Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 14 (1928)
- Issue
- 4 (1.4.1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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wie nützlich die Beschäftigung mit den Gestalten und Ideen der Vergangenheit ist, und wie sehr sie auch der heutigen Generation nottut. Aber das darf nicht zur Außerachtlassung der Gegenwartsfragen führen! Man pflegt sich in jüdischdemokratischen Kreisen heute gern lustig zu machen über unverbesserliche Reaktionäre, die sich von den Gedankengängen und Symbolen der Vergangenheit nicht losmachen können. Unsere Verbandsarbeit muß mehr den Geist der Zeit atmen, in der wir leben, muß bei allem Gedenken der stolzen Vergangenheit des Judentums mehr sich der geistigen, sozialen, kulturellen Nöten des Gegenwartsjudentums annehmen und diesen-mit Idealismus, aber auch mit den sachlichen Mitteln einer modernen Zeit zu Leibe gehen. Eine hohe und dankbare Aufgabe. Ansätze dazu sind in unserer Verbandsarbeit schon vorhanden, fördern wir sie, wir dienen damit nicht hur unserem Verbände, sondern darüber hinaus der ganzen jüdischen Jugend und damit dem Gesamtjudentum. Denken wir an das Wort, das neulich der preußische Kultusminister Becker sprach: „Neue Zeiten wachsen aus neuem Glauben, nicht aus alten Idealen!" Leid und Befreiung der lugend Eine Pressebetrachtung von Rabbiner Dr. RUH, Bamberg Zum Pessachfest Wenn wir in den Schriften des Talmud und des Midrasch die Erzählungen von dem Martyrium Israels in Aegypten und von der Befreiung, aus der Knechtschaft lesen, dann muß es auffallen, daß die Schicksale der Kinder darin einen breiten Raum einnehmen. Den biblischen Berichten von der Kinderverfolgung des Pharao werden noch manche andere hinzugefügt, wobei unsere Weisen ihrer Phantasie ungehemmt die Zügel schießen lassen. Die Vermutung liegt nahe, daß diese Geschichten an den Sederabenden vor Kindern erzählt wurden. Denn Pessach ist ja das Fest der Jugend. Beim Sederabend spielt das fragende Kind eine fast noch größere Rolle als der erzählende Hausherr. Und nach dem alten Grundsatz „Wer recht viel vom Auszug aus Aegypten erzählt, der ist lobenswert", bemüht sich ein jeder in der Tischgesellschaft, neue Geschichten zu ersinnen und nach Möglichkeit solche, die für die anwesenden Kinder am meisten Interesse haben. So sind wahrscheinlich die vielen Kindergeschichten, mit denen der Midrasch die Befreiung aus Aegypten ausschmückt, entstanden. Aus der Fülle des Stoffes wählen wir einige Proben. Zu dem Satze der biblischen Befreiungsgeschichte „und Gott hörte ihr Flehen" bemerkt der Midrasch, die Aufseher des Pharao hätten streng darauf geachtet, daß die Israeliten Tag für Tag die vorgeschriebene Zahl von Ziegeln lieferten. Für jeden Stein aber, der an der Summe fehlte, sei ein israelitisches Kind in die Neubauten eingemauert worden. So hätten die Kinder aus den Wänden heraus geschrien und gejammert. Und Gott habe ihr Flehen gehört und die Erlösung beschleunigt'. An anderen Stellen wieder wird von Begebenheiten der göttlichen Hilfe erzählt. Die neugeborenen Kinder seien von ihren Müttern, die sie vor den Grausamkeiten des Pharao schützen wollten, unter Bäumen und Sträuchern verborgen worden. Dorthin habe Gott einen Engel geschickt, der die Kinder pflegte und versorgte. So seien sie wie junges Wild herangewachsen. Als aber Pharao ihnen auch in Feld und Wald nachstellen ließ, habe Gott sie in der mütterlichen Erde verborgen, und erst als die Gefahr vorüber war, wieder hervorkommen lassen. Sq seien ganze Herden von kleinen Wildlingen im Verborgenen groß geworden und dann später beim Nahen der Befreiung in die jüdischen Häuser zurückgekehrt. Solche Erzählungen beweisen zunächst, wie sehr unsere Väter ihr Schicksal in seiner Bedeutung für die Jugend betrachteten. Die Kinder standen im Brennpunkt ihrer Hoffnungen, Sorgen und Erwägungen; und so enthüllten ihnen auch die Ereignisse der Geschichte erst ihren eigentlichen Sinn durch ihre Beziehung zur Jugend. Die Leiden Israels in Aegypten wurden ihnen erst dadurch zu Wahrheiten, die über das rein Geschichtliche hinausgreifen, daß sie die Leiden von Kindern sind. Gerade die beiden erwähnten Erzählungen bergen einen symbolischen Sinn, der auch für unsere