Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 6 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492456-6352307-6352540--0633-4928803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2. Tag der Generalaussprache Montag, den 28. Mai 1928 Präsidium: Dr. Wolf. Dresden Eingeleitet durch das Lied: „Wann wir schreiten.....", gesungen von der Junggruppe Chemnitz. Dr. Max Wiener (Berlin, Schlußwort zu seinem Referat): Meine lieben Freunde! Mit uns zieht die neue Zeit, aber ich glaube, wir sollen vor allem mit ihr ziehen. Es war gestern außerordentlich schwierig, bei der großen Spannung, die zwischen den theoretischen Erwägungen und den sich unmittelbar daran anknüpfenden praktischen Erwägungen bestand, eine Einheit in der Diskussion herzustellen. Es kann aber vielleicht noch möglich sein, einiges zu retten. Wir sprachen gestern von dem, was sachlich ist. Wir meinen damit, daß unsere Ideen nur dann einen wirklichen Sinn haben, wenn wir uns vor allen Dingen für diese Ideen einsetzen, sie im Leben verwirklichen. Mit Lötfler stimme ich selbstverständlich durchaus darin überein, daß die Stoßkraft uns allein durch die Idee gegeben ist, aber wir müssen diese Stoßkraft auch zur Auswirkung bringen. Und dazu, meine Freunde, gehört folgendes: Wir können unsere eigene Gläubigkeit bloß glauben, wenn wir sie durchzusetzen versuchen. Das ist der Sinn der Sachlichkeit. Das bedeutet also, wir glauben überhaupt an uns bloß als ein tätiger, als ein aktiver Mensch. Alles übrige ist Phrase. Und nun stehen, glaube ich, zwei ganz große Ideen im Vordergrunde. Von einer ist schon gesprochen worden. Das war die Idee des Religiösen. Was hat es zum Beispiel für einen Sinn, daß wir uns gestern mit Gemcindeangelegenhciten, mit den ganz spezifischen Grundlinien des Gemeindewahlrcchts beschäftigt haben, wo vielleicht die Voraussetzung dazu gefehlt hat, daß die betreffenden Leute, die sich darüber unterhalten haben, sich von einer Rcligionsgemeinde, die nur auf der Grundlage der Religion gegründet sein kann, jemals Rechenschaft gegeben haben. Was ist uns eine Religionsgemeinschaft überhaupt heutigentags, wo eine ungeheure Krisis das ganze religiöse Leben durchzieht? Das ist nämlich das Problem: Wird es in Zukunft für die Masse der Menschen Religion geben oder wird es keine Religion geben? Das Wesentliche ist, daß wir hierzu Stellung nehmen. Das ist eine Stellungnahme, die man nicht in Abstimmungen entscheiden kann. Es sind von einem Verbandsfreund die Sprüche der Väter bemüht worden. Ich will sie in anderer Hinsicht bemühen und will sagen: Man soll den ersten Schritt zuerst und den zweiten zu zweit tun. Man soll in der richtigen Ordnung — das ist Sachlichkeit — verfahren, und die richtige Ordnung ist, zu fragen: Liegt uns überhaupt an einem religiösen Leben oder nicht? Wenn wir antworten: Es liegt uns nichts daran, dann können wir uns alles weitere darüber ersparen, sogar einen Protest an den Landtag. Es ist dann von den Rabbinern gesagt worden, daß sie oft nur Fromme kraft ihres Amtes wären. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen^ es gibt auch Fromme aus Partei außerhalb der Rabbinerkreise. Das sind diejenigen Leute, die zum Beispiel für irgend welche vorgeblich von ihnen als religiös empfundene Forderungen eintreten, in Wirklichkeit diese Forderungen aus allen möglichen parteimäßigen Rücksichten, oder aus Eitelkeit und Eigennutz erheben, während sie persönlich gar keine Beziehung zur Religion haben. Neulich sprach ich mit einem unserer Freunde darüber, der sich vom richtigen und energischen Hebräischlernen, auch aus religiösen Gründen, irgend etwas erhoffte, und zwar, weil diese religiösen Gründe wieder verbunden sind mit irgend welchen besonderen, politischen, emanzipatorischen Gründen. Das sind Fromme aus Partei. Ueber alle diese Dinge müssen wir, wenn wir uns jung fühlen, hinwegkommen. Unsere Diskussionen brauchen keinen Erfolg zu haben, aber sie sollen uns zeigen, daß wir uns sachlich klar machen, was ist das erste und was ist das Wesentliche. Dann möchte ich noch auf eine Idee kurz zu sprechen kommen, das ist die Existenzfrage, die Frage der jüdischen Existenz. Wir haben uns gefreut, zu hören, daß unser Verband mit «einen 12 000 Mitgliedern so ziemlich der stärkste jüdische Verband ist, der in Deutschland überhaupt