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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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liehe Gesinnung zu erzeugen. Gesinnung läßt sich überhaupt nicht erzeugen, und wenn die Verschiedcnartigkcit unsere Stärke ist, so kann ich nicht einsehen, warum wir dann eine einheitliche Gesinnung erzeugen wollen. Liebe Freunde! Wenn wir eine einheitliche Gesinnung hätten, was hätte das Wort Neutralität noch für einen Werl? Neutral sein heißt doch, wie es heute richtig und schön gesagt wurde, weiter nichts, als daß wir eine große umfassende Form haben, in der die Träger der Ideen zusammenkommen und diese Ideen gegeneinander abwägen und sachlich verwerten. Niemals kann es sich bei uns darum handeln, eine einheitliche Idee zu propagieren. Wenn man das versuchen wollte, wäre das — das sage ich immer wieder — der Tod des Jugendbundes. Unsere Pflicht, wenn wir schon von einem Minimalprogramm sprechen, ist, zu versuchen, eine Minimalbewcgung nach dem Jüdischen hin zu erzeugen. Dazu sollen wir alle die erfassen, die ihren Weg zum Judentum gewählt haben. Sie sollen sich in unserem Jugendbundc vereinigen, wie auch ihre Einstellung zum Judentum im einzelnen sein mag. Die Jugend soll bei uns lernen, den anderen zu achten als das, was er ist, nämlich als den jüdischen .Menschen. Sie soll lernen, die Wege der anderen zü verstehen, und soll sich nicht anmaßen, zu sagen, mein Weg isl der allein seligmachcnde. Sie soll lernen,, demütig und bescheiden zu sein. Ja, ein bescheidenes Ziel ist es, das sich der Jugendbund in diesem Sinne stecken muß. Das Ziel ist ein Minimalprogramm: es zielt darauf ab, schließlich alle Bewegungen, die kommen, alle Ideen, die sind, in sich zu vereinigen, um ein einiges jüdisches Volk in sich vereinigt zu sehen, vereinigt in dem Sinne, daß es gegeneinander ehrlich .ist, daß es sich versteht und achtet und ieder auf seine Art arbeitet für das Judentum und damit für die Menschheit. Angewendet auf die Gemeinde heißt das nichts anderes, als daß es die Pflicht des Jugendbündlcrs ist. seine Ideen in die Gemeinde hineinzutragen, wobei ich personlich nicht so viel Wert auf die Wahlgeschichte lege, wie der Referent. Was übrigens die Karenzzeit betrifft! Ich verstehe es einfach nicht, daß man überhaupt dies Wort in den Mund nehmen kann, wenn man gleichzeitig vom K'lal Jisroel spricht. Zum Schluß sei noch gesagt, daß die Jugend nicht das Recht hat, mit dem Worte Sachlichkeit Unfug zu treiben. Uebcr die Sachlichkeit in dem Sinne, wie sie heute morgen philosophisch darzustellen versucht worden ist, zu rechten, steht mir nicht zu. Aber die Sachlichkeit kommt immer, entgegen Ernst Hölzer, an zweiter Stelle. Zuerst und vor allem geht es bei der Jugend um die Idee. Unser Ziel muß sein-, die Jugend im Sinne des Judentums zu erfassen, damit sie sich gegenseitig verstehen und lieben 4ernt. Aber diese Liebe darf nicht egoistisch werden, die darf nicht sich meinen, sondern immer den anderen, und nur, wenn sie den Mitmenschen meint, wird sie ihre Sache machen. Wenn wir >o unsere Kräfte dem Jugendbund geben, gibt es vielleicht einmal so etwas wie ein einiges, wenn auch verschieden geartetes neues Judentum. Das ist das Ziel des Jugendbundes, daran und dafür wollen wir arbeiten. Dr. Hahn: Folgende Resolution Dr. Julius Herzte 1 d (Essen) ist eingegangen: Der VJJD. steht auf dem Boden der Einheitsgemeinde. Er erwartet von allen Landesverbänden und Gemeinden die weitestgehende Heranziehung der Jugend zur Gcmeindcarbeit und die Berücksichtigung seiner Forderungen: 1. Die Frauen sind wahlberechtigt. 