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Der Jugendbund · 1928-06-01 · 6 (1.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
6 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Bedeutung, daß es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist: es gibt keine Wahrheit für den Menschen ohne Wirklichkeit. Der Mensch der Gegenwart ist der Mensch des Willens, der Energie, der Kraftanspannung. Diese Gesinnung kann zu purer Selbstsucht, bloßem Genußstreben, zu Lieblosigkeit und reiner Interessenwirtschaft führen. Und wer sieht nicht, wie auf dieser eng gewordenen Erde die Menschen und die Völker einander stoßen und drängen! Es ist aber zugleich die Denkart, die in vielleicht endgültiger Ueberwindung und prinzipieller Ausmerzung von Jenseitsidealen dem Menschen ins Herz schreibt, daß das Ideal ausschließlich seinen Sinn von dem Maße seiner Verwirklichung empfängt. Ueber Gehalt und Bedeutung der Ideale selbst ist damit gar nichts gesagt. Hierin steckt die Wurzel eigentlicher Sachlichkeit. Sie ist im Grunde eins mit Ernst und Wahrhaftigkeit. Sie verknüpft den Geist als das Instrument des Intellekts, der Einsicht in das Reale, mit dem echten Willen, der nicht im Wünschen und Schwärmen steckenbleibt. Sie lähmt nicht die Phantasie, ohne die ZukunfUgestaltung und ideale Lebensformung unmöglich ist. Aber sie schärft den Instinkt gegen Verlogenheit und Phrase. Die Demokratisierung der Bildung hat dem Wort, dem gedruckten und gesprochenen, den Zugang zu allen und einen ungeheuren Einfluß geöffnet. Das erste Gebot bleibt das Hören. Aber kein Hinhorchen ohne das Streben, sich zu besinnen und ein Urteil zu bilden. Wir leben in der unendlichen Gefahr der Zersplitterung und völligen Verdampfung unserer geistigen Interessen. Die ernste Sachlichkeit erzeugt als erstes die Bescheidenheit, mit der wir uns darüber klar werden, was und wieviel von dem uns Dargebotenen wir überhaupt vertragen können. Sie ist Konzentration unserer Kräfte, sie stellt subjektiv die Forderung auf, daß wir uns erstmalig darüber vergewissern, was der Mittelpunkt eigener Interessiertheit und persönlichen Arbeitswillens ist. Wir wollen uns von anderen nichts einreden lassen, aber die noch gefährlichere Klippe vermeiden, daß wir das Opfer eigener Vorspiegelung werden. Wer bestimmt den Zeitgeist? Die Wortführer oder die Worthörer? Gewiß beide gegenseitig. Aber wir wollen uns nicht darüber täuschen, daß in Wissenschaft und Kunst, in Literatur und Theater, in Politik und auch in Religion Kitsch und Phrase nur geboten werden, weil man sie willig in Empfang nimmt, vielleicht williger, mit aufgeschlossenerer Seele als das Ernste und Gediegene, was doch zumeist dasjenige ist, was größere Ansprüche an die Einsicht und zugleich — wie wir nicht vergessen möchten — an das Verstehenwollen stellt. > Wir haben eben von der Sachlichkeit in ihrer subjektiven Form gesprochen. Betrachten wir ihre objektive Gestalt an einem Gebiet, das uns besonders naheliegt, an demjenigen der Religion. Sie ist hier wie anderwärts immer der Wille, zu sehen und zu verstehen, was ist und was ist nicht. Sachlichkeit innerhalb der religiösen Lage der Gegenwart bedeutet mir zuallererst Klarheit über die eigene Stellungnahme, ob man Gott für sich persönlich bejaht oder verneint. Man soll darüber im reinen sein, daß Religion nicht die Erkenntnis der Geschichte der Religion ist, nicht das Vermögen historischästhetischer Einfühlung in ein mutmaßliches Erlebnis der anderen, sondern Selbstentscheidung zu eigener Seelenformung. Man muß auch Gewißheit darüber haben, daß das Religiöse an sich sich schroff allem einsichtigen Kulturinhalt entgegenstellt, daß .von ihm tatsächlich, im massivsten Sinne ein Glauben gemeint und verlangt wird, daß kein Liberalismus, keine sogenannte religiöse Weltanschauung den nach religiöser Wahrhaftigkeit Strebenden davon befreien kann, das unheimlich Jenseitige des Göttlichen in sich aufzunehmen. Sachlicher Ernst ist hier die Einsicht in die erste Realität der Religion, daß es ein Wesen gibt, Gott, das allen Maßstäben irdisch-natürlichen Lebens entgleitet, daß Offenbarung, die Form, in der er zu den Menschen spricht, etwas ganz anderes ist als Vernunfterkenntnis, nicht bloß ein anderes Wort, ein feierlich religiöses, für die simple Tatsache einer ursprünglich dem