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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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den an Parteianhänger vergeben. Nicht immer sind es die besten Köpfe, die dadurch die Leitung der Gemeinde in die Hand bekommen. Wir sind woh! alle mit keiner jüdischen Gemeindepartei heute restlos einverstanden. Gerade wir wollen ja auch nicht, daß die Gemeindearbeit, durch Parteigezänk vergiftet, nicht vorankommt. Wir vom Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands sehen gerade in der Gemeindcarbeit ein weites Gebiet für jüdische Betätigung, die von Männern und Frauen aller Richtungen in gemeinsamem Zusammenarbeiten geleistetwerdenkann. Wir sind an der Arbeit, ein Geschlecht zu erziehen, das solche gemeinsame Arbeit leisten kann und leisten wird. Wir wollen beweisen, daß trotz aller sachlichen Meinungsverschiedenheiten ein reibungsloses Zusammenarbeiten zum Wohle der Gemeinden und zum Wohle des deutschen Judentums möglich ist. Wenn also heute der Weg in die Gemeindeverwaltungen noch über die Parteien führt, so müssen wir doch darauf hinarbeiten, daß hier recht bald eine Wandlung einsetzt, daß man nicht mehr Parteien, sondern Persönlichkeiten wählt. Wenn dieser Weg Wirklichkeit werden wird, brauchen wir nicht bange zu sein, daß unsere Forderungen und Wünsche erfüllt werden. Wenn wir soweit sind, dann wird die Gemeinde nicht nur eine Körperschaft des öffentlichen Rechts sein, sondern dann wird sie auch eine Gemeinschaft aller ihr Angehörenden darstellen. Wir werden dann für uns in Anspruch nehmen können, als erster großer überparteilicher Jugendbund die Vorarbeit dazu geleistet zu haben. Liebe Verbandsfreunde! Wenn ihr mit mir der Ueberzeugung seid, daß die Arbeit der Jugend in der Gemeinde einen Hauptteil unseres Weges in die Wirklichkeit darstellt, dann muß ein jeder von uns dieser Erkenntnis gemäß handeln. Es geschieht zur Erhaltung und Belebung unserer Gemeinden und unseres deutschen Judentums! Pause. Generalaussprache Präsidium: Dr. Hahn Dr. Rülf (Bamberg): Liebe Verbandsfreunde! Es ist unendlich schwer, zu dem vielen Schönen, was wir aus den wohlausgearbeiteten Referaten der drei Redner gehört haben, hier in der Stegreifrede Stellung zu nehmen. Ich möchte mich daher darauf beschränken, einige kleine Ergänzungen zu geben. Als heute von der viel umstrittenen Sachlichkeit die Rede war, da fiel mir eigentlich ein Stein vom Herzen, als sich aus den Worten von Dr. Wiener sehr bald ergab, daß wir unter Sachlichkeit nicht das zu verstehen haben, vor dem wir uns fürchten, nämlich Ernüchterung und Verdächtigung des Idealismus als Sentimentalität und faulen Zauber; daß vielmehr die Sachlichkeit aufgefaßt wurde als eine ernsthafte Entscheidung für das Ideal, als ernsthafter Versuch, das Ideal zu verwirklichen und bei der noch so kühlen und klaren Arbeit doch nichts von seinem Schwung und von der Begeisterung, die es in uns erwecken soll, zu verlieren. Es will mir nun aber scheinen, als ob das Ideal in den drei Referaten zu einer Einheit ergänzt oder zusammengefaßt werden könnte, zu der dreifachen Einheit, wie wir sie in den Sprüchen der V äter dargelegt finden, nämlich: Tauro, die Lehre. Awaudo, der Dienst, und Gemillus chassodim, das Wohltun. Wenn wir das recht verstehen, finden wir von diesen drei Teilen des jüdischen Ideals in jedem der drei Referate eines. Die Worte von Dr. Wiener zielten ab auf Tauro, d. h. auf Gott und seine Lehre. In dem Referat von Felsenthal,spielte immer .wieder der Dienst eine Rolle, die Arbeit dieser drei Kreise, die er uns gezeichnet hat, und Dr. Herzfeld streifte das dritte, nämlich das Wohltun, das nach meiner Meinung ein wenig zu kurz gekommen ist. Wir sollten die Wendung zum Mitmenschen vollziehen. Wir sollten nicht nur daran denken, was wir aus uns machen, wie 12 wir uns erziehen, wie wir aus uns die Führerpersönlichkeiten heranbilden, sondern wir sollten auch daran denken, wie wir uns zu unseren