2. Das aktive Wahlrecht zur Gemeindevertretung beginnt mit dem vollendeten 20. Lebensjahre. Der VJJD. erstrebt die Schaffung einer demokratischen Gesamtvertretung der deutschen Juden. Aribert de Jonge (Duisburg): Liebe Freunde! Mein Vorredner hat in seinen letzten Worten ein Programm entwickelt für die Jugend, die nach uns kommt. Ich glaube, wir haben noch viel dringender, noch viel schärfer, als er es getan hat, unsere Situation zu prüfen und bei ihr herauszufühlen, ob nicht 14 auch für uns diese Möglichkeilen zur Einheil bereits vorhanden sind, die man unseren Kindern erst prophezeit. Wenn hier gesagt worden ist, die jüdische Wirklichkeit, wie sie ist, ist nicht genügend zur Gellung gekommen, so stimmt das. Ich kann nur von Verwirklichung in sachlicher Arbeit sprechen, wenn ich die Wirklichkeit auch sehe. Andernfalls ist das, was ich tue, unvernünftig und nichts anderes als ein Kopfsprung in die Sachlichkeit, nachdem man milder sogenannten Idee nicht fertig geworden ist. In unseren Freunden lebt ein Gefühl von der richtigen Idee, ein Gefühl der Idee, die wir mit gesamtjüdisch bezeichnet haben, die man auch mit dem K'lalgedanken bezeichnet. Es ist die Idee der untrennbaren Einheit des Judentums, der Verbundenheil aller Juden, des Einstehens aller Juden für einander. Von dieser Idee ist auszugehen. Das ist schon eine Idee. Sie ist natürlich zur Formel, die man bequem nach Hause tragen kann, durchaus nicht geeignet. Einem jungen Menschen zu sagen: K'lal Jisroel, oder zu sagen: sei gcsamljüdisch! — damit kann er nichts anfangen. Zur idealen Erziehung gehört, daß man die Idee nicht formuliert, sondern sie vorlegt. Worauf es bei uns also in unserem Erzichungsbunde, dem man eine Gesinnung geben will, in dem man auf die Wirklichkeit hingehen will, ankommen wird, ist die Persönlichkeit, ist die Individualität, die Beispiel gibt. Ich siehe nicht auf dem Standpunkt von Hölzer, der sagt, man geht in den Verband hinein, wird eine Individualität und geht wieder hinaus. Das ist erheblich übertrieben. In einem solchen Maße hat der Verband zeit seines Bestehens noch nicht individualitätsbildcnd wirken können. Individualitäten, halbe, ganze, sind hineingekommen, haben sich ihr Teil genommen, sind gegangen, sind zum Teil auch geblieben. Hölzer widerspricht sich, denn der Verband muß eigentlich produktiv sein, wenn ich sehe, daß sämtliche Individualitäten, sämtliche Menschen, nachdem sie sich bei uns angereichert haben — gestatten Sic diesen Ausdruck aus der Chemie —, herausgehen. Ich glaube, Holzer hat unrecht. Unsere Forderung geht weiter als die von Holzer. Unsere Forderung geht dahin, allen, die bei uns sind, eine sehr starke menschliche Bindung zu geben, daß sie bei uns bleiben können, obwohl sie Individualitäten sind. Davon ist auszugchen. Dabei kann man auch von einem Erziehungsminimalprogramm sprechen. Das gebe ich Herbert Felsenthal zu. aber um meinem Vorredner, vor allem aber, um der Sache gerecht zu werden, kommt es mir mehr auf eins an: Individualitäten, Lehren, Erziehung. Idee, all das, was hingeworfen wird, ist, so gewiß der Geist an den Körper gebunden ist. gebunden — nicht an den Menschen, denn der allein ist hilflos —, sondern ist gebunden an das' jüdische Milieu. Ist es uns möglich, von den Jugendbünden aus ein jüdisches Milieu zu schaffen, das heißt eine Atmosphäre, die gesättigt ist nicht nur vom allen, sondern ajeh vom neuen Judentum? Ist das möglich? Und das ist ein Verbandsziel allerersten Ranges für das Galulh. Ist das möglich, so kommt alles andere leicht, so ist es leicht, zu erziehen, ein Minimalprogramm zu geben, Individualitäten zu halten und in die Gemeinden zu gehen. Voraussetzung aber ixt das jüdische Milieu. Nun kommt die berühmte Frage: Was haben wir erst zu schaffen, die Gesinnung, die das Milieu erst ermöglicht, oder das Milieu, das die Gesinnung ermöglicht? Das ist die berühmte Frage: Was war erst da, das Ei oder die Henne? Ich glaube, hier heißt es für uns ganz einfach, nicht zu klügeln, sondern anzupacken. Darin sehe ich die Sachlichkeit. Darum begrüße ich den Erziehungsentwurf von Fclsenthal, auch wenn er der jüdischen Wirklichkeit nicht gerecht wird. Er schafft nämlich ein jüdisches Milieu, indem er versucht, junge Juden zu erziehen. Ob er das Richtige schafft, ist eine weitere Frage. Es steht allen von uns die Diskussionsmöglichkeit zu. Aber dieses Milieu muß natürlich eine gewisse Aussicht auf Bestand haben. Milieu isl nichts anderes als die Stimmung, die Atmosphäre einer für längere Zeit, für die Dauer zusammengefaßten jüdischen Gesamtheit. Wenn wir hier fragen, wo haben wir im Galuth eine solche Realität, die es ermög-

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