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Der Jugendbund · 1928-04-01 · 4 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
4 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Halle a. S.: Themen der letzten Wochen waren: „Soll man immer die Wahrheit sagen? — „Gottesdienst" — „Großstadt". - Man hatte darüber interessante Aussprachen. Halle a. d S.: Themen der letzten Wochen waren: „Soll man bäum, Radewiger Straße 7) hat sich unserer Gemeinschaft angeschlossen. Kaiserslautern: Die Junggruppc zählt 55 Mitglieder zwischen 7 und 16 Jahren und besteht nun bereits 6 Jahre. Die Bibliothek verfügt über'. 200 Bände. Sämtliche Gebiete der Heimstunden werden von Junggrupplcrn bestritten. In der letzten Zeit wurden folgende Themen behandelt: 'Warum kann ich auf mein Judentum stolz sein?" — „Die Leitung unserer Junggruppe nach Yerbandstendertzcn". — Außerdem im Geschichtszyklus: Die Könige des Reiches Juda. — lieber das Kasperletheater der Gruppe schreibt Leonhard Felsenthal u. a.: „Kasperltheatcr haben wir schon oft als hübsche Unterbrechung in die Reihe der Heimnachmittage eingefügt. Die größte Freude daran haben natürlich die Jüngeren. Aber auch die Aelteren erscheinen meist vollzählig. Und Kasperltheatcr hat den Vorzug, daß es fast überhaupt keine Vorbereitungen benötigt. Einigermaßen geübte Spieler kommen mit einer Probe aus, für. Anfänger sind ein paar Proben aber besser. Bei den Proben soll immer einer die Haltung und Bewegung der Figuren kritisieren. Jetzt noch die notwendigen Gegenstände: Ein Kasperltheater selber muß man sich eben anschaffen, wenn es nicht einer der Freunde bereits besitzt. Stücke findet man in Buchhandlungen. Nun noch eine eigene Erfahrung: Kasperltheater eignet sich am besten für kleinere Räume, z. B. innerhalb eines Heimnachmittags im engeren Kreise. Bei großen Veranstaltungen mit vielen Zuschauern, vielleicht auch noch Erwachsenen, wird man kaum die Stimmen der Spielenden überall verstehen können." Osnabrück.: Am 3. März war das Purimfest-der Gruppe mit 50 bis 60 kostümierten Kindern (Cow- und Liftboy*, Biedermeier, Türken, Harlekins), mit Kaffee-, d. h. Kakaotafeln, mit guten Aufführungen, Ueberraschungen, Preisverteilungen und Schlußpolonäse, mit Stimmung und Fröhlichkeit. Marta Gitelsohn sprach den Prolog. Rose Engers hatte, ohne Hilfe von Seiten Erwachsener in Anspruch zu nehmen, ein Stück einstudiert, Bernhard Schoeps sogar selber ein Theaterstück verfaßt, und die Festleitung hatten die Damen Roos und Irma Ehrlich. Wesermünde: Unter der Leitung von Rudi Meibcrgen hat sich eine Junggruppe gebildet, die gute Anfangserfolge hat. (Initiative: natürlich Jetta Mamlok!) Franzos „Moschko von Parma" wurde gelesen. Nach dem Lesen wird ordentlich gesungen. Jetta hat ihre Klampfe dabei. Man benutzt das Liederbuch von Hermann Böse, Das Volkslied für Heim und Wanderung (Arbciter-Jugendverlag, Berlin). J. R. Briefe aus New-York Im'vorigen kurzen Briefe habe ich Euch versprochen, einige kleine, oder sagt man besser, für uns als Juden große Eindrücke mitzuteilen. Ich meine das allerdings nur vom Standpunkte des Juden in Deutschland aus gesehen, denn was mir auf den ersten Blick als. sagen wir einmal, absonderlich erschien, gehört hier wohl zu dem Alltäglichen, bedingt durch die Masse der hier wohnenden Juden. Ich weiß nicht, ob die Statistik recht hat. wenn sie annimmt, daß-jeder dritte oder vierte Neuyorker Jude ist. Groß kann jedenfalls der Irrtum nicht sein. Den ersten Eindruck erhielt ich durch meinen Radioapparat. Ohne den täglichen ..Radiofahrplan" studiert zu haben, stellte ich eine beliebige Welle ein und schon drang der Gesang eines herrlichen Tenors an mein Ohr. Ueberlegend. woher mir die Melodie so bekannt erschien, half mir der Sänger, indem er laut und klar sein: „l'oho daudi" sang. — Durch Zufall war ich in die Wellenlänge geraten und nachschauend -ersah ich aus dem Programm die Station, die die „Jewish hour" gab. Von demselben - Sänger hörte ich zum Schlüsse noch „Kol