „Union Universelle de la Jeunesse Juive" so ernst zu nehmen und auf die getreulichc Innehaltung der Ueberparteilichkeit dieser jüdischen Weltjugendliga zu wachen. Es ist noch nicht zu übersehen, wie weit diese Vereinigung ihrer Aufgabe gerecht zu werden versteht. Das eine steht aber fest, daß unser Verband, je stärker er sich im Innern fühlt, seiner ganzen Ideologie gemäß, die Schaffung eines überparteilichen und überbündischen jüdischen Weltjugendverbandes anstreben muß. So nur können wir auch der jüdischen Stimme im allgemeinen Weltjugendkongreß Klang und Gewicht verleihen. Dort wird es nicht darauf ankommen, was wir zu sein vorgeben, sondern, was wir sind. Ob wir den wahren Gemeinschaftsgedanken bei uns noch zu beherbergen vermögen, oder nicht. Der Weltjugendtag wird so eines Tages zum Weltjugendgericht auch für uns werden können. Die dort versammelte Jugend hat einen sehr klaren Blick dafür, ob wir nur mit unserer großen, Vergangenheit prunken, oder ob wir auch eine geformte Gegenwart haben. Dort wird es sich enthüllen, ob wir nur reden können, oder die Kraft besitzen, eine neue Wirklichkeit aus unserem Geistesbesitz erstehen zu lassen. Es ist ohne Zweifel, daß wir dem Weltjugendbund, sofern wir uns zu den Ursprüngen unseres jüdischen Seins zurückfinden, viel zu geben haben. Von den Qualen der Knechtschaft und der Verfehmung, von den Folgeerscheinungen der Entrechtung und des Rassewahns können wir auf Grund unserer Erlebnisse am besten berichten. Von dem, was der Menschenwürde zusteht, aber auch kraft des in uns lebenden biblischen Gutes am eindeutigsten erzählen. Wenn es wirklich jüdischer Art gemäß ist, die Tat an die Idee zu binden, den Himmel mit der Erde zu verschwistern, dann kann unsere Note wesentlich zur Versachlichung der dort zu leistenden Arbeit beitragen. Es ist aber sicherlich ebenso wahr, daß wir als jüdische Jugend durch das Zusammensein mit der ernst strebenden Jugend des Weltjugendbundes viel gewinnen können. Es ist zu verstehen, daß die jüdische Jugend heraus au/'ihrem Erlebniskreis, oft an der Durchführbarkeit eines Lejsens in Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft verzweifelt, und vtm Skeptizismus und Ungläubigkeit angefressen wird. Da wird es ihr ganz gut tun, wenn sie mit jungen Menschen aus anderen Lagern, etwa mit der dienstbereiten Quäkerjugend x^dg/ mit einem Führer, wie Nikolaus Ehlen, der, ohne Theologe zu sein, das religiöse Gewissen seines Jugendringes geworden ist, zusammenkommt. Wenn sie sieht, wie die vom Judentum geprägten Werte in dieser Jugend anfangen, ernst genommen zu werden. Wenn sie merkt, daß das Judentum seine Weltbedeutung noch längst nicht eingebüßt hat. Und es wird für die jüdische Jugend, die in ihrer Isoliertheit in letzter Zeit oft Gefahr lief, sich in sich selbst zu verbeißen und sich an kleinen Dingen aufzureiben, gut sein, sich an Aufgaben von allgemein menschlicher Bedeutung zu beteiligen. Ich habe sehr oft, und vielleicht auch in diesen beiden Tagen, das Gefühl gehabt, daß die Abkapselung, in der wir als jüdische Jugend nun einmal leben müssen, auch zurückschlägt auf uns selbst und auf die Art, wie wir denken und fühlen. Daß die uns aufgezwungene Abgeschlossenheit es oft mit sich bringt, daß wir uns an Problemen zerreiben, die letzten Endes — Wiener hat da durchaus recht — im Grunde und aufs Ganze gesehen, keine ausschlaggebenden Probleme sind. Daß wir dadurch, daß wir verkleinert werden, in unserm geistigen Radius auch kleiner werden und uns in unserer ganzen Einstellung zum Leben dessen berauben, was man vielleicht den„Weg insFreie" nennen könnte. Unsere Teilnahme am Aufgabenkreis des Weltjugendbundes könnte so seelisch auflockernd auf unsere jüdische Jugend wirken, ganz davon abgesehen, daß der Weltjugendbund selbst seine Echtheit und Wahrheit am besten an der Behandlung der heißumstrittenen Jugendfrage wird beweisen können. Wir bauen das Ferne, wenn wir uns in der Nähe bewähren. Wenn wir das Wertvolle auf dieser Tagung mit nach Hause nehmen und in unseren Bünden zu verwirklichen suchen. Die Welt kann nur geändert werden, wenn wir nicht nur von Umwandlung reden, sondern sie bei uns vollziehen. Es hilft nichts, vergangener Größe nachzutrauern und von kommenden Zeiten nur zu träumen, sondern es gilt, das Nächste in unserm Kreis zu tun, dann wird die neue größere Pflicht sich schon von selbst ergeben. Wir müssen uns zunächst sammeln, ehe wir andere versammeln können: wir müssen uns unerer Eigenart gemäß fassen, ehe wir andere erfassen können. Das Ziel dürfte deutlich sein. Wirwollen mit der bei uns im Gemeinschaftsgeist erzogenen Jugend den jüdischen Weltjugendbund anstreben, um dann im allgemeinen Weltjugendbund die neue Zeit mitbauen zu können. Der Weg ist weit, aber nicht unmöglich. Hier gilt das Wort Goethes, das in Bierville gesagt wurde und mit dem auch ich diesen Morgen beschließen möchte: 24

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