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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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lieh, sondern auch ihrem Gewicht und ihrer Wichtigkeit nach die junge Generation hier ru Worte käme. Aber nun, glaube ich, habe ich nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, zu euch zu sprechen, vor allem nach den Worten, die von einigen Diskussionsrednern bezüglich der Verbandsidee gesagt worden sind. Wenn wir wieder dahin kommen, daß die jungen Menschen, die hierher kamen, um für ihre Arbeit zu Hause Anregung und Material mitzunehmen, in dem irre gemacht werden, was ihre sicherste Stütze draußen in der Arbeit an den Bünden und in den Bünden sein kann und sein muß, dann haben wir schlechte Arbeil geleistet, mögen wir im einzelnen zu noch so klugen Pointierungen und Formulierungen gelangen. Ich verstehe es durchaus, daß im Laufe des Nachmittags von verschiedenen Seiten hur besonders gern und besonder« eindringlich auf die Frage der Teilnahme der Jugend am Gemeindeleben eingegangen wurde. Es ist keine Frage, daß die Erneuerung der Gemeinde — davon sprachen wir überdies auch bei früheren Gelegenheiten in Erkenntnis ihrer Wichtigkeit schon eingehend genug — mit zu den Aufgaben der jungen Generation unserer ' deutschen Judenheit gehört. Bitte, Freunde, bitte, seid einmal so besinnlich, wie es der erste treffliche Redner des heutigen Tages am Schluß seiner Ausführungen als erste Forderung aufgestellt hat! Seid einmal so besinnlich, schaut einmal in euch selbst mit kritischen Blicken' hinein und antworte dann jeder stille, ob er sich heute schon in der Lage fühlt, umgestaltend, ja revolutionär, wie es der um die Arbeit der jüdischen Jugend so hochverdiente Dr. Grünewald gesagt hat, revolutionär an der Umgestaltung und Neuformung dieser Gemeinde teilzunehmen. Es kann nicht die Aufgabe jüdischer Jugend sein, das Moment der Unruhe in unsere schon genug unruhigen jüdischen Gemeinden hineinzutragen: Aufgabe der Jugend! Bitte, versteht mich nicht falsch und laßt mich in diesem Zusammenhange auch gleich das Wesentliche sagen! Wir wollen nicht juristische Wägungen an Worten versuchen — ich meine das Wort juristisch natürlich nicht im Sinne eines bestimmten Berufs —, wir wollen, um es klar auszudrücken, die Worte nicht dialektisch wägen und dialektisch mit den Begriffen umgeben, sondern wir wollen uns verstehen, unef darum verstehen Sie, bitte, auch mich, wie ich es meine. Ich will der Jugend ganz gewiß nicht das Recht nehmen, soweit sie einstmals Neues aus ihrer Lebendigkeit in den Gemeinden gestalten kann, Kräfte der Erneuerung in das jüdische Leben einströmen lassen kann, dies zu tun. Aber das nenne man nicht Revolutionierung der Gemeinde, sondern das nenne man eben Kraft der Jugend, die von einem der Redner — ich glaube, es war der verehrte Dr. Baeck. der das gesagt hat — schon sehr richtig dahin gekennzeichnet wurde, daß eben jugendliche Kraft, jugendliche Lebendigkeit Kennzeichen und Wesen der jungen Generation, des Jngcndstandes sind. Diese jugendliche Kraft, diese jugcnd'iche Lebendigkeit habt ihr in die Gemeinde einströmen zu lassen in dem Augenblick, wo ihr reif seid, gestaltend an der Arbeit der Gemeinde teilzunehmen. Wann dieser Zeitpunkt durchschnittlich gekommen sein wird, darüber wollen wir uns. wie es vorgesehen ist, in der entsprechenden Kommission eingehend unterhalten. Vorschläge darüber werden euch morgen vorgetragen werden. Es wird dazu kommen, daß ihr in ruhiger, sachlicher Erwägung, frei von jedem i: :~*>enen Geltungsbedürfnis, nur in Erkenntnis des Notwer jsentlichen zu Beschlüssen kommt, die der jüdisch > ,d der jüdischen Gemeinschaft nutzbar und fruchtl en. Darum will ich über diesen Punkt jetzt kein ' 'erlieren. Ic t, wesentlich für diese Zukunft scheint mir zu s und Material für die Arbeit draußen an den Bün imen wird. Darum gilt es, glaube ich, sich mit ,tät an die Aufgaben zu halten und in der At hrer Vertiefung und Weiterführung zu wirken. ins zu fragen: Inwieweit kann diese Erkenntnis v igkeit und Bedeutung der Wirklichkeit für uni i nutzbar und bedeutsam werden? Da scheint . nur ein methodischer, sondern ein Erkenntnis- Themenstellung