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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 23)
Language
German
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Einfluß der Verbandsleitung dahin geltend zu machen, daß die Satzung in diesem Punkte ebenso zu ihrem Rechte kommt wie die vielen formalen Dinge, die vielfach unsere Tagung beherrscht haben. Dann darf ich schließen und bitten, das Referat Hahns, das Ihr jetzt hört und das Euch wieder Anregungen vor Augen führen wird, die für unsere Arbeit von wesentlicher Bedeutung sein werden, in diesem Geiste aufzunehmen und mit diesem letzten Eindruck voneinander scheiden zu wollen. ' Dr. Hugo Hahn, Essen: Liebe Freundel Werden wir dem Thema unserer Tagung nicht untreu, verlassen wir nicht wieder „den Weg in die Wirklichkeit", wenn wir zum Schluß sprechen wollen von „Jüdischer Jugend im Weltjugendbund"? Weltjugendbund, ist das nicht verschwommene Romantik, gefährliche Utopie? Erfordert die Situation, in der Wir leben, nicht vielmehr, daß wir von der tatsächlichen Zerklüftung, in der die heutige Menschheit lebt, sprechen? Oder ist es etwa in der Jugend unserer Tage anders? Gibt es nicht' auch da eine verwirrende Fülle von Vereinen und Bünden, deren Sonderbestrebungen bald nicht mehr zu überblicken sind? Und ist etwa das Bild, das sich uns im jüdischen Kreis bietet, erfreulicher zu nennen? Sind wir nicht auch hier von dem Geist der Einheit in Idee und Tat weiter den 1 je entfernt? Oder ist etwa die Zeit dazu angetan, von einem gemeinsamen .Willen der jüdischen Jugend zu sprechen? Und doch glauben wir, unter Einbeziehung all dieser Bedenken, ein Recht und eine Pflicht zu haben, vom Welljugendl und und unserer Einstellung zu ihm zu sprechen. Wir glauben dies tun zu dürfen, obgleich, oder besser gesagt, weil diest Tagung der Wirklichkeit dienen soll. Wirklichkeit gibt es eben nicht nur in materiellen Dingen. Es gibt auch eine Wirklichkeit im Reiche des Geistes, die man nicht übersehen darf, will man der 'Totalität des Lebens gerecht werden. Eine solche Wirklichkeit ist ohne Zweifel die Sehnsucht vieler verantwortungsbewußter Menschen unserer Tage nach Frieden und Gemeinschaft. Es mag wohl sein, daß wir die elementare Kraft dieses Wunsches zum großen Teil dem Schrecken des Krieges und dem Elend der darauffolgenden Jahre zu danken haben. Denn so wahr es sein mag, daß der Krieg mit all seinen Grausamkeiten neue Verbitterungen in Menschenseelen hineingetragen hat: das andere ist eben so wahr, daß der Krieg die verschieden gearteten Menschengruppen mindestens ebenso stark zueinander geführt hat. Die gleicherweise erlittenen Schmerzen und Leiden haben die Bürger der verschiedenen Länder einander näher gebracht, als das durch eine noch so geschickte Politik hätte erreicht werden können. Die Frage ist nur: ob diese Sehnsucht nach einem gerechteren und friedlicheren Dasein bereits angefangen hat, die Praxis unseres Lebens zu formen und umzugestalten. Niemand wird leugnen können, daß die Bestrebungen, den Frieden unter den Völkern zu sichern, in der Nachkriegszeit trotz mancher Gegenmaßnahmen, ständig im Wachsen begriffen sind. Doch können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die Geschäftigkeit, die nach dieser Richtung an den Tag gelegt wird, oft in umgekehrtem Verhältnis zu der Dauerhaftigkeit des auf diese Weise erzielten Friedenszustandes steht. Wir glauben nicht daran, daß wahre Gemeinschaft allein durch politische Maßnahmen, durch geschickte Verträge und sinnige Vereinbarungen erzeugt werden kann. Wir wissen zwar auch, daß das Organisatorische beim Aufbau einer Gemeinschaft von ausschlaggebender Bedeutung ist. Aber wir meinen: das allein genügt nicht! Das Heil kann auch in diesem Fall nicht von außen kommen, sonst bleibt alles nur leere Form, die bei der leichtesten Erschütterung in die Brüche geht. Wahre Gemeinschaft unter Menschen kann nur werden, wenn der Funke der Verständigung und Liebe von einem lebendigen Herzen in das andere überspringt, wenn Menschenhand zu Menschenhand in wahrhafter Aufrichtigkeit sich findet. Dazu bedarf es einer innermenschlichen Wendung und Wandlung, dazu bedarf es eines Neubruchs der Seelen. Wir wollen die Bemühungen der älteren Generation, durch politische Maßnahmen den Frieden zu sichern, nicht schmälern. Wir