Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 6 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
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Aber was ist nun die Idee unseres Verbandes? Ich könnte ganz einfach auf das hinweisen, was ich vor etwa einem Jahre in der Werbenummer unseres Verbandes geschrieben habe und was ich neuerdings mit etwas anderer Wendung in dem Gcmeindeblatt der Dresdener jüdischen Gemeinde ausführte. Ich will es aber ganz kurz und knapp sagen. Unsere Idee ist eben die, daß wir jeden jüdischen Menschen vorbehaltlos, ohne nach seiner Herkunft, ohne nach seiner politischen oder parteircligiösen Richtung zu fragen, als jüdischen Menschen, jüdischen Rrudcr und jüdische Schwester anerkennen und bei uns begrüßen. Mit dieser Ausgangshaltung ist zunächst einmal die Idee unseres Bundes gegeben. Das unterscheidet uns von allen oder doch von fast allen jüdischen Organisationen in Deutschland, die wir heute sehen. Aber Sie werden mit Recht sagen, das genügt nicht als gestaltendes Moment in einem Bunde junger Menschen. Nun denn, man hat hier von Erziehungs- und Gesinnungsgemeinschaft gesprochen, von der Tat vor der Gesinnung und der Gesinnung vor der Tat. Hier ist ganz nüchtern im Hinbück auf die Thcmastellung zu sagen: Wir haben in unseren Bünden gerade aus unserer Unparteilichkeit heraus, aus unserem Mangel an \orbchaItcn heraus die Fragen des heutigen Lebens, und zwar die wesentlichen Fragen des heutigen Lehens, in den Kreis unserer Betrachtung cinzubeziehen und uns dann als jüdische Men-chen" zu fragen: Welche besondere Haltung gehicien uns diese Wesensfragen unserer Zeit aus unserer Wirklichkeit, aus unserem jüdischen Sein heraus? Das ist für jeden Bund die Aufgabe des Tages, die ihm gestellt ist. Lnd diese .Aufgabe deck! sich weitgehend mit dem, was zu ner großen Freude Herbert Feisenthal ausgeführt hat. Was er um den einzelnen Kreisen im .Tugendbund sagte, das war sehr fein. Das war ein Weg. eine Methode zur Belebung der Arbeit. Das war vielleicht mehr ein ästhetischer Moment in der Arbeit. Es kann wertvoll sein, aber es ist nicht das Wesentliche. Es braucht nicht das Wesentliche zu sein. Die Hauptsache, meine Freunde, ist.-daß ihr bei der Betrachtung der Wirklichkei!. deren Betrachtung euch zur Aufgabe nicht nur heule, sondern für die nächsten Monde gestellt ist. alle wesentlichen Fragen unserer Zeit mit berücksichtigt. Die religiöse Frage z. B. ist eine so ungemein wichtige Frage für den jüdischen Menschenkreis, daß sie allein eine Tagurg nötig machte. Mit der ethischen Frage, mit der wirtschaftlichen Frage, mit der sozialen Frage--alles Fragen, die heule erneut zur Entscheidung gestellt sind —, hat sich der Jugendbund zu befassen. Das versiehe ich unter der Themenstellung ..Jugendverband und Wirklichkeit". L'nser Jugendverband hat aus der Weite seiner Einstellung heraus zu all diesen Fragen des täglichen Lebens Stellung zu nehmen. Und so. meine Freunde, und nur dann erfüllt er die Aufgabe, zu der er besonders berufen ist. Der Zusammenstrom der vielgestaltigen Kräfte wird es uns, so hoffe ich. ermöglichen, an der Lösiing dieser brennenden Aufgaben tcilziinehmcr. So bitte ich euch, meine Freunde, die Frage nach der Wirklichkeit und unsere Haltung zu ihr zu verstehen. Nur wei\n wir sie so auffassen, nur dann können wir etwas al< Aufgabe und einiges vielleicht auch als Erkenntnis von dieser Tagung mit nach Haine nehmen. Dr. Cot» Berliner Ißerlin): Liebe Freunde! Die Zeit ist zu weit vorgeschritten, um noch lange Ausführungen zu machen. Ich' möchte aber gern aus Eindrücken heraus, die ich heute abend hier gesammelt habe, und aus meiner Einstellung zu den Dingen des Lebens heraus, die mich ja in den letzten Jahren begreiflicherweise von euch etwas weggeführt haben, ein paar Worte sagen. Ich glaube, wir sind in unserem Verbände mit der Gesamtsiluation in Deutschland, vielleicht auch über Deutschland hinaus — darüber , möchte ich nicht urteilen —, viel inniger, viel fesler verknüpft als uns das oft zum Bewußtsein kommt. Denken wir. die Aelteren unter uns. die diese Zeit noch mit erlebt haben, aktiv mit erlebt haben, einmal einen Augenblick zurück an die Situation vor dem Krieg. Die Situation vor dem Krieg war die. daß wir inmitten eines wirtschaftlich aufsteigenden Volkes lebten, in einem wirtschaftlichen Aufstieg, an dem 18 wir Juden einen sehr erheblichen Anteil haben, daß wir gewissermaßen in einer — ich möchte diesen Ausdruck brauchen — satten Atmosphäre lebten. Aus der Empörung über die Unkultur, die sich damals mit dieser Atmosphäre verband, entstand die deutsche Jugendbewegung. Sie war eine revolutionäre Bewegung der Jugend, die sich dem Herkommen, der Sattheit jener Zeit nicht mehr fügen und deshalb ein eigenes Leben beginnen wollte. 