Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 6 (1.6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Den Kern der jüdischen Seele offenbart auch heute noch der Grundzug der jüdischen Religion, die über alle Besonderheiten parteimäßig getrennter Auffassungen hinweg das Leben von innen nach außen, Verwirklichung einer Gesinnung, den Willen zur Ausführung und Wirklichkeitsgestaltung verlangt. Die Freiheit des Wollens und Handeins, die hieT kaum je bezweifelt .ward, bekommt den Sinn, Persönlichkeiten zu formen, die, unter der Autorität des göttlichen Gesetzes stehend, rhre eigene Bedeutung erst daraus empfangen, daß und in welchem Maße sie jene objektive Norm erfüllen. Alle personlichen Eitelkeiten und Selbstsüchte, aller Ueberschwang des Sichauslebenwollens, aller eigene Sinn, wofern er ein Eigensinn ist, verschwinden hier hinter der großen sachlichen Forderung. Der Mensch wird erzogen, sich selbst und seine Neigungen zu vergessen hinter dem, was Gott verlangt. Gefühl und Stimmung, der Selbstgenuß eigensten persönlichen Seins, sie treten in den Hintergrund gegen das große, sachliche, das von Gott gewollte Ziel. Fraglos liegt darin eine Objektivierung, eine Versachlichung der Persönlichkeit selber. Denn der Mensch findet sich hier erst, indem er die Forderung des Gesetzes zur Richtschnur seines Lebens macht. Und sein Leben ist nicht isoliert; denn nicht als Einzelindividuum, vielmehr als Sohn seiner Gemeinschaft,, als Kind des jüdischen Volkes, gehorcht er Gottes Stimme. Sie hat zu allen gesprochen; und so ist es der Sinn jedes einzelnen, sein ganz nebensächliches zufälliges Ich lediglich als Mittel für das höchste Ziel zu erleben. Ein tatkräftiges, dabei herbes in bezug auf das eigene Ich und die Privatwünsche bescheidenes, in Richtung auf die große Aufgabe aber stolzes und hochgemute! Wollen wird .so erzeugt. Der eigene Wert wird nicht gemessen am Maße der eigenen Einbildung, an der Große persönlichen Wünschens und Fürsichhabenwollens, am Grade der Selbstschätzung, die immer Selbstüberschätzung ist, sondern allein in Rücksicht auf die Frage: Wie verwirkliche ich im Kreise auf das gleiche Ziel gekehrter, zu gleichem Werk verpflichteter Genossen die göttliche Forderung? Im Vordergrund stand hier immer die \ om Gesetz verlangte objektive Haltung, gewiß begleitet von dem nach innen schlagenden Reflex von Stimmungen und Gefühlen, aber doch in ihrer Grundrichtung darauf gekehrt, großen unpersönlichen Zielen zu dienen. üer Mensch suchte und fand sich so in der Bewährung des göttlichen Pflichtgebotes. Und in der Gewißheit, der tief wurzelnden Ueberzeugung. daß solches Leben der gottgewollte Sinn des Lebens überhaupt ist, wurde der jüdische Mensch Persönlichkeit -und Individualität. Beides aber war im Lichte der Offenbarung gesehen, die ein für allemal bis ins Einzelne und Letzte festgelegt hatte, was zu wollen und zu schaffen dem Menschen nottut. Das Unterscheidende, Eigengefärbte lag so nicht im Ziel, das der einzelne sich steckte, sondern allein in der Innigkeit und Entschiedenheit, mit denen er sich der gemeinsamen Aütgabe bemächtigte. Gewiß blieb eine breite Sphäre der Subiektivität frei; aber diese bezog sich nicht auf die sich in äußerer Tat entladende Daseinshaltung, als vielmehr auf die freie persönliche Deutung und Sinngebung des von Gott Gebotenen. Mochte mancher seine eigenen Gedanken über die ..Gründe der Gesetze" sich machen, seine Phantasie spielen lassen, um sich persönlich gleichsam für den Privatgebrauch die Wege der Vorsehung zu erklären: im Vordergrunde der Wirklichkeit — Wirklichkeit hier im tiefen Sinne der Wiiksamkeit verstanden — erhob sich doch immer das objektive Lebenssystem, das jeden mit seiner Autorität umspannt hielt, ihm deutlich zu Gemüte führend, was eigentlich seine Sache und was Ernst der Bemühung um diese Sache ist. Daß dieser Tatbestand den jüdischen Geist weit über die Geltung des religiösen Traditionalismus hinaus tief geprägt hat. kann nicht übersehen werden. Auch die Juden, welche die Autorität der überlieferten Ordnung gar nicht mehr oder nur noch in höchst bedingtem Maße bindet, bleiben einer seelischen Haltung unterworfen, in welcher das Wollen, das Streben nach V ollbringung und \ erwirklichung innerlich geschauter Ziele die Herrschaft führt. Die fraglos überdurchschnittliche Energie, die der jüdische Mensch im sozialen, politischen und