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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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an Menschen zu binden, ist auch gefährlich. Es gibt nur eine Bindung für junge Menschen, sie an sich selbst zu binden. Ich meirte folgendes: Ist die Bewegung an einen Führer gebunden, so"führt sie sehr leicht zu den Erscheinungen, die ich Gruppismus nenne. Da* Tieißt, wenn eine gewisse Gruppe von Menschen um gewisse Führer geschart ist, so wird sie in dem Augenblick, wo diese Führer verschwinden, ebenfalls verschwinden. Die Gruppe war eben nur an diese wenigen Menschen gebunden. Etwas anderes ist es, wenn diese .lugend, diese Gruppe an^sich selbst gebunden ist, so daß sie erstens stets mit ihrer eigenen Gruppe verbunden ist, und zweitens stets diese Bindung mit der gesamtiiidischen .lugend empfindet, daß also die gesamtiüdische .lugend für sie eine Bindung ist. Hier muß ich eins sagen: wenn heute ein Jugendbund vor der Entscheidung steht, junge Gruppen zlu machen, so heißt das radikale' Revolution. Man darf sich darüber nicht hinwegtäuschen, vom älteren Bund zum jüngeren Bund gibt es kene Brücke. Es gibt nur eine Brücke vom jüngeren Bund zjin . liieret) Bund. Sic wollen eine Brücke schlagen vom ältere i Bunc zum jüngeren Bund. Das wird nicht gelingen. Der jüngere Pund wird von vorn beginnen. Es ist erfreulich, welches Einsetzen frischer Kräfte bei Ihnen vorhanden ist. Da sind Manschen von frischer Krait: es tut not, daß wir solche Menschen wieder sehen. Nun kommt die Frage der Idee. Es ist leicht, davon zu sprechen, dal! uns alle eines eint, die jüdische Idee. Nun muß ich sagen, ich kann mir unter der jüdischen Idee gar nichts vorstellen. Ich kenne die jüdische Idee nicht, obgleich ich glaube, mich schon etwas mit dem Judentum beschäftigt zu haben. Eine .lugend wird sichnie auf einen so abstrakten Begriff wie die jüdische Idee festlegen lassen. Sie will Wirklichkeit sehen, und für die .lugend unserer Zeit gibt es eine Aufgabe, eine Idee, die wirklich grundlegend ist, die Renaissance des jüdischen Volkes. Diese Renaissance ist nicht möglich, indem man die Gemeinde umgestaltet, die nur ein Exponent ist, sondern indem man die Menschen dieser Gemeinde umgestaltet. Eine Wirklichkeit gibt es, für die wir' über alle Partcipolilik hinweg die jüdische .lugend erziehen können, und das muß unser Ziel sein, nämlich aktive, jüdische Gemcindcmenschcn zu werden. Es hat keinen Sinn, in die Gemeinde hineinzugehen und die Gemeinde ändern zu wollen. Die Menschen wollen wir ändern. da*nn wird es besser werden. Ich bezweifle überhaupt, was Herr Dr. Löfflcr in den Vordergrund gestellt hat, daß junge Menschen, daß unsere .lugend an Ideen in diesem abstrakten Sinne gebunden werden kann. (Dr. Löffler: Die Idee ist nie abstrakt!) An die Idee, an den Geist des Judentums wird man die Jugend nie binden können. Wenn Löffler gestern gesagt hat. wenn ein Führer diese Idee nicht sieht, ist er nicht reif zum Führen, so lasse ich diesen Vorwurf gern auf mir sitzen. Ich will nicht reif sein. Wenn eine Birne reif ist. fällt sie vom Baum. Ich werde, solange ich lebe, nicht reif, sondern bin immer noch in der Reifung. Sehr wohl muß der Führer ein Geführter sein. Wehe dem Führer, der kein Geführter ist, imd wehe den Geführten, die von einem Führer geführt werden, der kein Geführter, ist. Ein Führer muß beides sein, und er ist selbst immer noch in Führung, er muß es sein trotz allem" Führen, nochmals! Trotz allem! Erna Kuppenheimer (Rastatt): Wir sprechen so viel von Sachlichkeit, ohne eigentlich zu definieren, was wir in diesem Begriff Sachlichkeit eingeordnet wissen wollen. Ich möchte ganz kurz dazu Stellung nehmen, und zwar bewußt als Mädchen. Es ist uns vorhin der Vorwurf gemacht worden, daß wir Mädchen viel zu wenig aktiv sind. Wir sind, vielleicht vor der Oeffcntlichkeit zu wenig aktiv, aber vielleicht deshalb aktiver in der Stille. Wir schieben da gern die andern vor. denn es kommt uns nicht auf die äußerliche Wirkung, sondern auf das Endziel an. Ernst Holzer sagte gestern, daß sehr viele den Jugendbund, als Sprungbrett für persönliche Interessen benutzen. Ist ihr Ehrgeiz befriedigt, dann entziehen sie ihre Tatkraft dem Jugendbunde. dann treten sie zurück, denn sie haben nun gefunden, was sie gesucht haben. Das ist keine Sachlichkeit. 