Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 6 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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geben, das nicht einmal dem entspricht, das euch in den Ländern und im Reiche gewährleistet ist. Diesen Schritt müssen wir gehen. Er enthäÜ durchaus nicht etwa eine Durchbrechung des K'lalgedankens. Wir durchbrechen den Gedanken der jüdischen Einheit nicht, denn diese jüdische Einheit ist nur die Einheit des Preußischen Landesverbandes. Der hat uns aber gar nicht gefragt, obwohl er uns hätte fragen können, obwohl er aus unseren Zeitungen unsere Stimmung hätte ersehen können. Ich gebe zu, wir kommen reichlich spät mit dem Protest. Das hätte eher gemacht werden müssen. Aber wenn etwas spät kommt, so soll man nicht sagen, daß es überhaupt nicht mehr kommen soll. Wir müssen die letzte Chance ausnützen, die uns geboten ist, und uns an den Landtag wenden und sagen: Wir Htten. die Prinzipien der Demokratie durchzuführen. Und wenn Freund Herzfeld* sagt, die Katholiken haben ein Jahr Wartefrist und die Evangelischen drei Monate, so schlägt er "sich damit selbst, denn bei uns ist es freigestellt, die Karenzzeit auf zwei Jahre festzusetzen, dort aber besteht eine feste Frist von drei Monaten. In diesem Punkte gibt es für uns keinen Kompromiß. Wir verlangen die Abschaffung der Karenzzeit. Liebe Freunde! Ich komme zum Schluß. Noch zur Frage der Gesinnungsbildung! Die Frage der Ausfeilung, der Wortwerdung unserer Idee, alle sozialen Fragen, die Verwirklichung der Persönlichkeit in sachlicher Arbeit hängt davon ab. ob es uns gelingt, durch unsere Initiative ein jüdisches Milieu zu schaffen, ob es uns gelingt, in unserem Sinne den Gemeindeaufbau zu bestimmen. Hermann Cohen, der selbst von einem Kulturrecht der Gemeinden spricht, weist uns in diesem Punkte einen Weg, indem er die Gemeinden als Träger der jüdischen Kultur erkennt. Liebe Freunde! Haben wir die.se Erkenntnis, so bedeutet es Feigheit und Pfötchengebcrei und Leisetreterei, wenn wir heute bloß nicht eine Einheit stören wollen, die fiktiv ist, wenn wir heute nicht hingehen und die Forderung stellen werden, die wir mit der ganzen Logik unserer Jugend und noch nicht mit dem Kompromißgeist der Verkalkung durchsetzen wollen. (Lebhafter Beifall.) Kurt Mcyrowitz (Wanne-Eickel): Meine lieben Verbandstreunde! Vom Standpunkt der Jugendbewegung, vielleicht von meinem persönlichen Jugendbewegungsstandpunkte aus. muß ich mich unbedingt gegen die Planfassung Felsenthals wenden Herbert Felscnthal hat die Jugendbewegung angegriffen, indem er gesagt hat. die Jugendbewegung will nur Persönlichkeiten erziehen. Das ist unbedingt ein Irrtum. Die Jugendbewegung will zunächst Individuen schaffen, zunächst, um dann durch die Individuen zur Gemeinschaft zu kommen. Gibt -es eine Jugendbewegung, die nicht geradezu immer das Innerste circr Gemeinschaft zu verkörpern sucht? Es ist undenkbar. * oti einer Jugendbewegung zu sprechen, ohne dabei sofort an eine Gruppe zu denken. Der Mensch der Jugendbewegung wird von einem Pflichtbewußtsein getragen, das ihn an seinen Platz in seinem Bund stellt. Es ist aber das Verantwortungsgefühl, das ihn dazu treibt, sich anf diesem Platz zu halten, um das durchzusetzen, was in seinem Innern verwirklichungsbedürftig erscheint. Ich möchte nun auf. einige praktische Dinge hinweisen. Zunächst einmal glaube ich nicht daran, daß Junggruppen einen derartigen Lernwillen haben, wie ihn Herbert Felsenthal voraussetzt.