Zeit von Bedeutung ist. Daß die Kinder durch das Sklaventum ihrer Eltern und die kalte Grausamkeit des Pharao um ihr Lebensrecht betrogen und in die harten Quadermauern des Frondienstes eingemauert wurden, ist nicht bloß Legende, sondern die bittere Wahrheit aller Epochen der jüdischen Geschichte, auch der unserigen. Immer, wenn auf den Juden der Druck der Tyrannei lastete, war die jüdische Jugend der am meisten leidtragende Teil. Wir brauchen dabei nicht nur an die bleichsüchtigen, furchtsamen und freudlosen Kinder und jungen Menschen des Ghettos zu denken; in milderer Form kehrt dieselbe Erscheinung auch heute wieder. Die hartnäckige Ablehnung, auf die wir Juden noch immer stoßen, isoliert unsere Kinder in den Schulen, und unsere heranwachsende Jugend in den Geschäften, Universitäten und Sportvereinen. Aber diese Isolierung wird noch dadurch verschärft, daß die Generation der Eltern nicht immer alles tut, was notwendig wäre, um den Jungen ein inneres und äußeres Gegengewicht zu schaffen. Vorurteile, Kastengeist und eine kaum begreifliche Angst vor einer zu starken Betonung des Jüdischen geben vielen Eltern den unseligen Gedanken ein, ihre Kinder von jüdischem Zusammenschluß fernzuhalten. Dadurch erst wird die Abschließung 'Und Vereinsamung unserer Jugend vollkommen. Zwischen der nichtjüdischen Uniwelt mit ihrer ablehnenden Haltung und der jüdischen Oeffentlichkeit, die vielfach eine beklagenswerte Gesinnung der Abhängigkeit offenbart, befindet sich die jüdische Jugend in einem eingeengten Zustande, — fast ebenso eingemauert wie die Kinder in Aegypten. Und auch darin trifft die Erzählung des Midrasch zu,- daß wieder die Jugend um dessentwillen leiden muß, was die Aelteren an Arbeit und Leistung versäumt haben. Hätten sie mehr Steine zusammengetragen zum Bau von jüdischen Schulen und Jugendheimen, so könnten die Jungen in einer Atmosphäre jüdischer Heimatlichkeit Zuflucht finden. Denn das unentbehrliche jüdische Milieu der Erziehung, das die Elternhäuser leider oft nicht mehr vermitteln können, müßte durch Schulen und Jugendheime ersetzt werden. Aber daran fehlt es noch sehr. Wegen der Schwäche der Gesamtheit leidet die Jugend, wegen der Steine, die sie schuldig blieb, wegen de*r Arbeit, die sie nicht geleistet hat. Die Kinder in Aegypten seien dadurch vor dem Pharao gerettet worden, — so heißt es, — daß sie, fern vom Elternhause, nur von Gott behütet, in Feld und Wald herumgestreift seien, in Scharen und Rudeln, wie kleine Wildlinge; und erst beim Nahen der Erlösung seien sie in die Häuser Israels zurückgekehrt. Das klingt tröstlich. Auch die heutige jüdische Jugend, soweit sie sich selbstbewußt zusammenschließt, hat sich innerlich vom Elternhaus getrennt. Das ist nicht aus Pietätlosigkeit geschehen, sondern aus Selbsterhaltungstrieb, zur Ueberwindung der Abschließung von außen und innen. Die .lugend muß ihren eigenen Weg gehen, und durch die' Liebe zur Natur kann sie ihn am besten finden. _Wenn sie dort draußen allein herumstreift, wird Gott sie beschützen und in seiner Obhut heranwachsen lassen. Vielleicht erscheint manchem dieses Aufwüchsen ein wenig wild und allzu naturwüchsig, vielleicht entspricht es nicht ganz den bürgerlichen Anschauungen der Eltern; aber es ist in der Tragik der jüdischen Zustände die einzige Möglichkeit. Auch soll die Abkehr vom Elternhause nicht für ewig sein. So wie in Aegypten die Scharen der Kinder in die jüdischen Häuser zurückkehrten, als die Stunde des Heils gekommen war, so möge es auch bei uns bald so weit sein, daß die Jugend in die Elternhäuser zurückfindet, weil dort eine neue Zeit anbricht. Der Schluß der talmudischen Erzählung von der Errettung der Kinder lautet so: AI; der Heilige, gelobt sei Er. sich Israel am Schilfmeer als Retter offenbarte, da erkannten die Kinder ihn zuerst. Denn sie waren es, welche die Worte des Dankliedes sprachen: „Dies ist mein Gott, und ich will ihn preisen, der Gott meines Vaters und ich will ihn erheben!" Gerade die Jungen, die unterTlen Leiden der Knechtschaft aufgewachsen waren, ohne den Schutz des Hauses, und von Feindschaft umgeben, gehörten zu den ersten,- die Gott erkannten und als Retter priesen. Sie hatten sich in ihrer schweren Kindheit das erworben, was glücklicheren Kindern 7