Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 4 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Das interessanteste Buch" Führer unserer Junggruppen schreiben über die interessantesten Bücher des letzten Winters. Vielleicht werden die nachstehenden beiden Beurteilungen, die aus der Fülle hier herausgegriffen werden, unseren jungen Freunden manche Anregungen geben können. Margot Weil. Düsseldorf, berichtet über Edmond Fleg: „Der kleine Prophe t": „. . . Der tiefe Ernst, diese feinen, menschlich warmen Gedanken in dem klaren, kurzen Stil haben eine wahrhaft magische Kraft auf mich ausgeübt. Dieses Buch gibt so viel, daß man es immer gerne lesen kann. Man vergißt ganz, daß es nur ein Buch und kein Mensch ist, was da zu einem spricht. Mir kam. als ich es las, oft der Gedanke, als sei vieles eine Art Selbstbiographie Flegs. Es mag ja sein, daß er wenigstens Aehnliches in seiner Jugendzeit erlebt hat — jedenfalls muß er tief in die Kindesseele eingedrungen sein: denn eine feine Menschenkenntnis spricht aus .seinem Werk. Rührend weiß er die kleinen und später großen inneren Kämpfe des kleinen Claude, wie die seiner Freundin Marietta darzustellen. Es hat mich geradezu ergriffen, wie dieser Knabe die Fühler seines jungen Herzens ausstreckt, um den richtigen Weg zu finden, wie ihn Menschen aller Art für ihre verschiedenen Gesinnungen und Ziele zu interessieren suchen, und endlich, wie ihm dieses, uns allen rätselhafte. Etwas d:c Erkenntnis des Judentums weist. Und sein jüdischer Glaube, den er sich nach langem Umherschweifen erobert ha', trägt den Sieg davon. Dieses Ende hat mich so ungemein befriedigt. Durch Kampf zum Sieg ist Claude, der kleine Prophet, gegangen, nachdem ihn seine Jugendgespielin Marietta oft irre leitete auf den Weg zur Taufe, nachdem ihn seine Eltern nicht verstanden hatten und sein Religionslehrcr Lobpiann ihm die Schönheiten und Labsale des jüdischen Glaubens nicht zu entdecken wußte. Sein kindlich vertrauender Gottesglaube aber kämpft sich zuletzt durch. . .". Dieses Buch ist mit ähnlicher Freude und Begeisterung auch irt den Junggruppen Osnabrück und Euskirchen gelesen worden. Und nun geben wir Hans Abraham, Gelsenkirch en. das Wort: ...Mit wirklich innerer Freude nenne ich als interessantestes Buch des letzten Winrcrs Frank Thieß, Abschied vom Pa.racfies". Das Buch beschreibt mit tiefem und wahrem Verständnis das Drängen, das Ahnen der Jugend, daß man die Empfindung hat: Das bist du selbst! Es sind deine eigenen Empfindungen, die des Dichters Gestalten erleben. — Das Buch behandelt die ersten Probleme. 'die uns in unserer Jugend beschäftigen, mit einer einzigartigen Zartheit und Reinheit. Der Dichter schildert uns eines Fünfzehnjänrigen erste und große Freundschaft. Daneben hören wir von seinem Drang nach dem Selbst, nach dem eigenen Leben und den Idealen. Das Buch ist sonnig. Seine Lektüre bereitet Feierstunde. . ." Gewiß ist es tiberflüssig, als Nachbemerkung noch zu sagen, daß diese zwei t'rlcile über Bücher unendlich mehr sind als bloße sachgemäße Kritiken oder Empfehlungen — aus diesen Zeilen unserer jungen Freunde, beide sind Sehnzehnjährige, fühlt man. wie wundervoll es ist. Bücher im tiefsten Innern mitzuerleben. Lesen und lesen ist eben ein gewaltiger Unterschied, s. J. R, Bücherschau Angelica Balabar.olf: Erziehung der Massen zum Sozialismus. E. Laubschc Verlagsbuchhandlung, Berlin. Obwohl für marxistische Agitatoren als ein Lehrbuch geschrieben, ist dieses Büchlein mutatis mutandis ein Lehrbuch für Agitatoren überhaupt. Die Gegensätze zwischen Agitation und Demagogie werden erklärt. Wo. wie, wann, bei wem, gegen wen man agitieren soll, wird gezeigt. Das schmale Bändchen ist den agitatorisch tätigen Verbandsführern zu empfehlen. * Emil Ludwig: Kunst und Schicksal. Vier Bildnisse. Ernst- Rowohlt-Verlag. Berlin. .Die Welt ist klug, der Künstler ist ein Narr", sagt Ludwig am Beginn seines Buches und meint damit den