- Ich glaube nicht, daß sich die Junggruppen von vornherein damit einverstanden erklären werden, sich unter das Präsidium — in aller Wertschätzung sei das gesagt — der Herren Rabbiner und Lehrer stellen zu lassen. Nebenbei bemerkt ist das Auswahlp-irzip nicht nur bei der Jugendbewegung Herbert Felsenthal sprach vorhin gegen das Ausleseprinzip der Jugendbewegung und entwickelte uns dann in wundervollen Kreisen, wie er das Ausleseprinzip im Jugcndbund zu verwirkliehen gedenkt. Ich glaube, das ist die richtige Art, den jüdischen Jugendbund umzuorganisieren. Man kann dabei heute natürlich noch nicht sagen, wie sich die Junggruppen entwickeln werden. So- 16 viel ich fühle, glaube ich, daß sie einen sehr selbständigen und einen sehr aktiven jüdischen Weg gehen werden, der vielleicht das verwirklicht, was bisher im Jüdischen Jugendbund noch nicht verwirklicht worden ist. Dr. Grünewald (Marnheim): Meine Damen und Herren! Die Reihenfolge der Referate zeigt einen gewissen Bruch. Herr Dr. Wiener hat von der Wirklichkeit gesprochen. Und er ganz allein. Die beiden anderen Referate handelten nicht von der Wirklichkeit, sondern von der Gegenwart. Das ist etwas Grundverschiedenes. Zur Wirklichkeit gehört sehr vieles, ja noch mehr, was bereits vergangen ist. Sie haben also von der Wirklichkeit gesprochen, und dabei habe ich zur Kenntnis genommen, daß Sic sich viel stärker als früher nunmehr auf die Gemeinde einrichten. Sie gehenalso den umgekehrten Weg, den man sonst zu gehen pflegt. Sie gehen vom Verbände aus zur Gemeinde. Sonst geht man von der Gemeinde aus zum Verbände. Nun will ich aus begreiflichen Gründen auf diese Frage der Gemeinde und der Gemeindcbildung nicht näher eingehen. Ich will nur, weil mir nur ein paar Minuten vergönnt sind und ich nicht auf einzelnes eingehen kann, meinem großen Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß Sic so sehr juristisch eingestellt sind. Ich sehe das Spiegelbild der künftigen Gemeinde, wie diese Gemeinde ist. Diese juristische Einstellung kommt vor allen Dingen in den Punkten zum Ausdruck, wo es sich um die Verwirklichung handelt. Nur ein paar einzelne Beispiele. Es ist die Rede von der Wohlfahrtspflege. Man geht zum Wohlfahrtsamt, und wenn man selbst keine Aufgaben weiß, läßt man sich vom Wohlfahrtsamte jugendgemäße Aufgaben übertragen. Damit ist schon ein Teil der Wohlfahrtsarbeit erledigt. Dann weiter! Sie haben bei Ihrer ganzen Einstellung zur Gemeinde kein Wort darüber gesprochen, daß es heute innerhalb der Gemeinde, die Sie somit in Bausch und Bogen als gegeben annehmen, gemeindefremde Organisationen gibt, die zwar nicht dem Programm nach, aber in Wirklichkeit und in ' der Praxis die Auswahl nach dem Einkommen eines Menschen und nach seiner akademischen Befähigung treffen. Schließlich das Dritte! Wenn Sie von der Ostjudenfrage sprechen, sprechen Sie immer von Karenzzeit. Bei Menschen, die mit Ostjuden Tag für Tag zusammenleben, spielt die Frage der Karenzzeit eine sehr untergeordnete Rolle. Es nützt Ihnen nichts, wenn Sie Gesetze für die Ostjuden machen und die Gesetze ändern, wenn Sie mit den Ostjuden nicht leben. Alles andere ist völlig sinnlos. Aber wir haben erfahren, daß uns diese Dinge in Papierform absolut nichts nützen. Wir sollten diese Papierformate nicht auf unsere eigenen Brüder übertragen. Um es zusammenzufassen. Sie haben eigentlich diese ganze Reformierung, die ganze Gemeindearheit sub specie legis gefaßt. Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als daß jede Arbeit in der Gemeinde von der Jugend aus eine Revolutionierung der Gemeinde bedeutet, nichts anderes. Ich glaube nicht, daß es Massenimpulse religiöser Art für die Jugend gibt, genau so wenig, wie es Massenimpulse ästhetischer Art für die Jugendbewegung gibt. Eines aber gibt es. das ist der moralische Impuls, und gegen die moralischen Unzulässigkeiten in unserer Umwelt haben wir anzukämpfen. Das ist das unmittelbare Feld auf dem wir arbeiten können und müssen. Abschließend! Es gibt eine Wahrheit des Zieles und es gibt eine Wahrheit der Methode. Ich bezweifle grundsätzlich, daß der Weg. der heute hier angedeutet worden ist, der richtige ist. Es ist heute von der Verwirklichung ausgegangen worden. Goethe sagt, was fruchtbar ist, allein ist wahr. Ich möchte umgekehrt sagen: Auf die Dauer ist nur das fruchtbar, was wahr ist. Dr. Gustav Löffler (Frankfurt): Meine lieben Freunde! Unser Freund Hahn hatte mich gebeten, ich möchte mich früh zur Aussprache melden, weil er von mir gehofft oder erwartet hat. daß ich auf die Richtung der ganzen Aussprache einigen Einfluß zum mindesten zu nehmen versuchen würde. Ich habe das abgelehnt, weil ich wünschte, daß vor allem nicht nur zeit-