gemacht worden zu sein. Dieser Fehler erklärt zugleich, warum sich ein Teil unserer jungen Freunde mit den Referaten und ihrem1 Ergebnisse nicht zufrieden erklären konnten. Die einen verstanden unter Wirklichkeit die glatte nüchterne Realität, das Greifbare, Sichtbare, Faßbare. Die anderen aber, die die Besinnlicheren waren, verstehen unter dieser Wirklichkeit eben die metaphysische Wirklichkeit, das heißt: sie verstehen dies Wort dahin, daß es über und hinter diesem Greifbaren ein Wesenhaftes gibt, das der Welt des Sichtbaren und Greifbaren erst den wesenhaften Charakter verleiht. Dieses Wesenhafte nennen die einen das Religiöse, die anderen Gott, wieder andere den Menschen in seiner höchsten Würde. Noch andere versuchen schließlich, es mit der Gemeinde zu identifizieren. Die Wirklichkeit, meine Freunde, die» die Verbandsleitung gemeint hat. als sie das Leitthema für den heutigen Tag stellte, meint beides. Sie meint die sichtbare Wirklichkeit draußen und sie meint jenes Höhere, jenes Tiefere, jenes Wesenhafte, die metaphysische Welt. Und ich glaube, nein, ich weiß, meine Freunde, aus meiner Kenntnis der Wirklichkeit, in oberflächlichem und in tieferem Sinne verstanden, daß niemals eine Beschäftigung mit diesem Thema dringlicher und wichtiger und brennender und vitaler gewesen ist als in unseren Tagen. Ich wundere mich, daß bisher auch nicht ein Wort 'von all dem Chaotischen, von all dem Krisenhaften laut geworden ist, über das ihr in Briefen und Mitteilungen in unserem Verbandsorgan oft so bitter Klage führt. Wir empfinden alle, und nicht nur der jüdische Menschenkreis, die Wirklichkeit, das Leben draußen als ein Leben der Krise, als ein Leben der ewigen Unruhe, der stetigen Erschütterung, als ein Leben, das es dem einzelnen ungeheuer schwer macht, in einem Gleichgewichtszustande seine Straße zu schreiten. Wir verstehen unter dieser Wirklichkeit von heute ein Leben, das die Jugend von heute vor alle wesenhaften Fragen menschlichen und gar jüdischen Seins aufs neue gestellt hat. Darum war es Aufgabe und Notwendigkeit der Stunde, diese Wirklichkeit zur Erörterung zu stellen. Darum, meine Freunde, ist es eure Aufgabe, euch — jeder einzelne aus seiner individuellen Erfahrung und aus seiner jüdischen Erfahrung heraus — mit dieser Wirklichkeit auseinanderzusetzen und sich zu fragen, inwieweit ihr in euren Bünden dieser Wirklichkeit gerecht werden könnt. Ehe ich zu konkreten Verbandsnotwendigkeiten übergehe, muß ich auf zwei Dinge eingehen, die unser verehrter erster Referent, Herr Dr. Wiener, gesagt hat. Dr. Wiener sprach von der Idee und vom Idealismus, und er hat sicherlich mit einigem Grunde an jenem Idealismus Kritik geübt, der als Schwärmerei und als Wirklichkeitsferne bekannt ist. In diesen Worten aber lag doch so etwas darin, das wie eine Unterschätzung der Idee als praktischer Kraft aufgefaßt werden konnte. Da fühle ich mich verpflichtet, nicht nur aus meinem Gefühl von der Bedeutung der Idee als wirkender Kraft, sondern auch aus meinem Gefühl der Verehrung für die großen Idealisten, zu denen wir mit Stolz aufblicken, in erster Linie für einen Immanuel Kant und einen Hermann Ctjhen, ich denke dabei auch an unseren Friedrich Schiller, ich fühle mich also verpflichtet, hier dafür Bekenntnis abzulegen, daß der Idealismus seit Urzeiten nicht nur als die primär wirkende Kraft erkannt, sondern sich als die primär wirkende Kraft erwiesen hat. Eine Gemeinschaft, ein Kreis junger Menschen gar, die nicht die Idee, die nicht eine geistig wirkende Kraft als das erste, von dem sie gepackt und getrieben werden, hat, verdient es überhaupt nicht, als eine lebendige Jugendgemeinschaft betrachtet zu werden. Erklärt ihr, meine Freunde, daß ihr im Jugendverbande keine Idee seht, daß das ein zufälliges Konglomerat von_Menschen ist, daß man nur zufrieden sein soll, wenn man die Menschen notdürftig unter einem Dach, genannt Jugendverband, zusammenhält, dann erklärt ihr damit, daß ihr zur Führung junger Menschen noch nicht reif seid. Glaubt doch nicht, daß wir soviele Jahre unserer Zeit und Kraft einer Sache hätten widmen können, wenn sie nicht von einer großen Idee getragen wäre. 17

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