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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Uns war es bisher nicht möglich gewesen, auch die Massen, die wir bei ups haben, mit unserer Gesinnung zu durchpulsen. Unsere Führer und auch diejenigen, die heute hier zusammengekommen sind, erfüllt heute noch lange nicht das Maß von Verantwortungsbewußtsein, von Aktivität und teils auch von Format, das wir von unseren Führern verlangen müßten. Rathenau sagte einmal, daß er von Einrichtungen sehr wenig halte, aber von Gesinnungen unendlich viel. Wir haben uns nun glücklicherweise wieder zurückgefunden zu jener Diskussion über das Wesen unserer Arbeit. Und wenn man auf dem Standpunkte steht, daß nur die immerwährende Diskussion, das sich immer erneuernde Eindringen in die Dinge, die unsere Dinge sind, förderlich wirken können, dann müssen wir uns freuen, daß wir zu dieser Aussprache über das Wesen unserer Neutralität zurückgekehrt sind. Der Verband wird heute von manchen — es hat sich das erst auf der Bonner Führertagung im vorigen Jahre wieder gezeigt — als Zweck- und als Notverband empfunden. Es ist schon mit wünschenswerter Klarheit gesagt worden, daß wir eine Gesinnungsgemeinschaft sein müssen. Nun erhebt sich die Frage: Wodurch erreichen wir eine Gesinnung? Wie durchpulsen wir unsere Menschen mit unserer, der Verbandsgesinnung? Mir scheint, daß die Wege, die wir bisher gegangen sind, nicht die richtigen gewesen sind. Mir scheint, daß wir über unsere bisherigen Wege hinauskommen müssen. Wir haben bisher unsere Arbeit geleistet auf der Basis menschlicher und persönlicher Beziehungen. Wir haben es nicht ermöglicht, daß unsere Menschen sachlich, ideell zusammenhängen. Es herrscht auch auf dieser Tagung, wie auf den früheren, eine gewisse Hochstimmung menschlicher Art; aber über dieser Stimmung, die uns die persönliche Bekanntschaft, das persönliche Zusammenklingen vermittelte, ging uns die sachliche Erkenntnis verloren und die Verbandsidee. Wir können die Gesinnung erst dann erzielen, wenn wir uns in sachlicher Arbeil finden. Menschliche Bindungen sind, wie alles Menschliche, vergänglich. Unsere Arbeit entbehrt heute noch des Dauerhaften, des, ich möchte fast sagen, Ewigen, des über den einzelnen Menschen Hinausragenden. Bei uns in unseren Kreisen, in unseren Bünden und in unseren Landesverbänden herrscht ein ewiger Wechsel. Es sind Menschen, die persönlich verbunden sind. Sie kommen zusammen und gehen wieder auseinander, in dem Augenblick, wo sie sich nämlich persönlich nichts mehr zu geben haben. Und damit kommen wir zu einem anderen. Wir erfüllen im großen und ganzen nicht die Forderungen, die Dr. Wiener aufgestellt hat. Wir kommen in unserer großen Mehrheit nicht zum Verbände, von einem Pflichtbewußtsein getrieben, von einem objektiven, wenn wir so wollen, göttlichen Gesetz gelrieben, sondern wir kommen zu dem Verbände zur Verwirklichung unserer Persönlichkeit, zur Verwirklichung unserer Individualität. Und wir gehen vom Verbände dann, wenn wir uns für die Vollendung unserer Persönlichkeit nichts mehr versprechen. Wir müssen heute dazu kommen, daß wir als Erstes das objektive Pflichtbewußtsein, das eben auf den Dienst am Ewigen hinzielt, setzen müssen.. Wir müssen dazu kommen, daß uns die Verwirklichung unserer eigenen Persönlichkeit, unserer eigenen egozentrischen Interessen erst in zweiter Linie steht. Dann wird es uns auch möglich sein, daß wir noch lange im Verbände arbeiten können, auch wenn wir unsere Persönlichkeit bereits gebildet haben. Meine Freunde! Es wird uns heute empfohlen, den Weg m die Wirklichkeit zu gehen. Aber als Wirklichkeit wird uns gezeigt die Wirklichkeit jener anderen, der Alten. Es wird uns gesagt, wir müßten in jene Wirklichkeit, in die Gemeinde, teils auch in die Parteien gehen. Es ist uns sogar von einem unserer Führer in Bonn empfohlen worden, wir seien verpflichtet, jüdischen Parteien Nachwuchs zu schaffen. Meine Freunde! Wenn wir ein Gesinnungsbund sind, so haben wir die Verpflichtung, unsere Gesinnung in die jüdische Oeffentlichkeit zu tragen und erst dann Posten und Aemter in den jüdischen Gemeinden einzunehmen, einmal, wenn die Menschen, die wir präsentieren — das