Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1928-04-01 · 4 (1.4.1928) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
14 (1928)
Issue
4 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492456-6352307-6352538--0588-4928760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

oft trotz' aller Erziehung nicht zu eigen wird: religiösen Instinkt. Daß auch unserer Jugend dieses hohe Gut zuteil werde, ist unsere Hoffnung und Zuversicht. Eine neue religiöse Sehnsucht, ein Verlangen nach Wahrhaftigkeit und Innerlichkeit ist in den Jungen erwacht, die sich aus eigenem Antriebe zusammengefunden haben. Wenn sie auch dabei nicht immer mit den Eltern gehen, bisweilen sogar gegen die Eltern —, ohne Ehrfurcht sind sie nicht. Sie streben zu den echten Quellen der Vorzeit, sie suchen „den Gott des Vaters". Am Schilfmeer erkannten ihn die Kinder zuerst, und die GroOen folgten ihnen. Möchte auch heute die religiöse Erkenntnis der Jugend nur der. Vorläufer sein für ein allgemeines Gottsuchen und Gottfinden in der jüdischen Welt. Jüdische Gedanken Ober Mahatma Gandhi won Rabbiner Dr. Felix Aber. Bremen I. Ein Frommer unter den Völkern der Welt, l Romain Rollands Büchlein über Mahatma Gandhi ist ein Werk, das den Leser packt und ihn nicht los läßt, bis daß er die letzte Seite gelesen hat. „Wisse, wer auf einen Propheten stößt, der fühlt in sich einen neuen Geist erwachen, fühlt sich von anderen Menschen geschieden durch Lauterkeit der Gedanken, durch Verlangen nach jener höheren Stufe, durch Festhalten an Demut und Reinheit!" Mit diesen Worten aus Juda Halevis Kussari (I, 103) möchte man den Eindruck beschreiben, den diese Schrift hinterläßt. Nach der Lektüre dieses Büchleins und der Sammlung Jung-Indien, in der R. Rolland die Aufsätze des Meisters aus den Jahren 1919 bis 1922 vereinigt hat, fühlt man sich um die Zuversicht bereichert. Trotz aller maßlosen Ansprüche von Politik und Wirtschaft, die den Menschen zu einer Nummer, einem willenlosen Objekt machen wollen, gilt doch «uch heute noch des antiken Dichters Wort: Viel des Gewaltigen lebt. Doch nichts ist gewaltiger als der Mensch! Die Glaubensstärke einer einzigen Persönlichkeit, die Kraft einer von Religion erfüllten .Menschenseele vermochte selbst im 20. Jahrhundert noch ein Volk von dreihundert Millionen im Innersten zu erschüttern. Das ist eine Tatsache, vor der alle kleinen Ereignisse des Tages ins Wesenlose versinken. Kein religiöser Mensch kann an ihr vorübergehen. Schöpft er doch aus ihr die Gewißheit: Noch heute kann die Lehre das Leben beeinflussen! Auch wir Juden können an diesem gewaltigen Zeitgenossen uns das Verständnis erwerben für den schweren Kampf, den unsere eigenen Propheten zu führen hatten, gegen Mächte, die den Namen nur gewechselt haben, im wesentlichen bis auf diesen Tag sich gleichgeblieben sind, um dem Religiösen im Leben Geltung zu schaffen. Da wir an einem Zeitgenossen erlebten, welche Lebensmacht die Religion noch heute sein kann, sind unsere eigenen Herzen uns nahegerückt, die für uns nicht der Vergangenheit, sondern der Ewigkeit angehören sollen, die Propheten Israels. Und wenn diese Schriften uns zu nichts anderem anregen würden, als zu einem lebendigen Verständnis der Propheten der Bibel, so würde dies schon ihre Lektüre vom jüdischen Standpunkt aus rechtfertigen. Dazu aber kommt die tiefe Verwandtschaft, die' die Ideen Gandhis mit den Lehren des Judentums aufzeigen. Denn seitdem der letzte der Propheten das Wort gesprochen hat: „Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist groß mein Name unter den Völkern", hat das Judentum immer ein feines Gefühl für diejenigen Bewegungen gehabt, die in der Richtung des eigenen Strebens lagen und hat, wenn man von einigen Perioden geistiger Verfinsterung absieht, solche Strömungen freudig begrüßt. Nur aus solcher Kulturoffenheit heraus konnte der Begriff der Frommen unter den Völkern der Welt geschaffen werden, zu denen wir Gandhi zu zählen keinen Augenblick zögern können. Die Aufsätze Gandhis enthüllen schonungslos eine ersch-Gtternde Tragödie, zu der das Schicksal Indiens sich gestaltet. England hat mit den Massenartikeln europäischer, amerikanischer und japanischer Fabriken das- Land überschwemmt. Dieser Warenstrom hat, da keine Zollschranken ihn 8 eindämmten, die