1 Wir in unserem Verbände waren damals von dieser Bewegung verhältnismäßig wenig mitgerissen. Wir waren eine zu breite Mittelschicht von meist jungen Kaufleutcn, die stark ihr eigenes, ihr wirtschaftliches Interesse, ihr Vorwärtskommen und ähnliche Dinge im Kopfe hatte. Immerhin ist es falsch, wenn man glaubt, daß wir vor dem Krieg ganz unberührt von dieser Bewegung waren. Ich erinnere diejenigen, die mit dabei waren, an urscre damaligen Aussprachen. Und dann kam der Krieg mit allem, was dazu gehörte und mit a'l seiner ungeheuren Not. Dann kam der Zusammenbruch. Dann kamen die Jahre der Inflation. Dann kam die Vernichtung des deutschen und jüdischen Mittelstandes und all die anderen schweren Probleme, die heute wiederholt angeschnitten worden sind. Aber in dieser Zeit suchte sich die Jugend, in gewissem Sinne getrieben von dieser ungeheuren Not um uns herum, einen Ausweg. Wir erlebten das Aufleben des religiösen Gefühls. Wir erlebten die Sehnsucht nach der neuen Gemeinschaft. Wir erlebten das Verlangen nach einer neuen Ethik. Ich habe das starke Gefühl, daß alle diese Dinge, die wir damals erlebten, sehr stark doch nur Erscheinungen waren, die aus der Not der Zeit geboren waren und daß sehr viel davon in dem Augenblick, wo wir wieder gesicherte Verhältnisse unter den Füßen haben, wieder verfingen ist. Nun will ich keineswegs die Stimmung und die Haltung zum Leben, die wir in diesen ersten Verzweiflungsjahren hatten, zurückwünschen. Erinnert euch an unsere Bonner Tagung, an die Referate von Löffler, von Lazarus, von mir! Denkt an die innere Haltung, die wir damals hatten. Ich will sie nicht zurückwünschen, und zwar aus folgenden Gründen: Damals waren wir zwar alle innerlich außerordentlich stark bewegt. Es fehlte uns aber etwas anderes. Es fehlte uns wohl durch all das. was wir durchgemacht hatten, an der wirklichen Kraft. Wir waren in unseren Gefühlen aufgewühlt. Wir waren hingegeben an große Ideen, -aber es fehlte uns vielleicht ein Stück von dem Wirklichkeitssinn, von der Tatkraft, von dem Willen, von der Willensstärke, die man braucht, um das Gefühlte in die Tat umzusetzen. In der Beziehung glaube ich, daß die jetzige Jugend ein Stück besser dran ist. Die jetzige Jugend ist für mein Gefühl — ich spreche ganz allgemein von der Jugend in Deutschland, aber ich glaube, es ist bei uns wie bei den anderen auch — dcsilliisionicrt. sie ist ernüchtert, sie will wieder viel stärker ihre Willenskräfte gebrauchen, als das meines Erachlcns die Jugend in den ersten Jahren nach der Revolution gekonnt hat Es besteht aber bei dieser Jugend eine sehr, sehr große Gefahr, daß sie nämlich aus dieser Desillusionierung heraus wieder hineinkommt in ein gewisses Philistertum. Daß sie wieder dahin kommt, alles, was um uns herum ist, wunderschön zu finden, sich am Wiederaufstieg unseres Landes zu freuen und ihre Kräfte ausschließlich auf die wirtschaftliche Seite des Lebens zu lenken. Es hat heute einer mit Recht gesagt, das, was wir uns vor allem erhalten müssen, ist die jüdische Idee. Wenn wir heute von der Wirklichkeit sprechen, dann meine ich das eine: Wir sollen uns an der neuerwachten Nüchternheit freuen. Die Bewegtheit der früheren Jahre drohte doch zu of.t in Phrase auszuarten. Nichts ist aber schlimmer als bewegte Phrase. Dann noch lieber eine nüchterne Phrase! Wir sollten uns freuen des neuen nüchternen, sachlichen Sinnes Wir sollten uns freuen der neuerwachten Tatkraft. Aber wir sollten uns dabei doch eins bewahren: wir sollten uns den revolutionären Sinn im besten Sinne des Wortes zu bewahren suchen, nämlich die Kraft. Kritik zu üben an unse ' 'T an dem, was wir um uns sehen. Und dann gemäß d die wir zu üben haben, persönlich leben.