Menschen eingeborene Erkenntnis. Sachlichkeit in der religiösen Diskussion ist es, daß man alle die heute wieder lautwerdenden Streitigkeiten über die Gestalt des Kultus, über mehr oder weniger Hebräisch im Gottesdienst zurückstellt hinter die große Alternative: Religion — Nicht-Religion. Denn Sachlichkeit heißt hier, wie überall schließlich, die Hauptsache sehen und sie von Nebendingen klar unterscheiden. Klarheit gewinnen über das, was ist, um sich entscheiden zu können und mit ganzer Seele wirklich sich einsetzen, das scheint mir demnach auch als die Aufgabe, die sich aus der Tendenz unseres Bundes ergibt. Die Neutralität, die Partcilosigkcit ist nicht der Ausdruck von Vorsicht und Bequemlichkeit, von Feigheit und Faulheit, sondern einmal von Besonnenheit, die vor dem Urteilen lernen will, dann aber ynt allem Frucht des Glaubens, daß es ein wurzelhaft Jüdisches gibt, ein Positives, als die Voraussetzung für das Leben des jüdischen K'lal. Keiner der Unserigen ist gehindert, außerhalb unseres Kreises in einer besonderen Partei nach seiner Weise dem Judentum zu dienen. Was wir hier wollen, aber ist, uns zu dem Gedanken der Einheil" der jüdischen Weltgemeinde zu bekennen und uns selber zu erziehen. Wir glauben an einen jüdischen Geist und an einen einheitlichen Körper des jüdischen Volkes; wir glauben nicht, daß irgendeine religiöse oder nationale Gruppe der allein berechligte Ausdruck des Judcntusm ist und ihr Programm die anders nicht zu gestaltende Zukunft der jüdischen Gemeinschaft. Wir fühlen uns als ein konkretes, geistig seelisch bestimmtes Menschentum, zahllosen hinwirkungen von außen geöffnet, willig uns ihnen erschließend, indem wir so teilnehmen an der Kulturmenschheit überhaupt und innerhalb ihrer vor allem am Leben und Geist des deutschen Volkes. ^Abcr indem wir den Blick auf das Ganze spannen, auf das Ganze jüdischen Seins, indem wir klar sehen und uns sagen, daß nur die ganze Judenheit das Judentum erretten und erhalten kann, "legen wir durch unseren Bund Zeugnis ab für das Ideal jüdischer Einheit. Wir halten uns so — wahrlich keine geringe Aufgabe für sachliche Arbeit — von jener Polemik fern, die oftmals das Leben des Judentums allein als eine Offenbarung von Parteienstreit und Gruppenzank erscheinen läßt. Wir wollen aus innerer Ueberzeugung heraus die Zelle zur Bildung eines einheitlichen Judentums sein, eines jüdischen Judentums, dessen Sinn unsere unverkümmerten Instinkte uns deutlich erleben lassen. Wir können nicht an den großen Aufgaben und großen Sorgen der jüdischen Weltgemeinde, am Aufbau Palästinas, an der Neubelebung der hebräischen Sprache .teilnahmslos vorhersehen. Wir fühlen Vielmehr in uns den Pulsschlag des ganzen über die Welt zerstreuten Stammes. Wir wollen lernen und uns bilden, aber vor allem, um wirken zu können. Unserer Sache mit Begeisterung, aber zugleich mit Klarheit dienen, das heißt hier gewiß unsere eigene Persönlichkeit aufbauen. Herbert Felsenthal. Düsseldorf Mir ist die Aufgabe gestellt, vor Euch über „Die Arbeit in den Bünden" zu sprechen. Im Bewußtsein der Schwierigkeiten, die sich uns bei der Aufzeigung gangbarer Wege fruchtbarer Arbeit in den Bünden allenthalben autzeigen, beschäftigte ich mich intensiv mit dem Referat unseres Freundes Hugo Hahn, das mil dem Thema „Das Bildungsproblem im Jugendverein" unsere letzte Dclegiertentagung abschloß. Bei der Durcharbeitung et ist im Julihett 1926 des „Jugendbund" veröffentlicht — kam ich zu dem Ergebnis, daß die in ihm 'dargetanen Richtlinien den einzig gültigen Inhalt unserer Arbeit darstellen können. Denn, was Hahn das Bildungsproblem im Jugendverein nennt, der Kampf um die innere Anteilnahme der Jugend am Leben des Geistes und zumal die Einbeziehung jüdischer Jugend in die jüdische Gefsteswelt, ist. mit anderen Worten ausgedrückt, das Erziehungsziel unserer Arbeit, demgegenüber alle anderen uns vorschwebenden Ziele als Zwischenstufen oder Nebengewinn erscheinen." So kam es von selbst, daß ich an diesem Referat Hahns mir die Aufgabe für den heutigen Tag dahin umwandelte oder besser gesagt, darauf beschränkte, Fehlerquellen aufzuweisen, die sich der Anwendung der Hahnschen Richtlinien in der Arbeit des Verbandes entgegenstellten und Vorschläge zu ihrer Beseitigung zu machen. 5

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