wirtschaftlichen Grundlagen und die Existenzmöglichkeiten einer Bevölkerung von 300 Millionen vernichtet. Nur eine kleine Bevölkerungsschicht in den großen Städten hat hiervon den Nutzen gehabt, die große Masse des Volkes in den viel Tausenden von Dörfern ist nicht mehr konkurrenzfähig und ist dem Hungertod verfallen. In früheren Zeiten, als noch keine europäischen Stoffe das Land überschwemmten, gab es in Indien eine bis in jede Hütte verbreitete Hausindustrie, von der die riesige Bevölkerung leben konnte. Die Charka, der alte indische Spinnrocken, spendete Auskommen und bescherte Glück. Darum fordert Gandhi den heroischen Verzicht auf die Erzeugnisse europäischer Fabriken und die Rückkehr zur Charka. „Durch das Spinnrad sagen wir der Welt, daß wir entschlossen sind, uns von ihr gänzlich unabhängig zu machen." Ich möchte die Zweifler bitten, in die Häuser der Armen zu gehen und die Insassen zu fragen, ob nicht mit dem Spinnrad die Freude wieder eingezogen sei in ihre Wohnungen. „Der Rückkehr zum Spinnrad" gibt Gandhi „das Gewand religiöser Weihe". „Einem Volke, das arbeitslos ist, das Hunger leidet, darf Gott nur in einer Form erscheinen: in Arbeit." „Ich kann keine Grenze ziehen und keinen Unterschied machen zwischen Oekonomie und Ethik. Wirtschaftliche Einrichtungen, die die moralische Wohlfahrt eines einzelnen oder eines Landes beeinträchtigen, sind unmoralisch und deshalb sündhaft. Wirtschaftliche Grundsätze, die einem Volke erlauben, ein anderes auszurauben, sind unsittlich. Wie nahe solche Wertschätzung der Arbeit und solche Wirtschaftsgesinnung jüdischer Lebensanschauung kommt, bedarf erst keines besonderen Nachweises. Aber nicht Gandhi als Reformator der Wirtschaft ist es, der unsere Bewunderung in erster Reihe erzwingt — denn die Erfindung der Maschinen läßt sich nicht mehr rückgängig machen und auf anderem Wege als der Rückkehr zum primitiven Werkgerät wird das Problem „Mensch — Maschine — Nahrung" zu lösen sein —, sondern der religiöse Politiker. Das ist nicht so zu verstehen, daß Gandhi die Religion zum Mittel der Tagespolitik herabwürdigen will, sondern er will umgekehrt die Politik in die Sphäre der Religion emporheben. Was Moritz Lazarus an Jeremia rühmt, daß er alle politische Moral verdammt, die nicht zugleich moralische Politik ist, ist auch das politische Bekenntnis des großen Inders. „Ich habe", sagt er einmal, „bei mir selbst und meinen Freunden versucht, Politik mit Religion zu verbinden. Mit Religion meine ich nun nicht die der Hindu, die ich allerdings höher stelle als alle anderen, sondern ich meine die, die über allen Hinduismus hinausgeht, die den Menschen bis in die Tiefen der Seele verändert, unlöslich mit der ewigen Wahrheit verknüpft und darum unablässig läutert. Religion ist das unverrückbare Etwas im Menschen, das keine Anstrengungen zu groß findet, um zur vollen Entfaltung zu gelangen, und das die Seele nicht ruhen läßt, bis sie sich selbst gefunden, ihren Schöpfer und die wahren inneren Beziehungen zwischen ihm und sich selbst erkannt hat." Das religiöse Prinzip, das er in das politische Leben übernimmt, ist der Gedanke der Gewaltlosigkeit, der auf einer alten indischen Glaubensvorstellung, dem Ahisma beruht. Auf dem Wege der Gewaltlosigkeit in Verbindung mit der Forderung der Noncooperation, der Aufforderung der englisch-indischen Regierung jegliche Mitarbeit zu versagen, will er ohne Blutvergießen das Joch der britischen Gewaltherrschaft brechen. „Gewalt ist das Gesetz der Bestie, Gewaltlosigkeit das unserer Art. Der Geist schlummert in der Bestie,* so daß sie kein anderes Gesetz kennen kann, als das der physischen Kraft. Die Würde des Menschen fordert Ergebung an ein höheres Gesetz, an die Kraft des Geistes." Wer denkt bei einem solchen Ausspruch nicht sofort an die prophetische Verkündigung: „Nicht durch Kraft und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige." Die Lehre Gandhis enthält somit hinsichtlich der Forderung der Gewaltlosigkeit für uns Juden keinen neuen Gedanken. Ruht •doch das Reich des Messias auf dieser Erkenntnis. Ist doch die messianische Zeit diejenige, in der die Völker „umschmieden werden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern und eines nicht mehr gegen das andere den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.