werden uns vielmehr, solange kein besserer Weg gefunden ist, dieser Arbeit so weit wie möglich zur Verfügung stellen müssen. Aber der Jugend kann diese Lösung auf die Dauer nicht genügen. Sie kann sich nicht dazu hergeben, fortwährend am Dach herumzuzimmern, ohne die Fundamente des neuen Hauses gelegt zu haben. Je fester und gediegener sie sich diese Grundlagen schafft, desto sicherer und menschenwürdiger wird sie in dem Haus ihrer eigenen Zukunft wohnen können. Wenn hier also von einem zu gründenden Weltjugendbund zur Sicherung des Friedens die Rede ist, so kann das nicht in dem Sinne gemeint sein, daß zu den bestehenden Zweckverbänden ein neuer hinzutritt, sondern hier soll wirklich etwas Neues geschaffen werden. Menschen sollen da zusammenkommen, die schon angefangen haben, in sich die heilige Wende zu vollziehen, die in ihren Bünden bereits eine sorgfältige Erziehungsarbeit genossen haben. Die an sich schon erprobt haben, ein Leben, das auf Wahrheit und Echtheit beruht, zu führen und die nun aufgefordert werden, diese Grundsätze eines von innen nach außen sich gestaltenden Lebens in der Zusammenarbeit mit Jugend anderer Herkunft und Artung zu bewähren. Es kann darum auch nicht die Rede davon sein, daß ein solcher Weltjugendbund dazu angetan ist, die Grenzen der Eigengestaltung zu verwischen und die persönlichen Lebensinhalte zu verwässern. Im Gegenteil. Es ist so wie in einem Orchester. Auch dort ist die Harmonie und der Zusammenklang der Töne nur gewährleistet, wenn jedes Instrument seine Sonderstimmc so rein wie möglich erklingen läßt. Eine Bedingung muß natürlich dabei erfüllt werden: alle Instrumente müssen auf ein und denselben. Grundton abgestimmt sein, soll der rechte Zusammenklang der Töne erwirkt werden. So ist es auch mit dem Wcltjugendbund. Er kann nur gedeihen, wenn jegliche Jugend die ihr gemäße Art des Denkens und Fühlens recht deutlich zum Ausdruck bringt. Je ehrlicher, bestimmter und offener sich dabei die Jugend in ihrer spezifischen Note gibt, um so eher wird das Gemeinsame und Verbindende gefunden werden können. Voraussetzung dabei ist nur, daß der Grundton gewahrt bleibt: der Wille, den andern ebenso ernst zu nehmen wie sich selbst, der Wille, in strenger Sclbstverantwortlichkeit, unbeeinflußt von trügerischen Autoritäten und zufäJigcn Tagesströmungen, der Stimme der Wahrheit zu dienen. , Wer vermöchte diesen nicht leicht zu nehmenden Forderungen gerechter zu werden, als die Jugend, die kraft ihres ursprünglichen Denkens und Fühlens am ehesten den Weg zu den Grundtatsachen des Lebens und damit zum Herzen des anderen Menschen finden kann! Der Anfang zu diesem Verständigungswerk der Jugend ist bereits gemacht. Im August 1926 ist die Jugend der verschie-. densten Nationen und der mannigfaltigsten Richtungen anläßlich des 6. internationalen Friedenskongresses in Bicrville im Park des edlen Friedens- und Jugendfreundes Marc Sangn i e r zu einem „Freundschaftsmonat der Jugend" zusammengetreten. Ein im Werkbundvcrlag in Würzburg erschienener Sammelband: „Die Tage von Bicrville" gibt Zeugnis von dem ernsthaften Ringen der dort versammelten Weltjugend um eine tragbareVerständigungsfoimel in der Friedensfrage. Der deutsche Arbeitsausschuß zur Vorbereitung des Weltjugendbundes hat darauf im August 1927 ein Jugendtreffen, an dem sich etwa 500 Führer aus den verschiedensten Bünden beteiligten, auf der Freusburg veranstaltet, an dem von unserer Seite unser Freund Kurt Hirsch aus Hamm teilnahm. Fortgesetzt-wurde diese Aussprache, an der sich auch die ausländische Jugend stark beteiligte, Ostern dieses Jahres in Hannover, woselbst auch unser Verbandsfreund Dr. Schorsch zu Wort kam. Gekrönt sollen diese Versuche durch das Weltjugendlager in Erde (Holland) werden, das im August d. .1. stattfinden soll und bei dem wir in einer der Bedeutung der Tagung entsprechenden Weise vertreten sein werden. Die positiven Ergebnisse dieser Zusammenkünfte sind natürlich noch nicht groß. Zu vielgestaltig ist der Chor der Stimmen, als daß die einheitliche Note sofort gefunden werden könnte. Die Tatsache aber, daß auf diese Weise junge Menschen aus aller Welt sich treffen und finden können, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Sicherung des 23

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