allgemein kulturellen Ringen zeigt, ist zum Teil gewiß seinem geschicht- 4 liehen Schicksal auf Rechnung zu setzen, das ihn bisher immer gezwungen hat, alle Kraft zu seiner Selbstbehauptung zusammenzunehmen. Aber dieser äußeren Notwendigkeit kommt die innere Furchung seiner Seele entgegen, die ihn durch mehrlausendjährige Erziehung dazu gebracht hat, von innen nach außen zu leben. Sinnen und Wünschen zu einem Wollen zu steigern, sich selber seine Inwendigkeit nur zu glauben, wenn sie ihn zu wirksamer Gestaltung der Außenwelt hinträgt. Hier haben wir es mit dem gemeinsamen Erbe unserer Väter zu tun, und uns erwächst die Aufgabe, dieses Leben der Alten für uns und unsere Arbeit zu nutzen. Verstehe ich das heutigeWort von der Sachlichkeit recht, so verdankt es seine Entstehung einem Zeitalter hochgezüchteten technischen Denkens und materieller Interessiertheit, das in innerster Seele sich einen Rest von Schani dafür bewahrt hat, daß das Ideal doch so ohnmächtig sei. Es liegt wohl ein gewisses Ressentiment hier vor, das aus leise gefühlter, aber nicht eingestandener Not eine l ugend machen will. Die Amerikanisierung Europas und der Welt überhaupt scheint fast vollbracht. Die Mechanisierung und Bureaukratisierung der Arbeit, das, was man mit dem vieldeutigen Wort Materialismus bezeichnet, hat nicht zu verhindern vermocht, daß im 20. Jahrhundert auf den verschiedensten Gebieten des Kulturlebens in Kunst, Metaphysik und Religion von neuem idealistische Keime sich entfalteten. Aber der Grundton des Daseins erklingt nicht in ihnen.. Es ist vielmehr ein Wünschen und Streben, Sehnsucht innerster Unbefriedigtheit als wirklich eine feste. Basis neuen Lebens, die in dem sporadischen Idealismus von heute, in mystischer Kunst und Religiosität, in der Ahnung der neuen Rätsel, die Biologie und Psychologie, Physik und Astronomie wieder aufgeben, ans Tageslicht kommt. Aber die Substanz der Gegenwart, der bestimmende Faktor unserer Tage, liegt nicht in einer neuen iseligion, in einem neuen Idealismus, in romantischer „Umkehr der Wissenschaft"; — er liegt vielmehr in stärkstem Betätiliungs- und Verwirklichungsdrang, der sich nicht damit begnügt, die richtige Erkenntnis in einsamer Seele zu hegen und in der Stille des Gemütes dem wahren Gedanken über Gott nachzuhängen, der vielmehr ein Sein, eine Realität als tatsächlich bestehend bloß anerkennt, wofern sie sich als das Fundament zu Lebensaufbau und Weltformung sichtbar erweisen. Wir leben in einem durch und durch praktischen Zeitalter. Das erweist sich unter höchstem und allgemeinstem Gesichtspunkte vor allem in einer nie zuvor gekannten Durchdringung aller Geistes- und Kulturgebiele. Man vergegenwärtige sich nur Jie Enge der Beziehungen, die durch folgende Linien bezeichnet werden: Naturwissenschaft — Technik — Wirtschaft; Gcschichtserkenntnis — Politik; Religion — Ethik — soziale Arbeit; Arbeitsunterricht — Lebensberuf; Schule — Oeffentlichkeit; Theater — politische Beeinflussung. Die Demokratisierung der Bildung gehört ebenso hierher, wie die ungeheure Bedeutung, welche die Ausübung des Sports im Volksleben erlangt hat. Für alle diese Dinge lassen sich gewiß Beispiele auch aus anderen Zeiten erbringen, aber der Grad jener Durchdringung war niemals annähernd so hoch, wie in unseren Tagen. Schließlich ist Idealismus immer stark von der Nuance bestimmt worden, daß die Hauptsache am Dasein das innere Haben und Bewußtwerden, die Gewißheit des Besitzes der richtigen Theorie sei. Das aber ist das Neue von heute, daß unser Leben die Lebendigkeit, die nach außen getragene Anwendung, nicht bloß theoretisch mögliche Anwendbarkeit verlangt. Es ist das genaue Gegenteil der Gesinnung, die sich in dem Worte ausspricht: Wenn ich dich nur habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde. Unsere Welt ist gegen den Dualismus von Idee und Realität gerichtet, wirklichkeitsfreudig in dem Sinn, daß sie als wirklich nur das Wirksame, das in sichtbarer Ccstalt sich Aufbauende anerkennt. Das mag praktischer Idealismus immer behauptet haben, seit den Tagen der jüdischen Propheten. Aber die Behauptung von einst ist heute zum selbstverständlichen Lebensziel geworden: freilich keineswegs nach der Richtung hin, daß nun heute das goldene Zeitalter der messianischen Erfüllung angebrochen wäre, in dem die Kluft zwischen Sein und ideegesättigtem Sollen überbrückt wäre, sondern in d e r