existiert. Aber, meine Freunde, in Deutschland sind 500 000 Juden, von denen wir wissen, daß sie Jahr um Jahr an Zahl abnehmen. E* hat gar keinen Sinn, überhaupt über jüdische Probleme, ihre Einzelheiten und praktischen Auswirkungen Diskussionen anzustellen und Beschlüsse anzunehmen, wenn wir nicht wenigstens grundsätzlich die Frage aufwerfen: Wie müssen wir das Judentum auffassen, wenn es eine Gemeinschaft sein soll, von der wir nicht haben wollen, daß sie in absehbarer' Zeit verschwindet? Es ist eben nur dann möglich, wirkliche Freude am Judentum zu haben, wenn wir die gesamte Weltjudenhcit betrachten denn nicht die 500 000 Juden, wohl aber die 15 Millionen Juden auf der Welt haben Sinn. Wir müssen diese Weltbrüderschaft jüdischen Menschentums empfinden. Wir müssen aufs Tätigste teilnehmen an den jüdischen Sorgen auf der ganzen Welt. Wenn Sie diesen Gesichtspunkt betrachten, wie lächerlich wirken dann jene kleinen Mäkeleien, die man etwa hört, wenn man davon spricht, daß sich in Palästina ein großartiges Siedlungswerk, ganz abgesehen von irgend welchen zionistischen Interessen, erhebt, wenn wir sehen, wie in Rußland ebenfalls eine volkhafte Kräftigung des Judentums anhebt. Wenn wir diese Dinge als uns nicht angehend betrachten, können wir einpacken, dann brauchen wir nicht hierher zu kommen. Das dürfte eine sehr klare Deutung dessen sein, was eine jüdische Wcllgemeinde überhaupt bedeutet. Selbstverständlich, njenn wir uns bloß immer um unsere kleinen Kirchturmsinteressen kümmern, ist das alles Krähwinkelei oder Vereinsmeierei. Wenn wir uns aber als Stoßtrupp des Wcltjudcntums auffassen, einer wirklichen Gesamtheit aller Juden der Welt, können wir mindestens auf eine Zukunft hoffen, -und wenn wir hofL-n können, werden wir leben, und mit uns ist dann die neue Zeit!- Siegbert Stahl (Mannheim): Liebe Freunde! Die Tagung steht unter der Parole „Jüdische Wirklichkeit", und hier wird gerungen um die Erkenntnis unserer Wirklichkeit. Ich will jetzt versuchen, einiges aus dieser Wirklichkeit zu erkennen. Es ist nicht immer angenehm, die Wirklichkeit zu schildern, wie s'n ist, und ich wage es, mich unbeliebt zu machen. Ich sct/.e lediglich voraus, daß ich mich hier in einer Jugendtagung befinde, einer Versammlung von Jugend, zu der auch ich gehöre. Herbert Felscnthal hat euch selbstverständlich ein Programm vorgelegt, ein Minimalprogramm. Er stellte fest, daß dieses Programm eine einheitliche Idee darstellt. In diesem Punkte muß ich ihm leider widersprechen. Herbert Felscnthal stellt fest, daß er keine Auswahl trifft, sondern sich an die Masse wendet. Felsenthal kann sich leicht an die Masse wenden, er kann die Masse ansprechen; wenn sie ihm nicht antwortet, spricht er umsonst. Es ist in der jüdischen Jugendbewegung so, daß immer nur ganz bestimmte Menschen, daß die Auswahl der Jugend einem Führer antwortet. Herbert Fclsenthal begeht einen logischen Fehler. Eine Auswahl aus der Gesamtbewegung lehnt er ab, aber innerhalb dieser Gesamtbewegung steht im Mittelpunkt die Auswahl, das heißt, es will den „inneren Kreis" schaffen. Er hat recht, ganz von selbst und ganz natürlich bildet sich in jeder Bewegung der Jugend — man soll nicht soviel von „Jugendbewegung" sprechen — ein innerer Kreis. Dieser innere Kreis besteht ganz selbstverständlich aus führenden Menschen, ob sie nun praktisch führen oder nicht. Aber Herbert Felsenthal hat einen Satz gesagt, der gefährlicher ist als alles andere, nämlich: Ich werde den jungen Gruppen sagen, Ihr seid später die Führer dieser Beweguirg. Es gibt für einen Jungen von 13 bis 14 Jahren nichts Gefährlicheres, als wenn ein Führer vor ihn tritt und sagt: Du wirst Führer sein! Ein Führer muß „ja" sagen können, immer wieder freudig „ja" sagen können, aber die größte Kunst des Führers ist, auch „nein" sagen zu können. Ueber einen Punkt des Referats von Herbert Felsentlial muß ich noch etwas sagen, das ist die Frage der Verpflichtung. Sie dürften aus der Geschichte der jüdischen Jugendbewegung wissen, daß Blau-Weiß an der Verpflichtungsformel zugrunde ging, und Sie wollen dieselbe Verpflichtung einführen. Sic wollen junge Menschen auf einen Paragraphen, auf ein Gesetz verpflichten. Junge Menschen auf einen Paragraphen, auf ein Gesetz zu verpflichten, ist stets gefährlich. Junge Menschen 1'J