nidre" und „Haschiwenu" in mir unbekannte Melodien. — Es mag an dem Judenreichtum der Stadt liegen, daß allwöchentlich eine der achtundvierzig Neuyorker Stationen eine „jüdische Stunde" gibt. Das Bemerkenswerte an diesen Vorträgen ist, daß die Lieder, die vorgetragen werden, vorher erläutert und besprechen werden. Man erzählt die Bedeutung des Liedes, seine mutmaßliche Entstehung, spricht über den Komponisten, kurz, man erfährt alles und auch der Nichtjude weiß jetzt ebensoviel wie der Jude, der in den meisten Fällen ebensowenig über die synagogalen Gesänge wußte. In den Zeitungen liest man sehr häufig den Wunsch nach mehr „Jewish hours". Interessant dabei ist, daß dieser Wunsch in den meisten Fällen von Nichtjuden geäußert wird. Zuweilen werden diese „jüdischen Stunden" mit jiddischen Liedern ausgefüllt, die einen wundervollen Melodienreichtum besitzen. Mir drängte sich natürlich gleich die Frage auf, weshalb haben wir etwas derartiges nicht in Deutschland? Gewiß, es finden auch im deutschen Rundfunk Vorträge hebräischer Lieder und Gesänge statt. Ich glaube aber benvrkt. zu haben, daß. während sich hier die besten Kantorer. NV.ivorks zur Verfügung stellen, in Deutschland sich nicht die allerersten Kräfte in den Dienst der Sache stellen. Vielleicht besinnt sich mit der Zeit der eine oder andere. — Eine andere Sache. An den meisten Zeitungsständen werden jüdische Zeitungen verkauft. Jüdische, das heißt, daß man die amerikanischen Zeitungen mit riesigen hebräischen Lettern bedruckt. Der Inhalt ist jiddisch, und ich war erstaunt, daß es mir möglich war, diese Zeitungen teilweise besser zu verstehen, als die englischen. Es ist gar nicht so etwas Bemerkenswertes, wenn einem Straßenfeger oder Gepäckträger die hebräische Zeitung aus der Tasche sieht. Ein kleines Intermezzo möchte ich noch mitteilen, das sich in der Subway begab und dessen Zeuge ich war. Neben mir sitzt, seine hebräische Zeitung lesend, ein junger Jude. Auf der anderen Seite haben sich zwei deutschsprechende Herren niedergelassen, die ostentativ beim Anblick der hebräischen Lettern der eine die „Deutsche Tageszeitung", der andere den „Fridcricus" aus der Tasche ziehen. Nach einigen Augen- Blicken fängt ein wüstes Geschimpfe auf die Juden an. „Man findet keine Stellung, alles in Judenhänden, Schacherer, Händler usw." Mein Nebenmann schaut auf und sagt lächelnd in bestem Deutsch: „Verzeihung, haben die Herren keine Stellung? Wenn es Ihnen recht ist, kann ich Ihnen Arbeitsmöglichkeit verschaffen. Ich bin zwar kein Händler oder Schacherer, sondern nur ein einfacher Taxichauffeur. Wenn Sie aber mit Autowaschen anfangen wollen, so bin ich Ihnen gerne behilflich." Pause, die von einem anderen mit der Bemerkung ausgefüllt wurde: „Ja, hier heißt es arbeiten, keine Arbeit scheuen, wer den großen Mann spielen will, muß in Deutschland bleiben." Diese letzten, englisch gesprochenen Worte genügten, um die beiden Helden an der nächsten Station aussteigen zu lassen. Ein dritter Eindruck. Auf der Eastseite Neuyorks ein Taxi suchend, das mich heimbringen sollte, sah ich ein solches mit großer Geschwindigkeit herankommen. Es stoppend, sah ich an den Wagenscheiben hebräische Buchstaben. Zu meinem größten Erstaunen entzifferte ich die beiden Worte als' das alte, große Bekenntnis: „Iwri onauchi". Das mußte ich mir erklären lassen. Auf meine Frage erhielt; ich aber nur die Antwort: „I'm sorry, I'm goineg to make Schabbos." Jedenfalls habe ich mir die Adresse dieses Taxiführers notiert. Ich muß ihn doch später einmal über die Bedeutung seiner Wageninschrift befragen. Vielleicht erzähle ich Euch demnächst davon. Liebe Freunde, ich hoffe, daß Euch das eine oder andere interessieren wird. Wenn Ihr es für wert erachtet, es auch anderen Freunden mitzuteilen, so legt Euren Gefühlen keinen Zwang an. Ich wünsche Euch und Eurer Arbeit alles Gute. Vielleicht höre ich zuweilen etwas von Euch. Bis dahin bleibe ich Euer Erich de Jonge. 10

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