tragischen Künstlerkonflikt zwischen Welt und Kunst; singt dann, indem er die Bildnisse vieler solcher Narren malt, das hohe Lied der Kunst. Auch das hohe Lied der Narrheit? — Was das Besondere an Ludwigs Erzählertalent ist, ist eben das, daß er erzählt, lebendiger Menschen Leben erzählt; lebenswahr erscheinen uns all diese Menschlichkeiten und Unmenschlichkeiten. Und ob der Künstler nun ein erlebnisreicheres Leben führt als der gewöhnliche Sterbliche, oder ob nur von den hellen, heroischen Gestalten der dunkle Hintergrund im Beschauen sich mehr abhebt, das steht dahin. — Es ist jedenfalls auch dieses wundervolle Buch eine Darstellung erlebten Lebens, eines Künstlers Schau vom Künstlerleben. Kunst, Narrheit, Welt. Leben: kann einer ein echter Künstler auf einem dieser Gebiete sein, ohne zugleich an dem anderen teilzuhaben? Die Frage stellt sich bei jedem dieser Bildnisse ein. die Antwort wird Sache des Lesers sein. Walter Rathenau. Briefe. Neue Folge. Carl-Reißner-Verlag, Dresden. Ein Ergänzungsband zu der Ausgabe seiner Briefe, die vor wenig Jahren großes und berechtigtes Aufsehen erregte, Veil maji wohl den Denker, den Staatsmann, den Industriellen, kaum aber den Menschen Rathenau kannte. Und ihn kennen zu lernen, sind seine Briefe sicherlich in erster Linie berufen. Viele Faksimilis und Bilder geben gerade diesem letzten schmalen Band ein persönlicheres Gepräge, als den beiden ersten. Und alles in allem: es erhebt sich immer wieder die stolze Frage: Wieso können die Menschen von diesem toten Juden nicht loskommen? Die Fraucngestalt der deutschen Frühe. Von Gertrud Bäumer, Verlag F. A, Herbig, GmbH., Berlin W 35. Preis geb. 7,50 Mk. Nicht selten erobert sich erst eine spätere Zeit aus Bedürfnis und Sehnsucht ein Stück Vergangenheit zurück. Durch unsere überladene, verwirrte und verflachte Kultur geht ein Suchen nach dem ..Wesentlichen". . . . Wir möchten wieder Gestalt sehen, wo nur ein Chaos des Stoffes zu sein scheint. Unserer Jugend ist dieses Suchen seit zwei Jahrzehnten geradezu Lebenssinn geworden. . . . Sie will unter der Oberfläche des tobenden Alltags zu den „Müttern" vordringen und die Ouellen wahren Lebens bloßlegen. . . . Sie fühlt sich gebunden in das geschichtliche Leben ihres Volkes. . . . Darum glaubt diese Jugend, so sehr sie dem letzten Jahrhundert mißtraut, doch an die Vergangenheit. ... Es braucht nicht alles, was lebendig wirkt, erst in Lehre, in Worte und Begriffe gefaßt zu werden. Es kann unausgesprochen, unzerlegt, eben ..Bild" bleiben. . . . So. durch vertieftes Schauen, Formen, die unser Instinkt vergessen hat, in den deutschen Frauen wieder erwachen zu lassen, das ist — ich bekenne es — der geheime Wunsch bei der Entstehung dieses Buches gewesen." Verwandte Saiten werden durch diese Worte Gertrud Bäumers in uns berührt. ..Jugend und Kunst" ist aus diesen Gedanken heraus schon früher einmal das Thema unseres ..Jugendbund" gewesen. Was die Frauenführerin hier deutschen Frauen sagt und zeigt, kann auch für uns junge Juden gelten. ..Verlebendigung" der großen Vergangenheit, „Sichhingeben" ohne Klügelei, das ist unser Sehnen, das tut uns not. Und so schauen wir die wunderbaren Plastiken des deutschen Mittelalters, lassen uns erheben durch diese reine, wahrhaft große Kunst, lesen die klaren, einfachen Erläuterungen, die den Bildern beigegeben sind. Uns berührt stark die Figur der ..Synagoge" vom Straßburger Münster, der die Verfasserin eine so edle Deutung gibt, als dem Bild „von der Unendlichkeit der Vergangenheit", die der Künstler „mit dem höchsten und rührendsten Adel ausstattet." Diese Erkenntnis, daß der Besiegte, der Untergehende der Größare sein kann", ist groß, wenn sie auch uns Juden fremd ist. ..Aber meine Seele, Schönlieit ferner Kindertage, und mein tief verstecktes Leben hab' ich der Besiegten, Verstoßenen. gegeben . . . Daß wunderbar in Gottes Brudernähe von Niedrigkeit umglänzt, ihr reines Bildnis stehe." S. K.