20 Die eigene Person hinler die Sache stellen, sich für eine Sache voll und ganz einsetzen, ist im Sinne von uns Jüngeren Sachlichkeit. Gerade das ist es, was uns als Mädchen, die wir als Zweck unseres Wollens Sachlichkeit anstreben, die Arbeit so sehr erschwert, wenigstens den meisten unter uns. Es ist doch so, daß sehr viele Dinge deshalb nicht durchgeführt und befolgt werden, weil sie nur von einem Mädchen ausgehen. Es ist doch so, daß es nur sehr wenig Menschen gibt, die den Mut zur Aeußerung und zur Vertretung der Wahrheit haben, wenn es gilt, eventuell persönlicher Svmpathien verlustig zu gehen. Wenn sich die Ideen in einem Punkte der großen Heerstraße treffen, ist es ganz egal, wer die Initiative gegeben hat. Die Hauptsache ist, daß, wo die Initiative da ist, es eine Initiative von reiner Seele und reinem Wollen ist. Dr. Kurt Herz (Offenbach): Als einer der ersten sprach gestern der Herr Rabbiner Dr. Bacck. Ich weiß nicht, ob es Ihnen genau so gegangen ist wie mir. Ich fand die Worte Dr. Baecks gestern fast als die jugendlichsten, die hier gesprochen worden sind. Er war nämlich der einzige, der nicht das verwechselt hat. was man Leben nennen•könnte, und das, was man Denken über das Leben nennt, der nicht verwechselt hat die Jugend mit dem, was man von der Jugend denkt. Ich möchte weiterhin sagen, genau so sympathisch ist mir die letzte Rede von Fräulein Dr. Berliner gewesen, die ich jedenfalls — und das war da« Gute an der gestrigen Tagung als jugendlich empfinde w'eil man hier nicht von dem Worl Idee so viel geredet hat, mit dem man nichts anfangen kann, sondern weil man versucht hat etwas zu sagen, was man in sich trägt und was man hat. Was das Referat von Herbert Felsenthal anbetrifft, so hat er auch meiner Ansicht nach einen Denkfehler begangen, indem er etwas als Fehlerquelle hingestellt hat. was keine Fehlerquelle ist. sondern eine Wirklichkeit. Er sagt, die zweite Fehlerquelle neben der mangelnden Organisation sehe er darin, daß unser Bund zusammengesetzt ist aus einer verschiedenartigen Menge von Menschen, die sowohl gesellschaftlich wie geistig wie altcrsstuflich nicht das gleiche Niveau haben. Ich muß sagen, das ist keine Fehlerquelle, sondern die wahre Wirklichkeit, auf der un^er Bund überhaupt nur aufgebaut sein kann, und die einzige Möglichkeit, um wirklich einen Bund, der die jüdische Jugend umfassen soll, der der jüdischen Jugend etwas bringen soll, zu schaffen. Das ist die einzig mögliche Art. wie man von einer Idee unseres Bundes sprechen kann. Diese Idee ist die der Neutralität die man in weitestem Maße so nehmen muß, wie sie Dr. Löffler gestern dargestellt hat. Bedenklich erscheint mir auch, was Fclsenthal hinsichtlich des Lernens in den Jung''ruppen gesagt htt. Er verwechselt meiner Meinung nach, daß das Lernen eine Vermehrung des Wi«sen<bestandes ist und noch lange nicht eine Vergrößerung des lebendigen Horizontes eines Menschen. Er behauptet, man soll als Lehrer und Rabbiner — und was alles für Leute — höchstes wirkliches Wissen besitzen, damit man der Jugend das beibringt. Ich sage umgekehrt, man soll die Jugend jung sein lassen, wie sie will und nicht, wie der Verband es sich denkt. Die jugendlichen Gruppen, die Jungen, welche für den Verband notwendig sind, werden schon von selbst den Weg finden. Sie werden den Weg genau so finden, wie wir Aelteren ihn gefunden haben. Noch etwas zu der Sachlichkeit! Das Leben an und für sich ist weder sachlich noch unsachlich, nur die Einstellung zu den Dingen muß sachlich sein. Wir brauchen zunächst einmal gar nicht viel von dem zu reden, was wir unter Idee verstehen. Ich möchte sagen, wir wollen das Wort Idee vielleicht weg- 'as>tn. Die Wirklichkeit, die uns weiterbringt, däs sind d.e Menschen, die um uns sind und mit denen wir zusammen leben müssen. Deshalb verlange ich Verantwortung vor dem anderen und Ehrlichkeit vor sich selbst. Wenn wir Verantwortung haben, dann wagen wir das nicht, was so oft geschieht: nämlich den anderen geringschätzig abzutun und, wenn er etwas sagt, ihn von oben herab abzukanzeln, sondern wir versuchen, auch andere gerecht zu behandeil und anzuerkennen. Wenn wir ehrlich genug gegen uns selbst sind —

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