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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Zwei Fehlerquellen sind es, au( die ich hinweisen möchte, und zwei Forderungen, die ich aus ihrer Kenntnis an den Verband zu stellen habe: die erste ist die aus seiner geschichtlichen Entwicklung herrührende mangelhafte O r g a n i k des Verbandes und seiner Glieder und daraus resultierend die Forderung nach dem Erzieh ungs -Mindestprogramm, diä zweite: die aus der Entwicklung der Judenheil in Deutschland herrührende altersstufliche, gesellschaftliche und wissensmäßige Unterschiedlichkeit unserer Bundesmitglieder und die hieraus erwachsende Forderung nach einer Kreiseinteilung unserer Bünde. — Alle anderen Fragen, die unsere Führer in den letzten .lahren bewegt haben, werden, so hoffe ich, sich diesen beiden Kernfragen einordnen lassen. Die Geschichte unseres Verbandes pflegen wir in drei Hauptabschnitte einzuteilen, in deren drittem wyuns noch befinden. Den ersten Hauptabschnitt, den wir von der EnU stehung der ersten Bünde und der Gründung des Verbandes (1909) bis in den Weltkrieg hinein zählen, können wir als die Zeit des J u g e n d p f 1 e g e v e r e i n s bezeichnen. Wie sein Name besagt, ist er der von außen her geförderte Zusammenschluß der im Beruf heranwachsenden .lugend aus fürsorgerischen Gründen — Bewahrung vor Großstadtleben und Abiall, und — das ist das Entscheidende — zu Bildungszwecken im alten Sinne-, zum Erlernen. Nicht Erziehung zu einem neuen Geschlecht, auf ein bestimmtes Ziel,• sondern Bewahrung und Einordnung in das von anderen geschaffene Gehäuse. Der zweite Hauptabschnitt, der von dem Anbeginn des deutschen Umsturzes bis in die Zeit des Niederganges unseres Verbandes reicht, ist gekennzeichnet durch den Kampf des Jugcndpflcgevercins mit dem Extrem einer aus der deutschen Jugendbewegung erwachsenden jüdischen Jugendbewegung, die aus eigenem, innerem Antrieb zusammengeschlossen, ein neues Geschlecht heranzubilden, eine eigene Kultur der Jugend zu schaffen und als Höchstes die Einzelpersönlichkeit heranzubilden bestrebt war. Den Kampf dieser beiden Richtungen im eigenen Hause konnte der Verband nicht ertragen und mit dem Austritt der den JJWB. bildenden Jugend mußte er niedergehen. Er wäre untergegangen, wenn ihm nicht in dem Augenblick seines bevorstehender. Zusammenbruches aus dem gleichzeitigen Scheitern der jüdischen Jugendbewegung neue Führer zugeströmt w ären, die ihn' in den dritten Abschnitt seiner Entwicklung einführten, den wir die Zeit des Jugendbundes nennen wollen. Der Jugend p f 1 e g e v e r e i n kann ihm nicht Vorbild sein, weil er die Eigentäligkeit seiner .Mitglieder ausschließt, die Selbst Verantwortung der Jugend nicht anerkennt, die Wissensbereicherung an Stelle der Geistesvertiefung setzt. Die Jugendbewegung kann seinen Inhalt nicht ausmachen, weil sie. wirklichkeitsfremd, das Erziehungsprodükt aus der Spannung zwischen Führer und Gruppe gewinnt, die Einzelpcrsönlichkeit als Endziel über die Erziehungsgemeinschaft setzt. Was also ist der Jugendbund? Er ist Ihr habt es eben in Wieners Referat von der Verwirklichung der Persönlichkeit in der sachlichen Arbeit gehört — die Stätte der Erziehung des Einzelnen zur Gemeinschaft, aus der allein die Kraft .zu schöpferischen Taten gewonnen werden kann. Das Wissen braucht nicht notwendig in einem Bund angeeignet zu werden, die Einzelpersönlichkcil wird im Lebenskampf gestärkt, den wir im Beruf und in mancher anderen Lebenslage allein zu kämpfen gezwungen sind. Das Erziehungsziel des Jugendbundes ist die Einordnung in eine Gemeinschaft, deren Ausstrahlung den Einzelnen auf seinem Wege, derihn wieder nach außen und in andere Kreise führen wird, begleiten und ihm immer wieder ein Wegweiser zur Gemeinschaft sein soll. So ist unsere Vorstellung vom Jugendbund. So sin d_ aber unsere Bünde nicht. Wenn wir die Arbeit der einzelnen Gruppen verfolgen, so sehen wir Vereine, vor allem in den Großstädten, die mit Programmen aufwarten, die gerade so gut Programme eines Literaturvereins sein könnten, Vorträge