sagte Herzfeld schon —, von unserer Gesinnung durchglüht sind, und dann, wenn wir die objektive Möglichkeit haben, unserer Gesinnung Durchbruch zu verschaffen. Wir haben, um es konkret auszudrücken, kein Interesse daran, den Weg in die Gemeinde der Vergangenheit oder der Gegenwart zu gehen, sondern wir haben ein Interesse daran, den Weg in die Gemeinde der Zukunft zu finden. Wir haben kein Interesse daran, den Ehrgeizigen aus unseren Reihen J^den Weg zu erleichtern, sondern wir haben lediglich das Interesse, in den Gemeinden und maßgebenden Verbänden in unserem Geiste zu arbeiten. Es wäre meiner Ansicht nach die Aufgabe der Führer des Verbandes, es abzulehnen, sich auf den Listen jüdischer Parteien in die jüdischen Körperschaften wählen zu lassen. Wir wollen ausnahmsweise einmal nicht 40 Jahre später, sondern heute oder mindestens zu gleicher Zeit wie die deutsche Umwelt politische Maßnahmen ergreifen. Wir wollen und sollten darum grundsätzlich das Listenwahlsystem ablehnen und das personelle Wahlsystem fordern. — Meine Freunde! Ich glaube nicht, daß der. Weg von Herbert Felsenthal gangbar ist. Ich glaube nicht, daß es bei der Verschiedenheit der örtlichen Verhältnisse möglich ist, ein einheitliches Minimalerziehungsprogramm aufzustellen. Ich glaube — und ich komme darauf immer wieder zurück —, daß es wesentlich für uns ist, auf allen möglichen Wegen — denn unsere Verschiedenheit ist ja unsere Stärke — dazu zu kommen, daß wir eine einheitliche Gesinnung schaffen. Meine Freunde! Wir müssen uns gegen jeden Persönlichkeitskult wenden. Wir müssen es erreichen, daß uns die objektive Gesinnung zum Verbände führt. Wir müssen aberüber Wiener hinausgehen und nicht nur die Verwirklichung der Persönlichkeit durch die sachliche Arbeit, sondern wir müssen die Verwirklichung der Sachlichkeit in der persönlichen Arbeit fordern. Liebe Freunde! Ich glaube, daß der Verband in erster Linie auf sachlicher Grundlage und ers' >n zweiter Linie auf persönlichen und menschlichen Beziehungen bestehen wird, oder er wird eben nicht bestehen! Wir sind nicht da zur Vollendung unserer Persönlichkeit, wir sind auch nicht da zur Verwirklichung unseres persönlichen Glückes, sondern wir sind da zur Vollendung des Ideellen, des Sachlichen aus unserem Geiste! Hans Friedberg (Karlsruhe): Liebe Verbandsfreunde! Das Thema des heutigen Delegiertentages hieß: „Unser Weg in die Wirklichkeit". Aber man hat eines vergessen, man _ hat nämlich vergessen, uns zu zeigen, wie diese Wirklichkeit, in die uns unser Weg führen soll, eigentlich aussieht. Man hat uns nicht gesagt, wie sie negativ aussieht: man hat uns nicht gesagt, wie sie positiv aussieht. Man hat uns nicht die- Zerrissenheit gezeigt, die heute so schlimm wie je durch die Judenheit geht, die Zerrissenheit und Dumpfheit des jüdischen Gefühls, das nach wie vor nur noch negativ zusammengehalten wird durch den Druck von außen und nicht von der Bewegung von innen. Man hat vergessen, uns zu sagen, daß von einer Einheitlichkeit des Judentums gar keine Rede sein kann, daß die Juden, wie sie heute im Galuth sind, verschiedenartig sind und sein müssen. Wir sprachen und sprechen vom K'lal und gehen an der Tatsache vorbei, daß viele Menschen unter dem gleichen Wort etwas sehr verschiedenes meinen. Wir wissen ganz genau, daß es keine einheitliche Erneuerung geben kann. Wir wissen ganz genau, daß sich der eine die Erneuerung des Judentums auf der Straße des Nationalen, der andere auf der der Religiosität und der dritte, der Glücklichste, auf der des Nationalen und Religiösen sucht. Gemessen an der Wirklichkeit ist schon der Standpunkt Herbert Felsenthals in seiner Grundauffassung verfehlt. Er_ sagt, der Jugendbund ist ein einheitlich Ganzes, und auf diesem einheitlichen Ganzen will er ein einheitliches Minimalprogramm — sein Fehler soll es nicht sein, daß es ein Maximalprogramm geworden ist — aufstellen. Aber es muß anders heißen: Der Jugendbund ist ein verschiedenartiges Ganze. Das hat Holzer ganz richtig gesagt, wenn er meint, unsere Verschiedenheit ist ja unsere Stärke. . Unverständlicherweise sagt er dann aber sofort: wir müssen versuchen, eine einheit- 13

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