Mitmenschen wenden, wie wir ihnen helfen können. Aus den beiden stärksten Büchern der letzten Jahre, die beide von Juden geschrieben sind, aus Wassermanns „Fall Maurizius" und Arnold Zweigs „Sergeant Grischa", gellt uns der Aufschrei der gequälten Kreatur in einer erschütternden Weise ins Ohr und ins Herz. Wir sehen hier, wie Menschen vtfn einer brutalen Gesellschaftsordnung, von dem Egoismus gewisser Gesellschaftsklassen gepeinigt und in den Staub getreten werden. All das, was wir selbst im Kriege erlitten haben, wird dabei wieder lebendig. Denken Sie daran, daß wir alle, die wir uns hier in diesem Saale befinden, noch unter dem Kriege gelitten haben. Wir. auch die Jüngsten unter uns, gehören zu denen, die noch aus eigener Erfahrung etwas vom Kriege wissen. Wir Aelteren sind zum größten Teile selbst mit dabei gewesen, und die Jüngeren haben zum mindesten den Hunger des Krieges und der ersten Nachkriegszeit mitgemacht, das ganze Elend, das damals in Deutschland herrschte, und vielleicht haben Sie selbst noch an Ihrem Körper die Spuren der Ueberanstrengung und der Unterernährung jener entsetzlichen Jahre. So sind wir vielleicht noch diejenigen, die imstande sind, die Qualen der leidenden Menschheit voll zu verstehen. Ich fürchte beinahe, es konnte dann eine Generation kommen, die, weil sie nichts mehr vom Kriege weiß, diesem ganzen Komplex unserer Stellung zum Mitmenschen mit jener Kühle und Sachlichkeit gegenübersteht, die wir nicht wünschen. NX ir wollen eine Sachlichkeit, bei der die Begeisterung für das Ideal heiß im Herzen brennt, wollen eine Sachlichkeit in der Arbeit, die getragen ist von dem Mitgefühl für die leidende Menschheit. Ich meine, bei derartigen sozialen Arbeiten hört auch jede Sentimentalität auf. Da muß wirklich praktisch gearbeitet werden. Wer einmal angefangen hat, sozial tätig zu sein, der weiß, daß er zuerst entsetzlich viel Fehler macht, daß er im Ueberschwange des Gefühls kam und dabei ausgebeutet wurde, und erst allmählich konnte er seine Hilfe am Mitmenschen in der herzlichen und doch sachlichen Arbeit betätigen," wie es die Thora gewollt hat. Ich versage es mir, hier praktische Wege anzugeben, wie auch unsere Jugendbünde sozial arbeiten können. In gewissem Sinne ist ia schon die Heranziehung des Massenmenschen, die Sorge um ihn soziale Arbeit in höchstem Sinne. Je mehr wir uns dem Mitmenschen zuwenden, desto jüdischer wird unser jugendbund sein. Ich möchte schließen mit einem Midrasch, der besagt, daß Jer jüdische Mensch darin sein dreifaches Kennzeichen findet, daß er gehört zu den Barmherzigen, zu den Schamhaften und zu den Wohltätigen. Ernst Holzer (Frankfurt a. M.): Meine Freunde! Es geht in kritischer Geist durch diese Tagung. Wir wollen uns dieses kritischen Geistes freuen, weil nur aus solchem Geist Neues werden kann. Ich glaube, daß wir alle die Erneuerung und die Höherführung des Verbandes erstreben. Um aber darüber klar zu werden, was notwendig ist, um den Verband zu erneuern, müssen wir zunächst erkennen, was ist. Wir haben zwei Jahre lang einen organisatorischen Aufstieg des Verbandes erlebt, wie wir ihn in Düsseldorf nicht für möglich gehalten haben. Wir sind eine Organisation geworden, die es an numerischer Stärke mit den größten Organisationen des deutschen Judentums aufnehmen kann. Und doch fragen wir uns heute alle, ob dieser numerischen Stärke auch der Einfluß entspricht, den wir ausüben müßten, wenn wir ein Faktor wären. Warum nun sind wir noch nicht solch ein Faktor im jüdischen Leben Deutschlands, wie wir es als ein Bund von 12 000 hätten sein müssen? Weil wir, scheint mir, vorerst lediglich die Zeit gehabt haben, unsere Energien auf die Erfassung der Massen zu richten, und weil wir neben dieser extensiven nicht auch eine intensive Tätigkeit ausgeübt haben. Das war uns bisher nicht möglich. Wir wollen uns das ganz klar eingestehen, um daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen.

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