über mannigfache Themen, die sehr lehrreich sind, die aber niemals die Menschen des Bundes zueinander bringen, Kurse, die eine Volkshochschule mit anderem Vorzeichen darstellen, gesellige Veranstaltungen, Spaziergänge, die ihren Sonderzweck erreichen, aber nicht unserem Ziele näher bringen. Wir haben andere Gruppen, und bezeichnenderweise gerade in Kleingemeinden, die. von starken Führernaturen geleitet, Produkt ihrer Arbeit, niemals den Anschluß an die Gesamtheit des Verbandes finden. Und hier haben wir den aus der Geschichte des Verbandes resultierenden Fehler, daß wir die beiden ersten Etappen noch nicht, restlos überwunden haben, daß jugendpflegcrischc und jugendbewcglerische Einflüsse die organische. Entwicklung des Verbandes stören. Wie dies überwinden? Wie zu einer einheitlichen Erziehungslinic in allen Blinden kommen? Hier setzt unsere Forderung des E r z i eh ungsmindestprogrammsi ein, die besagen will: Der Verband ist nicht lediglich Organisation, der Verband und seine Bünde sind ein einheitliches Gebilde, das eine einheitliche Erziehungslinie verlangt. Das ist keine neue Erkenntnis und keine neue Forderung. Wir dürfen als Anfänge der Verwirklichung an die Rundbriefe des Westdeutschen B. V. erinnern, nach denen viele Bünde gearbeitet haben. Wir können auf das Pflichtthema in der vorig-' jährigen Werbewoche verweisen, die Frage nach dem Verhältnis von „Jugend und Gemeinde".- Und gerade dieses eine Beispiel einer einheitlichen erzieherischen Leistung des Verbandes bestätigt die Berechtigung unserer Forderung. Wenn wir heute in der Lage sind, von der jüdischen Oeffcntlichkeit über unsere Arbeit in der Gemeinde zu sprechen und, wie ich hoffe, gemeinsame Verpflichtungen vor der Ocffenllichkeit aufzunehmen und gemeinsame Forderungen an sie stellen dürfen, so ist das nur möglich, weil wir in gemeinschaftlicher erzieherischer Arbeit eine gemeinsame Basis gefunden haben, die wir als die unsere, als unser Gemeinschaftsprodukt bezeichnen können. Das Erziehungs-Mindestprogramm muß von der Voraussetzung aufgestellt werden, daß jedes Bundesmitglied während seiner aktiven Zeit mit allen der jüdischen Gemeinschaft immanenten Fragen in Berührung kommt. Wir wissen sehr wohl, daß die wahrhafte und ernstliche Beantwortung der das Judentum der Gegenwart umgebenden Fragen nur aus einem umfassenden Wissen vom Judentum heraus möglich ist, ebenso wie wir ahnen, daß der Forlbestand eines lebendigen Judentums auf die Dauer von Dingen abhängig sein wird, deren Verwirklichung im Rahmen eines für alle unsere Mitglieder verbindlichen Programms noch nicht möglich ist. Doch darüber im zweiten Teil. Das Minimalprogramm soll, wenn schon nicht überall die Kenntnis, so doch zum mindesten das Verständnis jüdischer Gegenwart bringen, es soll in unseren Menschen das Gefühl der unlösbaren Verbundenheit mit allen Erscheinungsformen des gegenwärtigen jüdischen Lebens bringen. Es soll sie offen für die Verschiedenheit der Geislesrichtungen im Judentum und zugleich reif für die Erkenntnis der Einheit über allen Verschiedenheiten machen. So erscheinen mir als die unerläßlichen Punkte unseres Programms: der Gottesdienst, das Fest, | das Haus, die Gern-einde, die Parteien, die Organisationen der Juden in Deutschland, die jüdische Heimstätte in Palästina, das j ü d i s c h e Volkstum außerhalb Deutschlands, ebenso wie die nicht nur jüdischen Fragen: Staat, Erziehung, Wirtschaft. Es kann nicht Aufgabe dieser Stunde sein, die Methoden der Arbeit auf Grund dieses Programms aufzustellen, obwohl ich hotfe, im zweiten Teil einiges wenigstens streifen zu können. Aufgabe ist vielmehr nur, von euch Vereinsführern diesen ersten Schritt in die Wirklichkeit bündischer Arbeit zu fordern. Die alte Verbandsleitung hat Euch eine Organisation wiedergeschaffen, die stark genug sein dürfte, den Druck nach innen zu vertragen, welchen eine neue Verbandsleitung auf die Arbeit der einzelnen Bünde wird ausüben müssen. Ich kenne für die neuen Verbandsführer kein wichtigeres Ziel, als

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